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Porträt : Der Abschlepper vom Dienst

  • -Aktualisiert am

Falschparken kostet 238 Euro

Meist melden sich Versicherungen, die ihren Kunden aufgrund eines Schutzbriefs das Abschleppen, das Bergen oder die Pannenhilfe bezahlen. Becker lässt sich jede Kostenübernahme per Fax bestätigen. Sobald das Schreiben vorliegt, schickt er die wichtigsten Daten wie Standort, Fahrzeugtyp, vermutlicher Schaden und Handynummer dem jeweiligen Fahrer per Computer auf dessen Spezial-Navigationsgerät. Jeder Einsatzort ist schon programmiert. So präzise, wie es die Angaben der Versicherung und des Kunden erlauben.

Morgens um sechs rufen regelmäßig auch Mitarbeiter der Stadt an. Leute wie der Chef des Wochenmarkts am Dornbusch, der an diesem Morgen darum bittet, einen VW Fox zu entfernen. Die Halterin war krank aufgewacht und hatte sich am Arbeitsplatz abgemeldet. Leider hatte sie vergessen, dass ihr Auto auf einem Parkplatz stand, der während des Markts zu räumen ist, weil dort Stände aufgebaut werden. Am späten Nachmittag wird sie deshalb auf den Hof der Firma kommen müssen, um ihren abgeschleppten Fox zu holen. Ihre Vergesslichkeit kostet sie 238 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Haase muss los. Unfall auf der Kreuzung von Stresemannallee und Kennedyallee. Viel mehr weiß er noch nicht. Nur, dass es um einen weißen Smart geht, den er laut Versicherung zum nächsten Smart-Vertragshändler bringen soll. 5,6 Kilometer bis zur Unfallstelle errechnet das Navi. Haase startet in Rödelheim, fährt an den Messehallen vorbei, über den Platz der Republik, dann quert er den Main. Kurz vor der Ankunft ruft er den Versicherungsnehmer an. „Abschleppdienst Meyer, Haase mein Name. Und zwar, Sie hatten einen Unfall auf der Stresemannallee.“ Der Mann am anderen Ende bestätigt das. Die Stimme klingt ruhig. Haase macht es kurz. „In ein paar Minuten bin ich bei Ihnen.“ Der Mann bedankt sich.

Unfallgegner reden auf Haase ein

Haase hält auf der Stresemannallee in zweiter Reihe. Die orangefarbene Rundumleuchte auf dem Dach ist eingeschaltet, er stellt den Abschlepper schräg hinter den Smart. So sichert er die Unfallstelle und kann die Lage checken. Vor dem Smart steht der Wagen des Unfallgegners, ein weißer Seat Leon. Dessen Fahrer wollte die Kennedyallee stadtauswärts fahren, der Smart-Fahrer war zuvor auf der Stresemannallee bei Grün in die Kreuzung gerollt, auf der sich die Autos stauten. Als er endlich anfahren konnte, hatte der Seat-Fahrer auch schon Grün und fuhr ebenfalls an. Ein Krachen, ein Unfall. Dem Smart hängt die Stoßstange herunter, der vordere linke Scheinwerfer ist zerstört. Der Seat ist vorne zerbeult und zerschrammt.

Die Polizei hat den Unfall schon aufgenommen und die Fahrzeuge an den linken Straßenrand gelotst. Das ist eine halbe Stunde her, die Beamten sind fort. Die Unfallgegner, zwei junge Männer, reden nicht miteinander. Dafür erzählt jeder Haase seine Version der Geschichte. Als könnte der entscheiden, wer Schuld hat. Und als würde ihn das überhaupt interessieren.

Haase fährt den Abschleppwagen einige Meter vor. Er befestigt einen kurzen Gurt an der Achse des Smarts, am rechten Vorderrad innen. Daran macht er das Stahlseil der Winde fest. Dann steigt er in den Smart, die Fahrertür lässt er offen. Mit der Fernbedienung, die aussieht wie ein altes, dickes Handy mit durchsichtiger Plastikhülle, schaltet er die Seilwinde auf der Ladefläche ein. Vorsichtig steuert er den Smart auf das Plateau. Als das Auto komplett draufsteht, drückt er einen anderen Knopf. Das Plateau richtet sich auf und schiebt sich auf die Ladefläche. Haase sichert zwei Räder des Smarts mit Gurten, dann ist er fertig. Der Einsatz am Unfallort hat keine 15 Minuten gedauert. Der Smart-Fahrer klettert auf die Rückbank des Schleppers. Die nächste Vertragswerkstatt liegt an der Hanauer Landstraße.

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