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Avicenna-Preis erstmals verliehen : Plädoyer für Toleranz und Gewissensfreiheit

  • -Aktualisiert am

Der frühere portugiesische Staastchef Sampaio, hier ein Bild von 2005, nahm für die Allianz der Zivilisationen den Avicenna-Preis in Frankfurt entgegen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Allianz der Zivilisationen ist in der Frankfurter Paulskirche mit dem Avicenna-Preis geehrt worden. Dieser Preis wurde zum ersten Mal verliehen. Er ist benannt nach dem Arzt und Philosophen Avicenna, der 1037 im persischen Hamadan starb und dessen Werk auch in Europa großen Einfluss ausübte.

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          Die Allianz der Zivilisationen ist in der Paulskirche mit dem Avicenna-Preis geehrt worden. Dieser Preis wurde zum ersten Mal verliehen; iniitiert wurde er von dem Gießener Arzt und Vorsitzenden der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung, Yasar Bilgin. Schirmherr der Preisverleihung war Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Benannt ist der Preis nach dem Arzt und Philosophen Avicenna, der 1037 im persischen Hamadan starb und dessen Werk auch in Europa großen Einfluss hatte. Für die Allianz nahm deren Generalsekretär Jorge Sampaio, der frühere Staatspräsident Portugals, den mit 50.000 Euro dotierten Preis entgegen.

          Die Auszeichnung solle helfen, die Verdienste des Orients zu würdigen und ein „positives Signal“ für die Verständigung zwischen West und Ost setzen, sagte Bilgin. Dafür stehe die Allianz der Zivilisationen. Diese war vor vier Jahren auf Initiative der Ministerpräsidenten von Spanien, José Luis Zapatero, und der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen gegründet worden. Damals war Kofi Annan deren Generalsekretär.

          Sampaio sagte, die Allianz der Zivilisationen wolle Vertrauen zwischen Gesellschaften in der ganzen Welt wiederherstellen und Brücken zwischen ihnen wieder aufbauen. Jede Zivilisation, jede Religion und jede Kultur müsse in ihrem innersten Kern fähig sein, Toleranz zu üben sowie die Gewissensfreiheit und das Recht auf Unterschiede anerkennen. Der komplexe und herausfordernde Dialog zwischen Kulturen sei nötig, möglich und er lohne sich, sagte Sampaio.

          Das Preisgeld, das mehrere Organisationen gespendet hatten, soll Jugendprojekten der Allianz zugute kommen. Zu den Spendern gehören etwa die Stada Arzneimittel AG, die Hertie-Stiftung und die Fraport AG.

          Koch und Bilgin verteidigten die Verleihung des Preises an die Allianz gegen Kritik. Wegen einer vermeintlich direkten Auszeichnung Erdogans durch Koch waren vorher parteiübergreifend Einwände erhoben worden. Zapatero, Erdogan und Annan hätten sich darauf eingelassen, miteinander zu ringen anstatt voreinander davonzulaufen, sagte Koch. Toleranz zu pflegen heiße auch, sich mitunter tiefgreifenden Unterschieden zwischen Kulturen zu stellen. Darauf habe sich die Allianz der Zivilisationen eingelassen. Ihr gebühre der Preis, auch wenn er selbst mit dem spanischen und dem türkischen Ministerpräsidenten nicht immer einer Meinung sei. Bilgin sagte, die teils heftigen Proteste bestärkten ihn darin, die Brücken zwischen den Kulturen noch belastbarer zu machen.

          In seiner Festrede hob der Schriftsteller Said hervor, dass Avicenna stets versucht habe, die griechische Philosophie mit seiner Religion, die Vernunft mit dem Glauben, zu verbinden. Die Frage „Vernunft oder Glauben“ sei absurd und habe in der Geschichte viel Unheil angerichtet. In Iran wäre Avicenna wegen Häresie längst hingerichtet worden, sagte Said. „Die heutigen Gotteskrieger handeln rasch, währen die Theologen zur Zeit Avicennas sich immerhin der Diskussion stellten.“

          Said verwies darauf, dass Avicenna im Jahr 1002 seine Heimatstadt Buchara verlies und westwärts wanderte, „ohne Pass, ohne Visum“. „Den Nationalstaat, eine europäische Erfindung, gab es damals noch nicht. Und auch keine eindimensionalen Politiker, die die Passfrage zu einem Politikum machten“, sagte der Altpräsident des deutschen PEN-Clubs. Festredner wurde er auf Vermittlung der in Bad Homburg ansässigen Herbert-Quandt-Stiftung, zu dessen Stiftungsrat er gehört. Said stammt aus Iran und lebt in Deutschland im Exil.

          Auch Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) kommt aus Iran. Als Zwanzigjährige floh sie von dort. In ihrer Rede verwies sie indirekt darauf und sagte, Toleranz setze Gleichberechtigung voraus. „Wer Integration will und von ihr redet“, müsse das Miteinander aller Menschen im Blick haben. Jenen, die eine Gesellschaft spalten wollten, müsse entgegengetreten werden.

          In der Paulskirche ist zum
          ersten Mal der Avicenna-Preis verliehen worden – eine Anerkennung für Verdienste um interkulturelle Verständigung.

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