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Ausstellung : Die Ästhetik des Schreckens

Spielzeugsoldaten als Kunstobjekte: Ala Younis, „Tin Soldiers“, 2010/2011 Bild: © Ala Younis und Stiftelsen 3,14, Bergen

„Unter Waffen“: In der Schau im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst geht es um Gewehre und Handgranaten als Kunst- und Designobjekte. Und um ambivalente Gefühle.

          Manche brauchen das eben. Ein iPhone mit Schlagring-Hülle, die zwar harmlos ist, aber nicht, wie Museumsdirektor Matthias Wagner K bemerkt, mit ins Flugzeug genommen werden darf. Oder Parfums in Handgranaten-Flakons. Der Military-Look ist ohnehin nichts Neues, selbst die größten Friedensfreunde mögen es modisch manchmal martialisch. Die Tarnfarben auf den Klamotten mögen ja noch neckisch sein, eine Handtasche in Form einer stacheligen Bombe vor allem bizarr anmuten, vieles aber, was in der vom Chef des Hauses gemeinsam mit Ellen Blumenstein und Daniel Tyradellis kuratierten Ausstellung „Unter Waffen. Fire & Forget 2“ zu sehen ist, wirkt schlicht erschreckend. Wie der Haufen aus mehr als 700 goldglänzenden Granathülsen, die der belgische Konzeptkünstler Kris Martin als Installation präsentiert.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Schau im Frankfurt Museum Angewandte Kunst hatte eine Vorgängerin, die 2015 im KW Institute for Contemporary Art in Berlin gezeigte Ausstellung „Fire & Forget. On Violence“, die sich auf die Auseinandersetzung von Gegenwartkünstlern mit dem Thema beschränkte. Die große Präsentation in Frankfurt, die das gesamte zweite Stockwerk des Richard-Meier-Baus am Sachsenhäuser Mainufer einnimmt, ist eine um Design, Mode, Kunsthandwerk ergänzte Version. Die Ästhetik des Schreckens, mit der die Besucher hier konfrontiert werden, ist so faszinierend wie abstoßend und treibt mitunter bizarre Blüten. Manches überschreitet die Schmerzgrenze und die des guten Geschmacks ohnehin. Etwa das Kaffeeservice mit eingebrannten roten Farbspuren, dem Antonio Murado den Titel „Salomé“ gegeben hat.

          Der schöne Schein des Schrecklichen

          Der aus Galizien stammende, in New York arbeitende, vor allem als Maler hervorgetretene Künstler hat damit das gewaltsame Blutvergießen einerseits auf eine allgemeine, mythische Ebene gehoben, andererseits mit den unabwaschbar blutverschmierten Tassen, Untertassen, Kannen für den häuslichen Kaffeetisch auf das im Alltag liegende Grauen verwiesen. Die Mischung aus Porzellan und Gewalt hat es in sich. Man schaut gebannt hin und findet es doch fürchterlich. Anderes ist so bizarr, dass man schon wieder lachen muss wie über die Granate als Sexspielzeug oder auch das Maschinengewehr als Champagnerdusche.

          Es ist nicht wirklich das Entsetzen über den Krieg oder die Verzweiflung angesichts einer vor Waffen starrenden Welt, was im Mittelpunkt dieser Präsentation steht, für die ein „Ammo“ genanntes, auf Deutsch und Englisch verfasstes Hochglanzmagazin als Katalog dient. Wie Modestrecken oder Lifestyle-Reportagen werden darin die Arbeiten von Künstlern und Designern vorgeführt. Wer die Texte zu lesen beginnt, hat jedoch rasch keinen Zweifel mehr, dass hier ein Spiel mit dem schönen Schein des Schrecklichen getrieben wird und es darum geht, Licht ins Dunkel unseres zwiespältigen Verhältnisses zu allem Militärischen und Paramilitärischen zu bringen.

          Die Anmutung einer Waffenmesse

          Die irritierende Anmut und selbstbewusste Schönheit israelischer Soldatinnen und Soldaten, die Rami Maymon auf seinen großformatigen Fotografien porträtiert, rufen ebenso ambivalente Gefühle hervor wie die handbemalten Spielzeugsoldaten von Ala Younis, mit denen in die Kinderzimmerschlacht zu ziehen nicht nur mancher kleine Junge Lust verspüren dürfte. In der Installation des in Kuweit geborenen, in Ammann arbeitenden Künstlers stehen die Minikrieger in Reih und Glied und repräsentierten die Stärken der Armeen im Nahen Osten. Wobei sich die Überlegung einstellt, ob die Zahl der Personen oder die Ausrüstung und andere Faktoren letztlich die Einsatzkraft einer Armee bestimmen.

          Die Ausstellung arbeitet mit der schieren Masse. Es ist durchaus beabsichtigt, wenn die Besucher beim Gang durch die Schau an eine Waffenmesse denken. Große installative Arbeiten und kleine bis winzige Objekte sind nebeneinander zu erleben, dazu allerlei Videofilme, die etwa davon handeln, wie Soldaten Lady Gaga nachempfinden, oder vom „Football“, jenem Aktenkoffer, den jeweils ein Offizier dem amerikanischen Präsidenten hinterherträgt, wo immer dieser sich auch gerade aufhält: Er enthält eine mobile Sendeeinheit, mit der jederzeit ein Atomschlag ausgelöst werden kann.

          Politische Korrektheit ins Visier genommen

          Gewehre und Pistolen aus dem 3D-Drucker oder aus gewöhnlichen Materialien wie Holz bilden so etwas wie das Leitmotiv der Ausstellung, die zwischen Kunst, Werbung, Design und Mode changiert, jedoch mit einem Werk wie etwa der Installation „Double Shooting“ von Rabih Mroué, der mit seinen Performances und Kunstobjekten stets auf den Krieg im Libanon Bezug nimmt, nahe an die Wirklichkeit der gar nicht mehr ästhetischen Waffengewalt rückt.

          Und somit gewiss auch an moralische Fragen rührt. Von einem Moralismus, der die Phänomene und die komplizierten menschlichen Gefühlslagen verdecken würde, ist die Schau allerdings weit entfernt. Im Gegenteil nimmt ein Künstler wie Ives Maes mit seinen akkurat angeordneten Antipersonen-Minen die politisch korrekten Westmenschen ins Visier, die an ihrem moralischen Alltag keine Abstriche machen: Seine grünlichen Landminen sind aus abbaubarem Material, reine Bioprodukte.

          Die Ausstellung ist bis 26. März 2017 Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr zu sehen.

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