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Jüdisches Museum Frankfurt : Die Mauer muss weg

Museum unterwegs: Eine Schulklasse besucht die Gedenkstätte an der EZB. Bild: Samira Schulz

Wie erreicht man Leute, die sonst nie einen Fuß ins Museum setzen würden? Das Jüdische Museum arbeitet digital und analog daran, Barrieren zu überwinden.

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          Sie sind schon öfter dort vorbeigekommen, wo von 1941 an Tausende Menschen in den Tod geschickt wurden. Wenn sie zum Skatepark wollten zum Beispiel, oder am Mainufer sitzen. Dann sind die Schüler der zehnten Klasse der Carlo-Mierendorff-Schule aus Frankfurt vorbeigelaufen am Hauptquartier der Europäischen Zentralbank und der Rampe, die einmal in den Keller der Großmarkthalle führte, in dem Menschen warten mussten, mit Güterzügen in den Osten verschleppt zu werden.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          An diesem Herbsttag sind sie mit Sophie Schmidt an der Gedenkstätte an der EZB im Ostend, die an die Deportation von mehr als 10.000 als Juden verfolgten Frankfurtern erinnert. Die Lehrerin ist seit einigen Jahren an das Jüdische Museum abgeordnet und gestaltet dort Bildungsangebote zum Holocaust, wie diese Führung. Sie bringt das Museum zu den Schülern – denn nicht alle werfen von allein einen Blick hinter die Museumsmauern. Holocaust, Tod und Elend ziehen sie nicht gerade magisch an. Dass sie seltener ins Museum gehen, liegt also nicht nur daran, dass die Jugendlichen ihre Nachmittage lieber im Skatepark verbringen als in einem Ort, wo man ruhig sein muss. Und wenn schon Museum, dann eben nicht auch noch ins Jüdische – kein Bezug, keine Lust auf Leid, sagen sie.

          Darum gibt es Sophie Schmidt, die Mauereinreißerin. Morgens ist Schmidt in die Klasse an der Gesamtschule gekommen, hat den Schülern Materialien gegeben, etwa den Abschiedsbrief von Ernst Ludwig Oswalt, der als junger Mann von Frankfurt nach Polen verschleppt und ermordet wurde. Drei Jungs lesen jetzt den Brief an Oswalts Freunde vor der Gedenkstätte vor. Die altmodische Sprache ist ihnen fremd, sie müssen manchmal kichern. Aber wenn es danach um die brutalen Leibesvisitationen im Keller der Halle geht oder um die Zwangsversteigerungen der Wohnungen, lächelt keiner mehr. Das hier ist ihre Stadt, sie kennen die Orte, um die es geht, sie wissen, wo das Westend liegt, in dessen Bürgersteigen heute Hunderte Stolpersteine eingelassen sind, um an die vertriebenen und enteigneten Juden zu erinnern.

          Das Jüdische Museum hat eine gesellschaftspolitische Aufgabe

          Und dann ist der Bezug zur eigenen Lebenswelt da. Darum geht es, wenn die Arbeit des Jüdischen Museums Leute erreichen soll, die sich sonst weniger für dessen Themen oder Ausstellungsstücke in Vitrinen interessieren. Da sind sich die Mitarbeiter des Hauses, die jene Schicksale vermitteln wollen, einig. Die Besucherzahlen des Museums steigen zwar stetig; zuletzt kamen etwa 30.000 Menschen im Jahr in die Dependance des Museums an der alten Judengasse, die auch während der Renovierung des Haupthauses im Rothschildpalais geöffnet war. Doch nach Erkenntnissen des Museums sind nur 35 Prozent der Besucher Frankfurter. Viele aus der unmittelbaren Umgebung finden also noch nicht den Weg ins Haus.

          Warum ist es überhaupt wichtig, Leute ins Museum zu locken? Türkan Kanbicak, die Bildungsformate zu Islam und Judentum und Programme zur Antisemitismusprävention konzipiert, sagt: „Angesichts des steigenden Antisemitismus und Rassismus müssen Beteiligungsmöglichkeiten geboten werden.“ Das Jüdische Museum habe eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Es müsse aufklären, seine Themen in die Gesellschaft tragen und so Vorurteile aufbrechen, und das unabhängig von der Vorbildung, der sozialen Schicht oder des Alters. Nur so könne Judenhass etwas entgegensetzt werden.

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