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Bauen in Frankfurt : Schöner wohnen im Pelzhändlerhaus

Wohngemeinschaft: Die Gruppe „Nika“ will das alte Pelzhändlerhaus im Bahnhofsviertel zum Wohnhaus umbauen. Bild: Frank Röth

„Drei Zimmer, Küche, Bad“ sind nicht jedermanns Sache. Die Stadt Frankfurt fördert immer mehr Baugruppen. Zum Beispiel zwei Projekte im Bahnhofsviertel.

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          Im Schaufenster des Eckhauses hängen fünf neongelbe Zettel. „Nika Hausprojekt“, steht dort. Der Name leitet sich aus der Adresse ab: Das baufällige Bürohaus steht an der Kreuzung von Nidda- und Karlstraße. Am Fenster donnert der Verkehr vorüber. Der Hauptbahnhof ist nur zwei Minuten entfernt, urbaner geht es kaum. Früher wurde hier mit Pelzen gehandelt. Eine Wohngruppe will das alte Bürohaus umbauen und in zwei Jahren einziehen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf sechs Geschossen sollen mehrere Wohngemeinschaften entstehen, auf jeder Etage kommen sieben Personen unter. 42Bewohner sollen insgesamt Platz finden. Weil das Grundstück komplett bebaut ist, entsteht auf dem Dach ein Garten. Darunter, im siebten Stock, gibt es einen großen Gemeinschaftsraum mit Küche. Das Erdgeschoss will die Gruppe für die Nachbarschaft öffnen: Ein Spielcafé, eine Sozialberatung und ein Kunst- und Veranstaltungsraum sind geplant. 35Mitstreiter haben schon zusammengefunden, ein paar Plätze sind noch frei.

          „In Frankfurt fehlt Platz für alternative Wohnprojekt“

          Das Haus ist eines der Projekte, die die Stadt aus einem neuen Liegenschaftsfonds fördert. Der 2016 vom damaligen Planungsdezernenten Olaf Cunitz (Die Grünen) gegründete Fonds hat ein Budget von sieben Millionen Euro und unterstützt gemeinschaftliche Wohnprojekte. „In Frankfurt fehlen bezahlbarer Wohnraum und Platz für alternative Wohnprojekte“, meint Katharina Wagner vom Wohnungsamt. Brachflächen und städtebaulich schwierige Grundstücke werden aufgekauft und in Erbpacht an Baugruppen, Genossenschaften und Vereine vergeben, die in einem Bewerbungsverfahren mit ihrem Konzept überzeugen. Ein Kriterium ist der Mehrwert für die Nachbarschaft. Um den gemeinschaftlichen Gedanken zu fördern, ist die Bildung von Wohneigentum ausgeschlossen.

          Ein Jahr lang haben die Gruppen Zeit, sich um die Finanzierung zu kümmern. Dann wird ein Vertrag geschlossen. Die Nika-Hausgruppe hat sich für eine Kooperation mit dem „Mietshäuser-Syndikat“ entschieden, das bundesweit 119 Projekte hat und in Frankfurt schon zwei weitere Gebäude betreibt. Der Hausverein und das Syndikat werden Gesellschafter einer GmbH, die das Haus erwirbt – für 920000Euro. Hinzu kommen 2,5 Millionen Euro Baukosten. Um das Eigenkapital in Höhe von 720000 Euro aufzubringen, wirbt die Gruppe um private Darlehen, die mit bis zu 1,5 Prozent verzinst werden. Den Rest finanziert dann die GLS-Bank. Die Hälfte des benötigten Eigenkapitals haben die Beteiligten schon zusammen. Bis zum Sommer muss die Finanzierung stehen. Dann sollen Erbpacht- und Kaufvertrag unterschrieben werden. Die Bewohner zahlen mit ihrer Miete, die elf Euro pro Quadratmeter nicht überschreiten soll, die Kredite ab.

          Ein Stück Urbanität soll erhalten bleiben

          Auf dem Nachbargrundstück wird ein ähnliches Projekt verwirklicht. Dort will die Gruppe Niddastern ebenfalls ein Pelzhändlerhaus umbauen. Sie teilt viele Ziele der Nika-Gruppe, hat aber einen weniger politischen Anspruch. Für Tanja Nopens war es Liebe auf den ersten Blick. Als die Architektin das alte Pelzhändlerhaus entdeckte, dachte sie: „Gott, wäre das schön, hier zu arbeiten oder zu wohnen!“ Die Niddastraße am Rand des Rotlichtviertels ist zwar ein hartes Pflaster. Aber das schreckt die Baugruppe nicht ab, zu der sich Nopens und ein paar Leute aus dem Freundeskreis zusammengetan haben. Im Gegenteil: Sie möchten das Erdgeschoss des umgebauten Hauses für Veranstaltungen öffnen.

          „Wir wollen uns nicht einmauern“, sagt der Künstler und Grafikdesigner Ulrich Becker, der mit einziehen wird. Er hat mit seinem Atelier schon Erfahrungen im Bahnhofsviertel gesammelt und versteht das gemeinsame Wohnprojekt auch als soziale Aufgabe. Durch Projekte wie dieses bleibe auch ein Stück Urbanität erhalten. Die Gruppe hofft auf Nachahmer. „Wir lieben die Stadt und wünschen uns, dass gerade in der Innenstadt nicht nur exklusive Wohnungen gebaut werden“, sagt der Webdesigner Thorsten Schraut, der Dritte im Bunde.

          Sechs Wohnungen sollen entstehen und zwei Gemeinschaftsflächen: ein Dachgarten und ein Veranstaltungsraum im Erdgeschoss. Von Kochabenden über Lesungen bis zu Filmvorführungen können sich die Freunde dort vieles vorstellen. „Wir öffnen unseren Wohnraum ins Viertel hinein und laden Leute ein“, meint Nopens. Im August wollen sie mit dem Umbau loslegen und ein Jahr später einziehen.

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