https://www.faz.net/-gzg-13rhj

Ausstellung im Jüdischen Museum : Mit den Philosophen heulen

Die Aufnahme von 1960 zeigt den Kaisersaal im Frankfurter Römer während der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Max Horkheimer. Bild: DPA

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben lange überlegt, ob sie aus dem Exil nach Frankfurt zurückkehren sollten. Das zeigt eine Ausstellung im Jüdischen Museum.

          Einmal hat der Fernsehjournalist Dagobert Lindlau mit Max Horkheimer am Frankfurter Hauptbahnhof gedreht. Eine Gruppe Betrunkener pöbelte das Team an. Horkheimer ging zu dem lautesten Randalierer und sagte: „Ich kann etwas, was Sie nicht können.“ Danach fing er an, wie ein Hund durch die Bahnhofshalle zu heulen. „Versuchen Sie es“, ermunterte Horkheimer die Rabauken. „Ja“, sagte der große Sozialphilosoph, „das war schon ganz gut. Aber Sie alle müssen noch üben.“ Man könne, so erklärte er Lindlau diese Lektion angewandter Sozialforschung, Feindseligkeit beenden, indem man Ausgeschlossene irgendwie in das Geschehen hereinnehme. Notfalls durch Hundegeheul.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die interessantesten Szenen des Films, den Lindlau vor 45 Jahren gedreht hat, kann man sich jetzt in der Ausstellung „Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland“ im Jüdischen Museum anschauen. Horkheimer ist in dieser Schau die Sonne, um die andere große Namen der Frankfurter Schule wie Theodor W. Adorno, Friedrich Pollock oder Leo Löwenthal wie Planeten kreisen. Er, der 1933 aus Frankfurt vertrieben worden war und mit seinen Kollegen das „Institut für Sozialforschung“ in Amerika weiter betrieb, kam im Mai 1948 für eine Erkundungstour nach Frankfurt. „Ich versuchte herauszufinden, ob unter deutschen Menschen, vor allem unter deutschen Studenten, noch einige sind, um die es sich lohnt“, schreibt Horkheimer nach Amerika.

          Günstige Konstellationen

          Warum er, Pollock und Adorno zu dem Ergebnis gekommen sind, es lohne sich, während andere wie Löwenthal oder Herbert Marcuse den gegenteiligen Schluss zogen, ist ein Thema dieser Ausstellung. Ein anderes der jüdische Hintergrund des Instituts und fast aller seiner Repräsentanten. Der Religionshistoriker Gershom Scholem hat die Frankfurter Schule einmal ironisch als eine der bemerkenswertesten Sekten bezeichnet, die das deutsche Judentum hervorgebracht habe. Bewusst nicht thematisiert haben die Kuratoren Monika Boll und Erik Riedel den Komplex „Frankfurter Schule und die Achtundsechziger“. Ihnen geht es um die unmittelbare Nachkriegszeit und die frühen Jahre der Republik.

          Es waren günstige Konstellationen, die die Rückkehr des „Instituts für Sozialforschung“ ermöglicht haben, so günstige, wie sie es anderswo in Deutschland wohl nirgends gegeben hat. Frankfurt mit dem Sozialdemokraten Walter Kolb als Oberbürgermeister, der schon in seiner Neujahrsbotschaft von 1947 die emigrierten jüdischen Bürger aufgefordert hatte, „trotz aller Not und allen Misstrauens“ zurückzukehren, wünschte sich eine Neugründung des Instituts. Die von einer fortschrittlichen CDU geführte Landesregierung mit einem Kultusminister Erwin Stein, dessen jüdische Ehefrau sich angesichts der drohenden Deportation 1943 das Leben genommen hatte, erhoffte sie sich ebenfalls. Genauso wie die amerikanische Militärregierung, die für ihre Reeducation-Politik kluge und demokratisch gesinnte Hochschullehrer brauchte.

          „Die Fakultät ist überfreundlich und erregt Brechreiz“

          Wie es damals an den Universitäten aussah, schildert Horkheimer seiner Frau Maidon in einem Brief von 1948: „Die Fakultät ist überfreundlich und erregt Brechreiz. Die Brüder sitzen noch genauso da und machen ihre heimtückischen Schelmenstreiche wie vor dem Dritten Reich (und unter ihm), als ob nichts geschehen wäre.“ Drei Jahre danach wurde er Rektor der Frankfurter Universität, zwölf Jahre später war er Ehrenbürger Frankfurts. Horkheimer galt als eine Autorität in der neuen Republik; wenn es um schwierige Themen ging, riefen die Journalisten ihn an, wie sie dies später bei Ignatz Bubis taten.

          Die Frankfurter Schule, die ja vor allem Theorien hervorgebracht hat, in einer Ausstellung fesselnd abzuhandeln, ist ein schwieriges, eigentlich ein aussichtsloses Unterfangen. Man kann ja nicht einfach einen Brief und ein Schreiben nach dem anderen an die Wand hängen und die Vitrinen mit der „Dialektik der Aufklärung“ und anderen Büchern aus der Feder von Adorno und Kollegen füllen. Die beiden Kuratoren und die Ausstellungsgestalter vom Atelier Markgraf haben sich einiges einfallen lassen, um die Schau mit Hilfe von Fotografien, Ton- und Filmaufnahmen sowie Originalobjekten lebendig zu machen.

          Die weltweiten Kontakte des Instituts werden durch einen Hain von Stelen mit den Köpfen gleichgesinnter Intellektueller verkörpert, die sich gegenseitig bespiegeln. Die Idee geht vermutlich auf eine Fotoreihe zurück, in der Adorno zu sehen ist, wie er sein Spiegelbild vom Fotografen Stefan Moses auf den Film bannen lässt. In einem anderen Raum haben die Gestalter einen Schreibtisch und Stühle von Ferdinand Kramer aufgebaut, wie sie damals auch im Institut für Sozialforschung in Gebrauch waren. Kramer, Baumeister der neuen Universität, hatte eigens für Horkheimer ein Büro entworfen. Die Gattin des Rektors beanstandete allerdings den neusachlichen Schreibtisch als zu schlicht für eine Respektsperson. Horkheimer wählte sich schließlich ein Modell barockerer Form.

          Weitere Themen

          Opfer wegen der Hautfarbe

          Angriff auf Eritreer : Opfer wegen der Hautfarbe

          Der Schütze von Wächtersbach handelte aus rassistischen Motiven. Der niedergeschossene Eritreer war laut den Ermittlern ein Zufallsopfer. Ein Abschiedsbrief liefert ein weiteres Detail zur Tat.

          Topmeldungen

          Angriff auf Eritreer : Opfer wegen der Hautfarbe

          Der Schütze von Wächtersbach handelte aus rassistischen Motiven. Der niedergeschossene Eritreer war laut den Ermittlern ein Zufallsopfer. Ein Abschiedsbrief liefert ein weiteres Detail zur Tat.
          Blick ins Zwischenlager in Gorleben (Bild aus 2011)

          Atommüll-Entsorgung : So arbeitet Deutschlands erster Staatsfonds

          Wie kann man heute 24,1 Milliarden Euro anlegen? Die Antwort muss die Stiftung geben, die zur Finanzierung der Atommüll-Entsorgung gegründet wurde. Jetzt soll erstmals ein Gewinn zu Buche stehen.
          Winfried – Markus, Markus – Winfried: Die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Bayern, Kretschmann und Söder, in Meersburg

          FAZ Plus Artikel: Bayern und Baden-Württemberg : Auf der Südschiene

          Markus Söder und Winfried Kretschmann bemühen sich um Nähe zueinander. Der eine will umweltfreundlicher wirken, der andere ein wenig konservativer. Und beide sind sich einig, dass Deutschland einen starken Süden braucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.