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Bestattungen : Der letzte Gang, von Amts wegen

  • -Aktualisiert am

Einsam, aber würdevoll: Bestatter Francesco Colombo trägt eine Urne zum Grab auf dem Südfriedhof. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wenn ein Mensch stirbt und keine Angehörigen hinterlässt, kümmert sich das Ordnungsamt um die Bestattung. Ein nüchternes Rasengrab ohne Gedenkstein ist alles, was von ihm bleibt.

          Die Herbstsonne scheint auf die Trauerhalle des Südfriedhofs. Ein kleiner Mann im schwarzen Anzug und mit einer schwarzen Schirmmütze auf dem Kopf steht davor, in den Händen eine Urne. Francesco Colombo wartet. Darauf, dass vielleicht doch noch jemand zu dieser Beerdigung kommt. Doch niemand erscheint, und er kann nicht ewig warten. Langsam schreitet er über den Friedhof. Das Laub raschelt unter seinen Füßen. Seine Miene ist ernst und feierlich. Rings umher sind Menschen, die sich um die Gräber ihrer Verwandten und Freunde kümmern, das Dröhnen der nahegelegenen Hauptstraße vermischt sich mit dem Rauschen des Windes in den Bäumen. Ganz allein läuft er zu dem ausgehobenen Grab. Ein einsames Bild. Und doch hat es etwas Würdevolles.

          Wenn ein Mensch allein in seiner Wohnung stirbt oder als Obdachloser im Park, wird der Sterbefall zunächst dem Ordnungsamt gemeldet. Das versucht über Meldebehörden, Standesämter und Nachlassgerichte Angehörige ausfindig zu machen. „Im Vordergrund steht das Auffinden der Angehörigen, um mögliche Wünsche der Verstorbenen zu berücksichtigen“, sagt ein Sprecher des Ordnungsamts. Allerdings müssen laut Friedhofs- und Bestattungsgesetz Verstorbene spätestens vier Tage nach dem Tod bestattet oder eingeäschert werden. Die Beisetzung einer Urne könne zwar auch nach der Frist erfolgen, sagt das Ordnungsamt. Wenn aber innerhalb von drei bis vier Monaten kein Angehöriger gefunden werden könne, folge schließlich die Bestattung von Amts wegen. Die Organisation solcher Beerdigungen übernimmt eine durch eine Ausschreibung bestimmte Bestattungsfirma. Zur Zeit ist das die Pietät Schmidt & Partner.

          „Das ist alles sehr nüchtern“

          Diese kümmert sich um alles, was die Beerdigung betrifft. Ist der Tote Christ gewesen, werde ein Geistlicher zur Beerdigung bestellt, sagt eine Sprecherin der Pietät. Das Datum der Beisetzung werde zudem öffentlich gemacht, „Freunde und Bekannte können immer mitgehen“. Manchmal würden diese auch eine Namensplatte mit dem Geburts- und Sterbedatum des Toten bestellen. Denn so eine Platte gebe es nur, wenn jemand dafür zahle.

          Die Beisetzung selbst übernimmt dann der jeweilige Friedhofsmitarbeiter. „Das ist alles sehr nüchtern“, sagt Nikolette Scheidler von der Bestattungsfirma Kistner & Scheidler in Frankfurt. Sie empfehle den Leuten deshalb, „wenn sie allein sind, planen sie vor“. Zu ihren Kunden gehöre eine Reihe älterer Damen, die keine Familie mehr hätten und deshalb noch zu Lebzeiten ihre eigene Beerdigung mit dem Bestattungshaus zusammen planten.

          Rasengräber sind günstig und pflegeleicht

          Francesco Colombo arbeitet seit 26 Jahren auf dem Südfriedhof und seit zwei Jahren kümmert sich der gebürtige Italiener um die Beisetzungen. An diesem klaren Oktobertag stehen fünf Begräbnisse auf seinem Zettel, „drei Urnen habe ich schon versenkt“, sagt er. Die vierte trägt er nun zu einer Wiese. Nur ein kleines Loch ist in den Boden gegraben. Daneben ist ein noch frisches Grab, umgeben von Blumen. Für eine kurze Zeit nach der Beerdigung blieben sie liegen, dann werde alles zu der vorgesehenen Gedenkstelle am Rand der Wiese gebracht, sagt der 55 Jahre alte Italiener. Auf dem Rasen dürfe nichts stehen.

          Die Gedenkstätte auf dem Südfriedhof ist ein kleines Rechteck aus Ziegelsteinen. Darauf steht ein Grabstein aus schwarzem Marmor in der Form eines Obelisken, ohne Namen. Hier können Angehörige, Freunde und Bekannte Blumen und Kerzen für die Verstorbenen in den Rasengräbern hinstellen. Gepflegt werden diese von Colombo und seinen Kollegen, „wir mähen da einmal pro Woche drüber“. Die Rasengräber sind günstig und pflegeleicht. Da die Stadt für die Kosten der Beerdigung aufkommt, falls keine Angehörigen gefunden werden und das Erbe des Verstorbenen nicht reicht, wird diese Grabform oft bei Bestattungen von Amts wegen gewählt.

          „Es ist traurig, wenn keiner kommt“

          Die Zahlen solcher Bestattungen steige stetig, sagt ein Sprecher des Ordnungsamts. Von Januar bis August dieses Jahres seien dort 200 Sterbefälle gemeldet und zwei Drittel davon auch vom Amt beerdigt worden. Colombo sieht das ähnlich. In diesem Jahr seien es deutlich mehr gewesen, als noch im Jahr davor. Etwa sechs bis sieben Mal pro Woche führe er eine solche Bestattung durch, oft allein, „aber manchmal kommen ein paar Nachbarn oder ein Pfarrer“, sagt er. Diese sprächen dann meistens ein paar Worte. Geht er allein, ist es ein Begräbnis in Stille.

          Er bestatte alle Menschen gleich, egal ob Familiengruft oder kleines Urnengrab. „Es ist traurig, wenn keiner kommt“, sagt er, aber daran könne er nichts ändern. Er ist ein fröhlicher Mann und lacht viel. Die Arbeit scheint ihm nicht auf das Gemüt zu schlagen, für ihn gehört das eben zu seinem Job dazu. Trotzdem bemüht er sich sichtlich, dem Verstorbenen ein würdevolles Begräbnis zu geben. Langsam lässt er die Urne in das Grab. Ein kleines Loch auf einer Wiese, ohne Stein und ohne Namen. Dann richtet er sich langsam wieder auf, nimmt sein Mütze ab und verneigt sich. Die Sonne scheint durch die Zweige einer Birke auf das Grab und der Wind weht ein paar gelbe Blätter hinein. Colombo schaufelt ein bisschen Erde auf die Urne, setzt seine Mütze wieder auf und geht zurück zur Trauerhalle. Die nächste Urne steht schon bereit, um von ihm zu Grabe getragen zu werden.

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