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Bädersterben : Schwimmen wird zum Luxussport

  • -Aktualisiert am

Mangelware: Schwimmunterricht an Schulen wird immer seltener. Bild: dpa

Sechs von zehn Kindern können sich nicht sicher über Wasser halten. Fachleute kritisieren, dass Bäder geschlossen werden und es nicht genug Schwimmunterricht an Schulen gibt.

          Mehr als 30 Menschen sind in diesem Sommer bei Badeunfällen in Hessen gestorben. Das hat nach Expertenmeinung viele Ursachen und ist keine Folge der wachsenden Zahl von Nichtschwimmern. Vielmehr hätten wegen der über Wochen hinweg hohen Temperaturen mehr Menschen als sonst in unbewachten und gefährlichen Gewässern gebadet.

          Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beklagt aber schon seit längerem Bäderschließungen und fehlenden Schwimmunterricht in Grundschulen. Eine besondere Herausforderung sieht der Verband in der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen, weil diese oft aus Ländern kämen, in denen das Schwimmen nicht zu den Grundfähigkeiten gehöre. In den Herkunftsländern mancher Zuwanderer gebe es keine Schwimmbäder, und viele unterschätzten die Gefahren der Gewässer völlig, so die DLRG.

          Durch eine Forsa-Umfrage sieht sich die DLRG bestätigt. Demnach können sechs von zehn Kindern in Deutschland nach der Grundschule nicht sicher schwimmen. Als sichere Schwimmer gelten diejenigen, die mindestens das Bronze-Abzeichen haben. Das Seepferdchen-Abzeichen bescheinigt lediglich, dass das Kind sich 25 Meter weit über Wasser halten kann. „Die Schere zwischen Kindern, die zügig schwimmen lernen, und denen, die es gar nicht mehr können, geht immer weiter auseinander“, sagt Axel Dietrich, Referent für Aus- und Fortbildung beim Deutschen Schwimm-Verband (DSV) in Kassel. Er ist für den Bereich Bildung zuständig und beobachtet einen besorgniserregenden Wandel.

          Schwimmunterricht anzubieten wird schwieriger

          Es gebe zwar weiterhin Kinder, die sehr gut schwimmen könnten, aber auch immer mehr, die diese Fähigkeit kaum noch hätten, sagt Dietrich. Ein Grund dafür könne das mangelnde Interesse vieler Eltern am Schwimmsport sein, oft liege es aber einfach am fehlenden Angebot von Schwimmunterricht in den Schulen und Schwimmkursen allgemein. Das wiederum hänge mit der abnehmenden Zahl an öffentlichen Bädern zusammen.

          Immer wieder werden Bäder geschlossen, mal dauerhaft, mal für Sanierungsarbeiten. Nur selten wird die so verlorene Wasserfläche wieder ersetzt. Schon 2015 warnte der Präsident des Landessportbundes Hessen, Rolf Müller, vor einem „Bädersterben“. Von 2007 bis 2015 wurden in Hessen nach Angaben der DLRG 46 Bäder geschlossen. Zu den in dem Zeitraum neu eröffneten Bädern liegen der Gesellschaft keine Zahlen vor.

          Die Schließungen der Schwimmbäder seien manchmal dubios, sagt Dietrich. So seien beispielsweise in Kassel zwei Hallenbäder aufgegeben worden, im Gegenzug habe man eines mit mehr Wasserfläche bekommen. „Das ist eigentlich toll“, sagt Dietrich. „Aber dann stellt sich die Frage: Wie kommen die Kinder dahin?“ Das neue Schwimmbad sei so weit weg, dass die Hin- und Rückfahrt viel Zeit koste, in der die Kinder ansonsten bereits schwimmen könnten. Mit jeder Schließung werde es für Schulen schwieriger, Schwimmunterricht anzubieten.

          Sportförderung als kommunale Pflichtaufgabe?

          „Jeder in Deutschland kann Fahrrad fahren, dann sollte auch jeder schwimmen können“, sagt Isabell Boger vom Landessportbund Hessen. Man beobachte zwar eine große Nachfrage nach Schwimmangeboten für Kinder. Doch wo es weniger Bäder gebe, bestünden auch weniger Möglichkeiten Schwimmunterricht anzubieten. Im Kreis Bergstraße seien die Anfahrtsstrecken so lang, dass von der Schwimmstunde nicht viel übrig bleibe.

          Eigentlich gehört es zu den Aufgaben der Kommunen, den Schulen ihren Schwimmunterricht zu ermöglichen. Doch wenn eine Kommune finanzielle Probleme hat, muss sie sparen. Das bedeutet oft den Verzicht auf Sportangebote, denn die Kommunen sind nicht dazu verpflichtet, sie bereitzustellen. „Wir wünschen uns Sportförderung als kommunale Pflichtaufgabe“, sagt Boger.

          Das bundesweite Aktionsbündnis „Pro Bad“ – ein Zusammenschluss aus der DLRG, dem Deutschen Schwimm-Verband und weiteren Vereinen – geht derzeit von einem bundesweiten Sanierungsstau von acht bis 15 Milliarden Euro aus. Das Defizit aller öffentlichen Bäder betrage zwei Milliarden Euro. Kritisiert wird, dass die Sanierung von Bädern verschoben und die Investitionen in Bädertechnik zurückgestellt würden. Die Folgen daraus seien steigende Energiekosten, die wiederum zu steigenden Defiziten führten. Das gefährde den Bestand vieler öffentlicher Bäder.

          Haben Badeunfälle Wachrüttelfunktion?

          Zudem macht sich auch beim Schwimmunterricht zunehmend ein Lehrermangel bemerkbar. Studenten, die Sport auf Lehramt studierten, legten sich seltener auf den Schwimmsport fest, so Dietrich vom DSV. Früher sei Schwimmen für die Studenten verpflichtend gewesen, heute stehe es lediglich zur Wahl. Die Lehrangebote an den Universitäten schrumpften, darunter leide auch das Angebot an praktischen Übungen für angehende Sportlehrer.

          Stattdessen werde von den Studenten mehr Eigeninitiative erwartet. Die Seminare zum Schwimmsport seien oft nur noch eine Ergänzung der Ausbildung, sagt Dietrich. „Der Schwerpunkt Schwimmen kippt hinten weg.“ Der DSV wünscht sich, dass Schwimmen für jeden Sportstudenten verpflichtend wird. „Wenn es nicht gefordert wird, bleibt es auf der Strecke“, sagt Dietrich.

          Die hessische Landesregierung investiert vom nächsten Jahr an in ein Schwimmbad-Investitions- und -Modernisierungsprogramm (Swim). 50 Millionen Euro sollen dazu dienen, hessische Hallen- und Freibäder zu erhalten und zu modernisieren. Über fünf Jahre können Gemeinden, Städte und Vereine auf Antrag gefördert werden. Bisher sind 38 Anmeldungen von Schwimmbadbetreibern eingegangen. Das Innenministerium rechnet mit wesentlich mehr Anträgen für 2019.

          Als Konsequenz aus der hohen Zahl von Schwimmunfällen in hessischen Gewässern in diesem Jahr, fordert Landessportbund-Sprecherin Boger mehr Schwimmunterricht und mehr Schwimmstätten. Eltern müsse klargemacht werden, wie wichtig es für ihre Kinder sei, schwimmen zu können. „Die zahlreichen Badeunfälle können da eine Wachrüttelfunktion haben.“ Vielleicht, so Boger, setze sich jetzt endlich die Erkenntnis durch, dass Handlungsbedarf bestehe.

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