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Bespitzelung bei Lidl : Ein Bund Karotten wiegt schwerer als Bedenken

  • Aktualisiert am

Die Lidl-Angebote sind interessanter als die Bespitzelungs-Vorwürfe Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Die meisten Kunden wissen Bescheid über den Skandal und äußern sich über die Behandlung der Lidl-Mitarbeiter kritisch. Vom Besuch des Supermarktes lassen sie sich aber nicht abhalten.

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          Hinter der Kasse findet sich ein Hinweis auf die öffentliche Diskussion, in die Lidl geraten ist. Neben gestapelten Broschüren mit den Angeboten für Wickelunterlagen und Schlagbohrschrauber liegen im Discounter an der Mainzer Landstraße Handzettel mit „Informationen für unsere Kunden zu den öffentlichen Vorwürfen gegen Lidl“.

          Darin äußert sich die Geschäftsführung über die Anschuldigung „sehr betroffen“, Mitarbeiter systematisch „bespitzelt“ zu haben. Dies entspreche nicht den Führungsgrundsätzen des Unternehmens. Sollten sich Mitarbeiter persönlich verletzt fühlen, so entschuldige man sich dafür „in aller Form“. Abschließend bittet die Geschäftsführung um das Vertrauen der Kunden.

          „Das beste Karottengrün bekomme ich hier“

          Daran mangelt es an diesem Mittag nicht, nimmt man die Kundenzahl als Maßstab. Meistens sind zwei oder drei Kassen besetzt, um die Schlange nicht zu lang werden zu lassen. „Wir haben gut zu tun“, sagt eine Verkäuferin. Wenn es etwas ruhiger zugehe als sonst, dann liege das an den Osterferien. Die Kunden wissen zumeist Bescheid über den Skandal und äußern sich über die Behandlung der Lidl-Mitarbeiter kritisch. Vom Besuch des Supermarktes lassen sie sich aber nicht abhalten. Ein Bund Gemüse wiegt offenbar schwerer als moralische Bedenken.

          „Eigentlich sollte man die boykottieren“, sagt Brigitte Ruppert, aus deren gelb-blauer Tüte die Blätter mehrerer Karotten ragen. „Aber ich habe zwei Zwergkaninchen und das beste Karottengrün bekomme ich hier.“ Für viele Beschäftigte der umliegenden Betriebe bietet sich der Supermarkt für einen Abstecher in der Mittagspause an. „Ich arbeite hier um die Ecke“, sagt Holger Pschorn. „Wenn der Laden hier nicht der naheste wäre, würde ich woanders einkaufen.“

          Von Lidl „so nicht gewollt“

          Die Mitarbeiter an der Mainzer Landstraße sind, wie die Kollegen in den anderen hessischen Lidl-Filialen auch, nicht überwacht worden. Nach bisherigen Erkenntnissen ist es in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein zu Spitzeleien gekommen. Die Verantwortung dafür weist die Geschäftsleitung in der ausliegenden Kundeninformation den Detekteien zu, die gegen Diebstähle und Inventurverluste vorgehen sollten. Diese hätten dabei zusätzlich Informationen über die Privatsphäre der Mitarbeiter gesammelt, was von Lidl „so nicht gewollt“ gewesen sei.

          Für den Kunden Konrad Groß ist dies das ausschlaggebende Argument. „Nur wenn sich doch herausstellt, dass Lidl dafür verantwortlich ist und nicht die Sicherheitsfirmen, würde ich da nicht mehr einkaufen.“ Gegen einen Boykott spreche, dass dieser zu Lasten der Mitarbeiter ginge, die schon genug unter den Bespitzelungen zu leiden gehabt hätten. Mehrere Kunden verweisen auf die Praktiken anderer Einzelhändler, die auch nicht besser mit ihren Angestellten umgingen. „Wenn es danach ginge, dürfte ich gar nicht mehr raus“, sagt Silke Loew. „Da bleibt mir nur noch, mich zu Hause in ein Sauerstoffzelt zu sperren.“

          Von den Befragten hat nur Rolf Günther Verständnis für die Überwachungen. „Wenn die bei Lidl ihre Sicherheitsgründe haben, dann ist das ihre Sache.“ Auf die Kundeninformation hat er nur einen kurzen Blick geworfen und dann lieber eine der Broschüren mit den Angeboten eingesteckt. Von der Werbung ist fast nichts mehr da. Der Stapel daneben ist annähernd unberührt.

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