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Ausstellung: „Kaiser Wilhelm II. und die Archäologie“ : Herrscher mit Schaufel

Zu Pferd: Kaiser Wilhelm II. besucht die Saalburg Bild: dpa

Kaiser Wilhelm II. hat der deutschen Altertumsforschung einen Schub gegeben. Das zeigt eine Ausstellung im Archäologischen Museum.

          Als der Kaiser noch ein Prinz war, bekam er einmal in den Ferien ein Schäufelchen. Und da er nun grub und grub, fand er römische Scherben. So sehr hat ihn dieses Erlebnis begeistert, dass er fortan ein großer Freund der Ausgräber war und als Kaiser die Archäologie unterstützte wie noch kein Herrscher zuvor.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Kein Märchen. Diese Geschichte ist die reine Wahrheit. Zumindest die halbe Wahrheit. Wilhelm II. hatte tatsächlich ein Faible für die Archäologie: Er schlug Ausgrabungen und Rekonstruktionen historischer Bauten vor, er förderte sie mit viel Geld und hat sogar selbst einmal den Spaten in die Hand genommen. Die andere Hälfte der Wahrheit besteht darin, dass der Kaiser die deutsche Archäologie aus politisch-propagandistischen Gründen groß machen wollte. Deutschland sollte nicht nur im Wettlauf um Kolonien und im Flottenbau, sondern auch in der Archäologie einen Spitzenplatz einnehmen, einen „Platz an der Sonne“, wie es damals hieß. Für eine Sonderausstellung des Archäologischen Museums hat der Kurator Wolfgang Löhlein dieses bisher weitgehend überlesene Kapitel der deutschen Kulturgeschichte erstmals durchbuchstabiert.

          Verehrung der Antike

          Tatsächlich hat Wilhelm als Neunzehnjähriger während eines Ferienaufenthalts der kaiserlichen Familie in Bad Homburg auf der Saalburg nach historischen Schätzen gegraben. Ausflüge dorthin, so berichtete eine Zofe, seien immer Höhepunkte der Homburg-Aufenthalte gewesen. Der kaiserlichen Gesellschaft sei es erlaubt gewesen, nach Überresten zu suchen. In der Ausstellung im Archäologischen Museum wird denn auch eine Liste gezeigt, in der die Fundgegenstände der Herrschaften aufgeführt sind. Die klugen Archäologen auf der Saalburg halfen freilich dem Fundglück seiner Majestät und ihres Anhangs etwas nach, indem sie zuvor an der Grabungsstelle antike Stücke einbuddelten.

          Nichtsdestotrotz war Prinz Wilhelm damals äußerst angetan von dem erfolgreichen Ausflug zum Limes. Als Kaiser ließ er sich denn auch von Heinrich Jacobi, dem späteren Direktor des Saalburg-Museums, leicht dazu überreden, das Römerkastell über Bad Homburg wiederaufzubauen. Den Befehl dazu erließ er am 18. Oktober 1897, die einzelnen Pläne zeichnete Wilhelm II. persönlich ab, und die Grundsteinlegung inszenierte er wie einen Triumphzug im alten Rom. So stolz war der Monarch auf sein Werk, dass er immer wieder hohe Staatsgäste wie etwa den russischen Zaren auf die Saalburg führte. Rekonstruieren ließ er auch die Marienburg in Westpreußen und die Hochkönigsburg im Elsass.

          Wilhelms Begeisterung für die Antike und das Ausgraben ihrer Schätze war echt. Zwischen 1899 und 1913 hat Deutschland mehr als vier Millionen Mark – das sind nach heutigem Wert mehr als zehn Millionen Euro – allein für Grabungskampagnen in Kleinasien ausgegeben. Die deutschen Spatenhelden durchwühlten mit ihren einheimischen Hilfskräften die Böden von Assur, Babylon, Baalbek, Ninive, Pergamon, Milet, Hattua, Jericho, Uruk und Olympia. An den Ausgrabungen in Korfu zwischen 1911 und 1914 beteiligte sich Wilhelm II. eigenhändig.

          Den Platz an der Sonne, den der Kaiser seinem Deutschland verschaffen wollte, hat es zumindest in der Archäologie erreicht. Zuvor mehr oder weniger eine Buchwissenschaft, wurde sie in der Nachfolge des von Wilhelm bewunderten Troja-Ausgräbers Heinrich Schliemann eine Schaufelwissenschaft, die mit den damals modernsten technischen Mitteln arbeitete. Dank der kaiserlichen Unterstützung holten die deutschen Archäologen den Vorsprung der Briten und Franzosen auf und zogen sogar auf bestimmten Feldern an ihnen vorbei.

          In seinem Exilsitz im holländischen Doorn blickte Wilhelm der Nofretete oder einer römischen Gorgone in die Augen. Wilhelms Nofretete war einer von zwei Abgüssen des Originals, die der Finanzier der Nofretete-Ausgrabung, der Unternehmer James Simon, einst dem Kaiser geschenkt hatte. Solche und andere Objekte – Originale oder Kopien aus dem Besitz Wilhelms, die deshalb für diese Ausstellung originalen Charakter haben – füllen die Vitrinen der Schau.

          Aber warum gerade die Archäologie? Warum hat Wilhelm sich für sie begeistert? In der Antike, die er so sehr verehrte, fand er wohl eine Legitimation für sein Kaisertum. Seinen historischen Auftrag leitete er von den Alt-Babyloniern über die Perser und Römer bis hin zu den deutschen Kaisern ab. Als Kaiser hat Wilhelm II. jedoch erwiesenermaßen versagt. Er hätte lieber Archäologe werden sollen.

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