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Ausstellung über Fritz Bauer : Der Welt die Augen für Auschwitz geöffnet

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Er brachte die Auschwitzprozesse auf den Weg: Generalstaatsanwalt Fritz Bauer 1965 Bild: fotografie stefan moses, München

Fritz Bauer war ein Staatsanwalt ganz eigener Art. Er wollte die Bürger vor staatlicher Willkür schützen. Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt berichtet über sein Leben.

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          „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“ Wo und aus welchem Anlass Fritz Bauer diesen Satz ausgesprochen hat, weiß niemand mehr so genau. Doch er hat das Bild geprägt, das sich die Nachwelt von diesem Juristen gemacht hat, der vor einem halben Jahrhundert als hessischer Generalstaatsanwalt die „Strafsache gegen Mulka und andere“ eingeleitet hat. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess hat damals den Deutschen und der ganzen Welt die Augen geöffnet für den systematischen Massenmord an den europäischen Juden, verübt von den Nationalsozialisten im Namen des deutschen Volkes.

          Gerne wurde Bauer zum Einzelkämpfer stilisiert, der seine gerechte Sache gegen den erbitterten Widerstand seiner Umwelt durchgefochten hat. Die Ausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt“ im Jüdischen Museum Frankfurt rückt dieses schiefe Bild gerade. Der Jurist, der nach der Machtübernahme Hitlers seines Amtes als Richter im Schwabenlande enthoben und in das wilde KZ auf dem Heuberg verbracht wurde, hatte durchaus immer gute Verbindungen und politische Freunde, die ihm weiterhalfen.

          In Frankfurt waren Bauers Kollegen loyal zu ihm

          Schon in Stuttgart war er, der Sozialdemokrat, eng mit Kurt Schumacher befreundet, dem Redakteur der sozialdemokratischen „Schwäbischen Tagwacht“. Den nachmalige SPD-Vorsitzenden und Gegenspieler Konrad Adenauers hat Bauer übrigens mit Willy Brandt bekanntgemacht, den er während seines Exils in Dänemark und Schweden kennengelernt und mit dem er die Zeitschrift „Sozialistische Tribüne“ gegründet hatte. Schumacher dürfte wohl seine helfende Hand im Spiel gehabt haben, als Bauer 1949 nach Deutschland zurückkehrte und zuerst Landgerichtsdirektor in Braunschweig und 1950 dort Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht wurde.

          Die Ausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht“ ist vom 10. April bis 7.September 2014 zu sehen
          Die Ausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht“ ist vom 10. April bis 7.September 2014 zu sehen : Bild: dpa

          Es mag sein, dass Bauer in Braunschweig sich unter seinen Kollegen, die fast alle eine braune Vergangenheit aufwiesen, fremd gefühlt hat. In Frankfurt dagegen war um ihn keinesfalls „feindliches Ausland“. Im Allgemeinen seien die Kollegen Bauer gegenüber loyal gewesen, berichtet der frühere Oberstaatsanwalt Johannes Warlo in einem im Begleitband zur Ausstellung abgedruckten Interview. Für den Auschwitz-Prozess hatte sich Bauer ohnehin unbelastete junge Juristen geholt, die seine Ideen teilten und für ihn durchs Feuer gegangen wären. Politische Rückendeckung bekam der Generalstaatsanwalt vom hessischen SPD-Ministerpräsidenten Georg-August Zinn.

          „Würde des Menschen ist unantastbar“ - seine Philosophie

          Mit diesem hat Bauer offenbar verabredet, die Hinweise auf den Aufenthaltsort von Adolf Eichmann in Argentinien an den israelischen Mossad weiterzuleiten, der den Organisator des Judenmordes daraufhin nach Israel entführte. Wie Bauer traute wohl auch Zinn der damals noch stark von ehemaligen Nationalsozialisten durchsetzten Polizei und Justiz nicht über den Weg.

          Gerne wäre Bauer nach seinem Exil wieder Richter in seiner Heimatstadt Stuttgart geworden. Doch einen Sozialdemokraten wollte man im konservativen Württemberg partout nicht. So landete er schließlich in Braunschweig, wo er an der Fassade des Gerichts den berühmten Satz aus Artikel 1 des Grundgesetzes anbringen ließ: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ In diesem Satz war die Philosophie des Juristen Bauer zusammengefasst. Der Staat, so lautete seine Auffassung, hatte die Pflicht, die Würde seiner Bürger zu schützen. Die meisten seiner Kollegen vertraten dagegen die vordemokratische Auffassung, wonach der Staat seinen Bürgern Gehorsam abzuverlangen habe.

          In Frankfurt wurde die „Würde“ einmal geklaut

          In Frankfurt wurde die Würde, wie in der Ausstellung dokumentiert wird, später einmal geklaut. Scherzbolde ließen das in Metalllettern gegossene Wort mitgehen und versenkten es in einem See im Umland. Die Würde sei baden gegangen, titelte darauf ein anarchistisches Stadtmagazin. Doch da war Fritz Bauer schon längst tot.

          Auch um sein Sterben ranken sich Legenden. Er habe Selbstmord begangen, mutmaßen die einen, andere behaupten sogar, er sei ermordet worden. Die von Monika Boll kuratierte Ausstellung lässt sich auf solche wüsten Spekulationen nicht ein, sondern verweist auf das abschließende Gutachten des Gerichtsmediziners Joachim Gerchow, in dem zwar festgestellt wurde, dass Bauer vor seinem Tod fünf Veronal-Tabletten genommen hatte. Doch habe er sich wohl nicht umbringen, sondern sich nur beruhigen wollen. Bauer, der Kettenraucher, litt unter einer chronischen Bronchitis und Schlafstörungen. Sein Arzt hatte ihm empfohlen, am Abend immer Tabletten und etwas Alkohol zu sich zu nehmen. Dieser Rat war wohl fatal.

          Über sein Privatleben hat Bauer wenig gesprochen. Ein Grund dafür könnte darin liegen, dass er homosexuell war. Dies ist bisher in allen Veröffentlichungen verschwiegen worden, wohl um seinen Ruf zu schützen. „Aber würde man damit, 45 Jahre nach Bauers Tod, nicht unterstellen, dass Homosexualität nach wie vor etwas Diskreditierendes anhaftet und auf diese Weise genau jenen Zeitgeist fortspinnen, unter dem Bauer und viele andere seiner Generation zu leiden hatten?“ Dies fragen sich im Vorwort zum im Campus-Verlag erschienenen Begleitband die Kuratorin Boll und ihre Mitstreiter Fritz Backhaus und Raphael Gross. Sie jedenfalls haben nun auch dieses Tabu gebrochen und stellen in der Schau Ausschnitte aus einer Akte aus, welche die dänischen Behörden einst über den jüdischen Emigranten angelegt haben.

          Wobei sich Bauer weniger als jüdischer, sondern mehr als politischer Flüchtling verstanden hat. Von organisierter Religion hielt er nicht viel, wiewohl er, der Atheist, sich durchaus für Fragen der Religion interessierte und sogar während seiner Studienzeit Vorlesungen in evangelischer Theologie besuchte. Sein Idol war Arthur Schopenhauer. Durch dessen „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hat er sich heftig durchgearbeitet, wie ein in der Schau ausgestelltes völlig zerrupftes Exemplar dieses Werkes belegt. Wie in allen anderen Dingen gilt auch hier: Wenn Fritz Bauer sich mit einer Sache beschäftigt hat, dann immer heftig.

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