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Liberale Jüdische Gemeinde : Auch Psalmen dürfen swingen

„Wir machen unsere eigenen Feiern“

Seit 1995 leitet Kempin Gottesdienste des Egalitären Minjans. Er lobt das in Deutschland einzigartige Frankfurter Modell, das die Liberalen in die jüdische Einheitsgemeinde integriert. Man wolle keine „Austrittsgemeinde“ sein. Ansonsten ist Kempins Verhältnis zu den orthodoxen Glaubensbrüdern mittlerweile eher distanziert. Wenn sie Taufen des Egalitären Minjans nicht anerkennten, sei ihm das egal. „Wir machen unsere eigenen Feiern.“ Kempin sagt, bei den Orthodoxen gehe es nach seinem Empfinden mehr um das „Nachbeten“ und nicht um die tiefere Auseinandersetzung mit dem Glauben.

Dafür treffen sich die Liberalen vor jedem Freitagsgottesdienst zum Schiur, einer Unterrichtsstunde zur Auslegung der Heiligen Schrift. Das tun zwölf meist jüngere Frauen und Männer auch an diesem Freitag. Mit den Worten „Ich bin die Ulrike“ stellt sich Ulrike B. vor. Als jüdische Laiin leitet sie die Sitzung. Die Teilnehmer sprechen über die Geschichte des Propheten Bileam, der die Israeliten verfluchen will. Gott lässt ihn, nachdem er den Plan beim ersten Mal abgelehnt hatte, scheinbar gewähren. Gleichzeitig schickt er einen unsichtbaren Engel auf den Weg, um Bileam zu stoppen. Dessen Eselin sieht den Engel und weigert sich, weiterzugehen. Bileam muss sein Vorhaben abbrechen.

Intellektuell, spirituell, kulinarisch

„Die Geschichte erinnert mich an die Erziehung meiner Kinder“, sagt eine Frau. Sie bringt die Runde zum Lachen. Einmal Nein heißt Nein, habe der Herr dem Propheten vermitteln wollen. Eine andere Teilnehmerin vermutet hingegen, Gott sei zornig gewesen, weil Bileam seine Worte nicht richtig interpretiert habe. Auch Sitzungsleiterin B. formuliert eine Idee. Sie sagt, Gott habe Bileam durch das „niedrigste und lächerlichste Tier“ widerlegen wollen.

Nachfeier: Kantor Daniel Kempin reicht das Brot zum Kiddusch, einem Segensspruch.
Nachfeier: Kantor Daniel Kempin reicht das Brot zum Kiddusch, einem Segensspruch. : Bild: Helmut Fricke

Nicht nur intellektuell und spirituell, sondern auch kulinarisch hat der Egalitäre Minjan etwas zu bieten. Nach dem Gottesdienst bleiben die meisten Gläubigen zum sogenannten Kiddusch. Ein junger Mann spricht einen hebräischen Segensspruch, zugleich teilt Kempin kleine Becher mit koscherem Wein und helles Brot aus. Die Teilnehmer stoßen an. Die meisten trinken den Wein in einem einzigen Zug. Danach gehen sie zum Buffet mit Nudel- und Tomatensalat und einem süßen Nachtisch über.

Farbiges Strickmuster auf der Kippa

Am Kabbalat Schabbat und an der Nachfeier nimmt auch Matthias Kühni teil. Der Schweizer wohnt nicht in Frankfurt, sondern ist auf der Durchreise. Vor dem Freitagsgottesdienst ist er mit dem Bus in die Mainmetropole gekommen. Am Sonntag fliegt er in den Urlaub nach Kanada. Nicht der Schabbat, sondern der Preis habe den Ausschlag gegeben, dass er den Flug um einen Tag verschiebe. Er sagt das mit einem Schmunzeln. Und er schildert, mit welcher List orthodoxe Juden das Verbot von Feuer und damit von Elektrizität am Feiertag umgehen. Wenn ein Licht schon brenne, sei das in Ordnung. Man dürfe nur keines anzünden. Wenn sie die Bahn benutzten, säßen manche auf einem Kissen. Sie sagten dann: „Ich sitze gar nicht im Zug.“ Humor habe auch der orthodoxe Rabbiner in seiner Heimatstadt Bern. Der trage eine Kippa in den Farben des lokalen Fußballvereins.

Auffällig ist auch die Kopfbedeckung von Daniel Kempin. Wegen ihrer farbigen Strickmuster könnte der unwissende Betrachter vermuten, sie sei afrikanischen Ursprungs. Die Kippa trage er immer, sagt der Kantor. Von Empfehlungen, auch von Juden, wegen drohender antisemitischer Übergriffe auf sie zu verzichten, hält Kempin nichts. „Sonst will ich nicht mehr in diesem Land leben.“ Der Mann, der so viel lacht, wird auf einmal sehr ernst.

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