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Bergen-Enkheim : Abends wird der Personalrat zum Henker

Der Schelm und die Seherin: Dimitrios Bakakis spielt den Henker von Bergen, Sigrid Roßmann das Kräuterweib Sibylle. Bild: Cornelia Sick

In Bergen wird im August wieder das Schelmenspiel aufgeführt. Das Heimatstück, das alle vier Jahre inszeniert wird, verliert nicht an Reiz: Seit Januar proben rund 50 Laiendarsteller.

          3 Min.

          Das Bild ist noch nicht ganz stimmig. Der Henker von Bergen steht im Kostüm am vorderen Rand der Bühne. Den Strick hat Darsteller Dimitrios Bakakis als Gürtel um sein rotes Gewand gebunden. Die lederne Henkersmütze hat er abgezogen, sie baumelt an seinem Rücken. Ihm gegenüber hat sich drohend der Führer der Scharwache von Frankfurt aufgebaut. Die Rolle verkörpert Frank Fella – mit T-Shirt, Turnschuhen und knielanger Freizeithose. Auch die zwei im hinteren Bühnenbild stehenden Speerträger haben zivile Kleider an. Bei den Proben für die Aufführung „Der Schelm von Bergen“ wird drei Wochen vor der Premiere noch improvisiert.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Heimatspiel ist ein regelmäßig wiederkehrender Höhepunkt im Stadtteilleben von Bergen-Enkheim. Alle vier Jahre wird das einst vom Heimatdichter Conrad Weil (1893 bis 1960) in Anlehnung an die Schelmensage verfasste Theaterstück aufgeführt. Nun ist es wieder so weit: Für vier Abende, vom 24. bis 27.August, wird sich der Parkplatz vor der historischen Schelmenburg und der benachbarten Stadthalle in Bergen in ein Freilichttheater verwandeln. Die Mitglieder des Vereins „Förder- und Trägergruppe Schelmenspiel“, dem Frank Fella vorsteht, studieren das Theaterstück seit Monaten ein.

          „Das war ein Eiertanz“

          Das Ensemble besteht aus 50 Laiendarstellern, die größtenteils auch in Bergen-Enkheim wohnen. Die ersten Rollen wurden schon im Januar besetzt. Insgesamt wirken vor und hinter der Bühne 100 Personen an der Inszenierung mit, darunter 14 Kinder. Das gut zweistündige Stück spielt im 13. Jahrhundert in und vor der Freien Reichsstadt Frankfurt. Es erzählt von den Geschehnissen im Zusammenhang mit einem Besuch von Kaiser Friedrich Barbarossa und dem Auftreten des Schelms von Bergen.

          Im späten Mittelalter war der Schelm kein Witzbold, sondern der Scharfrichter – ein aus der Gesellschaft Ausgestoßener. Ermuntert von den Weissagungen des Kräuterweibs Sybille, begibt sich im Schelmenspiel der Henker auf einen Maskenball in den Römer, wo er unerkannt mit der Kaiserin tanzt. Als um Mitternacht die Masken fallen, wird er erkannt. Die Kaiserin befürchtet, durch des Henkers Berührung ehrlos geworden zu sein. Barbarossa findet jedoch einen Ausweg.

          Andrea Zanaboni führt wieder Regie bei dem Dreiakter. Die gelernte Schauspielerin und Sängerin hatte vor vier Jahren erstmals die Inszenierung verantwortet. Zuvor hatte diese Aufgabe in den Händen von Christa Schleeweit-Reusswig gelegen. Die Uraufführung war 1953 in der damaligen Stadt Bergen, seit 1981 wird das Stück regelmäßig gespielt. Schleeweit-Reusswig, die 2012 gestorben ist, hatte schon bei der zweiten Aufführung 1954 als Fünfzehnjährige mitgespielt.

          Unter Zanaboni hat das Heimatstück eine andere Prägung bekommen. Die 51 Jahre alte Frankfurterin verfolgt bei ihrer Arbeit einen anderen Anspruch: Die Darsteller sollen ihre Texte nicht nur einwandfrei rezitieren können. Vielmehr sollen Emotionen für die Zuschauer erlebbar sein, wie Zanaboni sagt. Die Erfolge ihrer Vorgängerin will sie nicht geschmälert sehen. Gleichwohl habe sie vor vier Jahren „einige alte Zöpfe abschneiden“ müssen. „Das war ein Eiertanz“, erinnert sich Zanaboni. Der Text des Heimatstückes dürfe aus linzenzrechtlichen Gründen nicht verändert oder gar verkürzt werden. So habe sie ihren Regie-Blick verstärkt auf einzelne Szenen gerichtet und versucht, die Laiendarsteller zu mehr sprachlichem und körperlichem Ausdruck zu führen.

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          Die geänderte Herangehensweise habe auch zu Widerständen und sogar Abgängen im Emsemble geführt, sagt Zanaboni. Doch Einwände wie „das habe ich schon immer so gesprochen“ könne sie nicht gelten lassen. Dass der Trägerverein sie wieder gebeten habe, Regie zu führen, sieht Zanaboni als Bestätigung. Verkürzt und neu gestaltet worden seien etwa die Umbaupausen. Zur Kurzweil der Besucher werde es wieder einen Markt mit Gauklern, Händlern und Schaukämpfen geben. Zudem würden bei den Aufführungen die Zuschauer zum Teil wieder in das Stück einbezogen. Ein Höhepunkt werde Barbarossas Auftritt sein: Der Kaiser reite auf einem stattlichen Ross.

          In wöchentlichen Gruppen- und in Einzelproben seien die Charaktere der Protagonisten herausgearbeitet worden, sagt Zanaboni. Als Laiendarsteller müsse man dafür seinen Alltag nach neuen Prioritäten ordnen, fügt Schelm-Darsteller Bakakis hinzu. Im richtigen Leben ist er Personalrat und Stadtverordneter der Grünen. Vergangene Woche habe er etwa zwölf Stunden seine Henkersrolle geprobt, sagt er. „Wir lachen viel, doch es ist auch eine emotionale und körperliche Arbeit, die erschöpft“, ergänzt Zanaboni. Mittlerweile sei ihr Ensemble mit dem von ihr geforderten Anspruch bei der Sache. „Wir rocken das.“

          Die Aufführungen beginnen um 20 Uhr. Einlass ist jeweils von 19 Uhr an. Der Eintritt kostet für Erwachsene 16 Euro; Jugendliche und Behinderte zahlen acht Euro. Vorverkaufsstellen sind im Internet unter www.schelmenspiel.jimdo.com genannt. Die Vorstellung am Freitagabend ist schon ausverkauft. Für rund 600 Zuschauer gebe es jeweils Plätze, sagt Hubert Heinemann vom Theaterverein. Bei schlechtem Wetter werde das Stück auf der Bühne in der Stadthalle aufgeführt. Vor vier Jahren sei dies bei zwei Aufführungen nötig gewesen. Alle hofften natürlich auf trockenes Wetter: Die Atmosphäre mit der Freilichtbühne vor der angestrahlten Fassade der historischen Schelmenburg sei einzigartig.

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