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Liberale Jüdische Gemeinde : Auch Psalmen dürfen swingen

Egalitäre Minjan: Beim Beten in der liberalen jüdischen Gemeinde sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Bild: Helmut Fricke

Der Egalitäre Minjan ist die liberale jüdische Gemeinschaft in Frankfurt. Sie verbindet Intellekt mit Leidenschaft – und mit gutem Essen. In den Gottesdiensten dürfen auch Frauen vorbeten.

          Rabbinerin Elisa Klapheck ist im Urlaub. Doch der Schabbat kennt keine Sommerpause. Knapp 30 Leute drängen an dem schwülen Freitagabend in die Tagessynagoge in einem Seitenflügel der Westend-Synagoge. Auch ein Kleinkind im Kinderwagen ist dabei. „Schabbat Schalom“ sagt Daniel Kempin zu Mutter und Kind. Die Gottesdienstbesucher begrüßen einander mit diesen Worten. Und verabschieden sich Stunden später auf dieselbe Weise.

          „Ich darf alles, was die Rabbinerin darf“, sagt Kempin. Er leitet an diesem Tag das Kabbalat Schabbat, wie die religiöse Feier zu Beginn des jüdischen Feiertags heißt. Als Kantor ist er der zweite wichtige Repräsentant des Egalitären Minjans, der Gemeinschaft liberaler Juden in Frankfurt. Sie ist schon deshalb außergewöhnlich, weil ihr mit Klapheck eine Frau vorsteht. Das wäre in den anderen, ausschließlich orthodoxen Strömungen der Frankfurter Einheitsgemeinde nicht möglich. Die Gottesdienste des Egalitären Minjans werden überwiegend von Frauen besucht. Auch an diesem Freitag sind sie in der Mehrheit. Das sei eigentlich immer so, sagt Kempin. Er erklärt auch eine theologische Besonderheit. Bei den Orthodoxen finde ein Gottesdienst nur statt, wenn mindestens zehn Männer dabei seien. Das Quorum, der Minjan, gelte ebenso für liberale Juden. Aber: „Bei uns zählen auch die Frauen“, sagt der Vorbeter.

          Mit den Hüften schaukeln

          Mehr noch ist Daniel Kempin ein Vorsänger. Er vertont die Psalmen, die im Siddur stehen, dem jüdischen Gebetbuch. Wenn Kempin singt, tut er das mit vollem Einsatz. Er schließt die Augen, klopft sich auf die Oberschenkel und bewegt den Kopf von links nach rechts und zurück. Für die des Hebräischen nicht immer mächtigen Gottesdienstbesucher hat er die Texte phonetisiert und ins Deutsche übersetzt. Kempins Bemühungen sind offensichtlich erfolgreich. Während des Gebets „Alejnu“ schaukeln die Frauen und Männer in der Tagessynagoge mit den Hüften. So wie der Kantor und die Besucher den Psalm interpretieren, klingt es ein wenig nach Swing.

          Ein Vergleich, der Kempin nicht stört. „Wir sind ein singender Minjan“, sagt der gebürtige Wiesbadener. Die Arbeitsteilung von ihm und Rabbinerin Klapheck sei klar. Sie sei intellektueller Kopf der Gemeinde. „Ich bin für das Herz da“, sagt Kempin, der auch Gitarre spielt, CDs mit jiddischen Liedern produziert und international auf Konzerten auftritt. Er lebt seinen jüdischen Glauben mit voller Hingabe. Jedes Mal, wenn er den Siddur aus dem Regal nimmt oder ihn zurückstellt, küsst er ihn.

          „Gleichstellung ist eine Notwendigkeit“

          Der heute 55 Jahre alte Vorbeter wurde nicht als Jude geboren. Kempin wuchs als Katholik in einer Familie von Kirchenmusikern auf. Als junger Mann fand er Anfang der neunziger Jahre zum Judentum. Kempin legt Wert darauf, dass es keine Konversion, sondern eine „Rückkehr“ zum Glauben seiner Vorfahren gewesen sei. Er habe als Zwölfjähriger erfahren, dass er aus einer jüdischen Familie stamme. Seitdem habe er sich immer tiefer mit dem Judentum auseinandergesetzt und entschieden, jüdisch leben zu wollen.

          Zu Beginn sah sich Kempin als orthodoxer Jude, und er gehörte dem Vorstand der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Mainz an. „Als ich gehört habe, dass in liberalen Gemeinden die Frauen vorbeten, war ich irritiert.“ In seiner weiteren Auseinandersetzung mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, sei er aber zu dem Schluss gekommen: „Die Gleichstellung ist nicht nur möglich, sondern eine Notwendigkeit.“

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