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Nach Awo-Finanzskandal : Kontrolle ist besser

Petra Rossbrey ist seit anderthalb Wochen im Amt. Bild: Bernd Kammerer

Alles neu bei der Arbeiterwohlfahrt: Präsidentin Petra Rossbrey will das Verhältnis von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen neu justieren. Auch Spitzengehälter von mehr als 300.000 Euro wird es nicht mehr geben.

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          Namen will Petra Rossbrey noch nicht nennen. Aber, das gibt die vor anderthalb Wochen gewählte Awo-Präsidentin zu erkennen: Die Suche nach einer neuen Interimsgeschäftsführung, die den wegen seiner Verwicklung in den Finanzskandal abberufenen Vorstand der Arbeiterwohlfahrt ersetzen soll, macht Fortschritte. Das ehrenamtliche Präsidium habe bereits zwei Kandidaten in Augenschein genommen, die aus der Wirtschaft kommen und den Kreisverband in den nächsten Monaten aus der Krise führen sollen. Für die langfristige Führung will sich das Präsidium ausreichend Zeit nehmen.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Gehalt von mehr als 300.000 Euro, wie es der inzwischen fristlos gekündigte Geschäftsführer Jürgen Richter bekommen hat, werde die Arbeiterwohlfahrt nicht mehr zahlen, sagt Rossbrey. Aber das sei auch nicht nötig, um fähige Führungskräfte zu bekommen. Künftig werde das Spitzengehalt nur noch in etwa ein Drittel davon betragen. Eine Überlegung wert sei es, Vorstände zusätzlich nach Leistung zu vergüten. Diese könne in einem Wohlfahrtsverband zwar nicht nach Gewinn gemessen werden, vielleicht kämen dafür aber „Qualitätskriterien“ in Betracht, etwa die Zufriedenheit mit der Betreuung in Kitas und Alteneinrichtungen.

          Neu justieren will das Präsidium auch das Verhältnis von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Dazu gehöre zunächst eine Stärkung der in den Ortsvereinen organisierten Mitglieder. Sie müssten besser eingebunden werden, sagt die Sechzigjährige. Es müsse mehr Gelegenheiten zum Austausch zwischen ehrenamtlich Engagierten und Geschäftsstelle geben. „Ich habe den Eindruck, dass die Ortsvereine zuletzt vom Informationsfluss und vom Dialog abgehängt waren“, sagt Rossbrey.

          „Kein Abnickverein“

          Um Fehlentwicklungen wie in der Vergangenheit zu verhindern, müssten aber auch die Kontrollmechanismen geschärft werden. Eine gute Grundlage dafür sieht Rossbrey in der noch relativ neuen Satzung, die zwischen ehrenamtlichem Präsidium und geschäftsführendem Vorstand klar trenne. Um die Führung eines gemeinnützigen Unternehmens mit rund 1100 Mitarbeitern, 55 Einrichtungen und einem Jahresumsatz von 70 Millionen Euro zu kontrollieren, müsse das Präsidium über eigenständige Wirtschafts- und Finanzkompetenz verfügen. „Es muss jedem klar sein, dass das kein Abnickverein ist.“

          Unter anderen mit Hans-Jürgen Bosinger, der als einer von zwei Revisoren bei der Kreisversammlung neu gewählt wurde, sei man in dieser Hinsicht gut besetzt. Bosinger habe früher die Geschäfte der Wohnheim GmbH geführt und bringe die einschlägige Erfahrung mit. Aber auch über die Revisoren hinaus sei die Bereitschaft gefragt, „genau hinzugucken“. In der Vergangenheit sei das Vertrauen in die hauptamtliche Führung zu groß gewesen. „Es war für viele unvorstellbar, dass die Leute an der Spitze so in die eigene Tasche wirtschaften.“ Künftig müssten das Präsidium und alle Ehrenamtlichen skeptischer sein. „Für einen Sozialverband ist dies womöglich ein Paradigmenwechsel“, sagt Rossbrey.

          Das Hauptaugenmerk liege für sie auf der Zukunft, aber es gehe auch darum, Vergangenes aufzuarbeiten. Schuld und Schuldige müssten benannt werden, das gehöre zur „Unternehmenshygiene“. Schadenersatzansprüche an ehemalige Führungspersonen müssten geklärt werden. „Diese Genugtuung sind wir den Mitarbeitern schuldig, die unter den Vorgängen gelitten haben.“ Zudem sei zu klären, wie die persönlichen Bereicherungen finanziert worden seien. „Ich will wissen, woher das Geld stammt“, sagt Rossbrey. Unter anderem sollen die zurückliegenden Immobiliengeschäfte überprüft werden. „In Immobilien lässt sich gut Geld verstecken.“ Aber auch die zahlreichen und teils hochdotierten Beraterverträge müssten untersucht werden. „Solche Verträge können ein Hebel sein, um Geld hin- und herzuschieben.“

          Bei den Bemühungen, Licht in dubiose Geschäftsvorgänge zu bringen, suche der Kreisverband Frankfurt die Zusammenarbeit mit dem durch den Finanzskandal ebenfalls in die Krise gestürzten Kreisverband Wiesbaden. Anfang März soll es laut Rossbrey ein erstes Arbeitsgespräch geben. Die Zusammenarbeit sei notwendig, weil die engen personellen und finanziellen Verflechtungen, die in den vergangenen Jahrzehnten unter der Regie des Ehepaares Richter entstanden waren, es offensichtlich erschwert hätten, alle Geschäftsvorgänge und Untergesellschaften der Kreisverbände zu überschauen und zu kontrollieren.

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