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Porträt : Der Abschlepper vom Dienst

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Der Hof ist voll. Sieben Autos haben die Mitarbeiter in den vergangenen Stunden rund um das Eintracht-Stadion aus dem Verkehr gezogen. Am Abend ist ein Heimspiel. Aus manchen Parkzonen machen Ordner dann temporäre Halteverbote, wegen der Sicherheit. Wer das nicht weiß oder nicht merkt, wird abgeschleppt.

Alfred Meyer ist schon lange dabei. Der Seniorchef, den alle in der Firma „den Alten“ nennen, hat eines gelernt in den mehr als 30 Jahren Selbständigkeit: „Es gibt keine Regel.“ Soll heißen, manchmal schneit es Massen, und trotzdem gibt es kaum Einsätze. Und dann gibt es Tage mit Sonnenschein und freien Straßen, an denen die Mannschaft im Dauereinsatz schuftet. Ein guter Tag für Meyer senior ist ein Tag mit vielen, aber nicht zu vielen Aufträgen.

Haases Telefon klingelt. Kollege Becker hat den nächsten Auftrag für ihn. Wieder geht es zur Hanauer Landstraße. Ein Honda Civic hat Kupplungsprobleme. Haase fährt vom Hof. 9,4 Kilometer liegen vor ihm. Meistens mag er seinen Job. Abwechslungsreich und mit Kontakt zu Menschen. Aber es ist nicht immer schön. Nachts, schlechte Sicht, Regen, kalt, Autobahn - „das ist das Schlimmste überhaupt“. Vorsicht ist dann wichtig. Und Verstand. Wenn in einer solchen Lage dann aber auch noch „’n gescheiter Sattel“ vorbeizieht, während er auf der Autobahn einen Reifen wechselt, wird Haase manchmal mulmig. Neulich erst ist ein Pannenhelfer von einem Sattelzug während eines Reifenwechsels auf der Autobahn erfasst und getötet worden.

Honda kommt auf die Ladefläche

In Höhe des Neubaus der Europäischen Zentralbank ruft Haase den Kunden an. Der Mann radebrecht und ist kaum zu verstehen. Haase spricht langsamer und lauter. Er bittet den Mann, sich in Höhe des defekten Fahrzeugs an den Straßenrand zu stellen. Ein paar hundert Meter weiter winkt ein Dunkelhäutiger. Er lotst Haase auf einen langgezogenen Parkplatz. Sein Deutsch ist schlecht, aber viel besser als das des Arbeitskollegen, um dessen 16 Jahre alten Honda es eigentlich geht. Haase hat kaum angehalten, da schieben vier Männer das silberfarbene Auto herbei. Haase prüft noch kurz die Kupplung. Das Pedal klemmt und bleibt durchgedrückt. Wahrscheinlich ist der Zylinder für den Kupplungsnehmer kaputt. Der Honda kommt auf die Ladefläche.

Das Auto soll in Nied repariert werden. Über die Autobahn sind das 25 Kilometer. Haase fährt los, der Mann, ein Schweißer, sitzt auf der Rückbank. Er hat Augenringe. Seit Tagen steht er um fünf Uhr auf, weil sein Auto kaputt ist. Der Weg aus seiner Wohnung in der Nordweststadt mit Straßenbahn und U-Bahn zieht sich.

Die Autobahn ist frei, die Sonne kommt hinter den Wolken hervor. Bald ist Feierabend. Zwischen 200 und 400 Kilometer ist Haase jeden Tag unterwegs. Frauen als Kunden sind ihm lieber. Die sind nicht so penibel mit den Autos. Und sie tanken im Vergleich zu Männern seltener das falsche Benzin. Haase bekommt ein Grundgehalt plus Zuschläge für Einsätze in der Rufbereitschaft. Was er verdient, will er für sich behalten.

Eine halbe Stunde später fährt er rückwärts auf den Hof einer kleinen Werkstatt in Nied. Der Chef kennt die Familie des müden Honda-Fahrers. Der hofft, dass die Reparatur deshalb schneller geht und weniger kostet. Haase lässt sich den Transport quittieren. Dem müden Mann gibt er die Hand. Der zwinkert kurz. Dann sagt er: „Bis nächste Mal.“

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