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Drogenszene in Frankfurt : „Jede Nacht gibt es Geschrei“

Hier die Guten: Der Bus der integrativen Drogenhilfe kommt jede Nacht ins Bahnhofsviertel, um das Gespräch mit den Süchtigen zu suchen und ihnen Kaffee zu bringen. Bild: Helmut Fricke

Seit einigen Tagen suchen Sozialarbeiter nachts besonders auffällige Drogenabhängige auf. Schon jetzt ist klar: Sie werden einen langen Atem brauchen.

          3 Min.

          Die Finsternis beginnt in der Elbestraße hinter einem gigantischen Haufen Schrott. Bis dorthin reichen sie noch, die Lichter der Bars und Bordelle, ein Rot-Lila-Blau-Gemisch. Danach herrscht Dunkelheit. In diesem unwirtlichsten aller Orte sammeln sich die Schlaflosen unter den Süchtigen. Einige sind noch vor wenigen Minuten durch das Viertel gezogen, haben tütenweise Flaschen weggebracht, die sie vorher von der Straße aufgelesen hatten. Nun hocken sie sich hinter den Schrott, stecken sich die Pfeifen mit frisch gekauften Cracksteinen an. Und mittendrin in dieser Gruppe von Süchtigen stehen die Dealer. Sie verteilen die Steine, als wären es Bonbons. Vor einigen Tagen hat die Stadt beschlossen, sich diese nächtliche Szene genauer anzuschauen. Welche Personen aus dem Kreis der Süchtigen halten sich auf den Straßen auf und warum? Das seien die Fragen, für die es bald Antworten geben soll, hatte die Leiterin des Drogenreferats, Regina Ernst, bei der Vorstellung des neuen Konzepts am Montag gesagt.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          An diesem Mittwochmorgen, kurz nach Mitternacht, liegt die Antwort auf der Hand: Die Süchtigen sind da, weil die Dealer da sind. Und trotz der intensiven Kontrollen der Polizei werden es nicht weniger. Vor Monaten standen sie noch vorwiegend an der Taunusstraße und haben ihr Crack verkauft. Inzwischen haben sie sich weiter ins Bahnhofsviertel vorgewagt. Sie bilden Grüppchen, stehen die gesamte Elbestraße entlang. Auch direkt vor der Drogenhilfeeinrichtung, die zu dieser Zeit geschlossen hat. Als eine Polizeistreife vorbeifährt, schauen die Dealer nicht einmal auf. Sie kennen inzwischen den Unterschied zwischen einer Razzia und einer bloßen Kontrollfahrt. Letztere beeindruckt sie gar nicht mehr. „Wie viel?“ fragt ein Dealer, als ein hagerer Mann in abgewetzter Hose vor ihm steht. Dann greift er in die Tasche und holt kleine, in Papier gehüllte Kügelchen heraus. Der Mann verschwindet hinter dem Sperrmüllhaufen, der sich im Laufe der Nacht über die gesamte Straße verteilen wird, in der Dunkelheit.

          Zu einem anderen Verhalten motivieren

          Keine Minute später kommt eine Frau. Sie ist abgemagert, ihr Haar schütter. Sie kann sich kaum noch artikulieren. Auch sie bekommt ihr Crack. Polizei und Drogenreferat sprachen zuletzt von 20 bis 40 Süchtigen, die sich nachts an der Elbestraße aufhalten. Sie haben keinen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, der Schlafmangel macht einige von ihnen aggressiv. An diesem frühen Morgen mitten in der Woche sind es jedoch mehr als fünfzig, die an die Kreuzung von Elbe- und Taunusstraße gekommen sind, diesem laut Polizei „größten Brennpunkt der Stadt“. Sie stehen auf beiden Seiten der Straße, auch vor dem Nachtclub Pik Dame. Zwei Männer geraten in Streit, sie schreien herum. Eine Frau, die offenbar schon seit Jahren Drogen konsumiert, zieht sich in einen Hauseingang zurück, krümmt sich vor Schmerzen und weint. Plötzlich rennt ein Junge aus einem Hotel. Er ist vielleicht vier Jahre alt. Er hat eine Wasserpistole in Form einer Pumpgun in der Hand und schießt auf die Menschen auf dem Bürgersteig. Die nehmen ihn zuerst gar nicht wahr.

          Dort die Bösen: An der Elbestraße, nur wenige Meter vom Shuttle-Bus der der integrativen Drogenhilfe entfernt, verkaufen die Dealer weiter Crack. Sie passen die Konsumenten ab, die sich dann in den hinteren Teil in Richtung Kaiserstraße zurückziehen. Die Elbestraße gerät nachts für Touristen zu einer No-Go-Area. Die Dealer reagieren aggressiv, wenn sie sich in ihren Geschäften gestört fühlen. Wer sich hierher verirrt, weiß nicht, ob er unbeschadet wieder herauskommt.

          Dann kommt die Mutter des Jungen, zieht ihren Sohn wieder in das Hotel hinein. Dort wartet schon seine Schwester, ebenfalls wach zu nächtlicher Zeit. „Es ist zu laut“, sagt die Frau. „Die Kinder können nicht schlafen. Jede Nacht gibt es Geschrei, die Leute schlagen sich. Das hört nie auf.“ Gegen halb zwei kommt ein weißer Bus vorgefahren. Es ist der Shuttle der Integrativen Drogenhilfe. Zwei Sozialarbeiter des Vereins wollen in den nächsten drei Monaten regelmäßig die Szene in der Dunkelheit aufsuchen, sich ein Bild machen und dann schauen, welche Angebote sie den Suchtkranken machen können. „Offensive nächtliche Sozialarbeit“ nennt der Verein das Projekt. Es gehe darum, „differenzierte Erkenntnisse über die Situation und den Bedarf der drogenabhängigen Menschen zu gewinnen“, sagt die Geschäftsführerin der Integrativen Drogenhilfe, Gabi Becker. Man wolle nachts „mit den im Bahnhofsviertel verbleibenden Personen in Kontakt kommen“, mit dem Ziel, „sie zu einem geänderten Verhalten zu motivieren“.

          Ein ewiger Machtkampf

          Am Montagabend waren sie gestartet. Dies ist ihre zweite Nacht. Als die Mitarbeiter der Drogenhilfe den Kofferraum öffnen, dauert es wenige Sekunden, dann stehen die Crack-Konsumenten Schlange. Es gibt Kaffee. Für jeden einen Becher, bei Bedarf Zucker und Milch. Schafft es einer von ihnen nicht mehr durch die Nacht, weil er zu schwach ist oder auch aggressiv, wird er ins Eastside, die Drogenhilfeeinrichtung des Vereins an der Schielestraße, gefahren. Diesmal ist das nicht der Fall. Beim Verteilen von warmen Getränken wolle man mit den Menschen ins Gespräch kommen, sagt Becker. Die Mitarbeiter haben einen Fragebogen dabei. Damit wollen sie später die Drogenabhängigen erfassen und ihre individuellen Lebensgewohnheiten erheben. Doch noch während die Sozialarbeiter einen Kaffee nach dem anderen ausgeben, geht der Drogenhandel nur etwa zehn Schritte entfernt auf der anderen Straßenseite einfach weiter.

          Ein ewiger Machtkampf: Die einen wollen die Menschen aus ihrer Sucht herausholen, die anderen ziehen sie immer tiefer hinein. Die Polizei ist zeitweise gar nicht mehr zu sehen. Der letzte Streifenwagen, der seine Runden gedreht hat, hatte am Ende der Elbestraße noch etwas länger neben zwei Männern und einer Frau verweilt, während die sich in der Dunkelheit einen frischen Crackstein in die Pfeife legten. Danach verschwand der Wagen um die Ecke – und die Süchtigen in den bunten, kreischenden Teil des Viertels. Etwas mehr als eine halbe Stunde lang steht der Bus der Integrativen Drogenhilfe dort, dann ist der Kaffee leer. „Kommt wieder“, ruft eine Frau. „Bringt das nächste Mal etwas zu essen mit“, sagt ein Mann. Der Shuttle wird wiederkommen. Schon in der nächsten Nacht.

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