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Auf der Pirsch : Schüsse im Stadtforst

  • -Aktualisiert am

Werden im Frankfurter Stadtforst regelmäßig dezimiert: Rehe Bild: AP

Reinhard Divisch ist Frankfurts oberster Förster. Damit der Wald überleben kann, muss er mit seinen Männern jedes Jahr eine bestimmte Zahl von Wildtieren erlegen.

          4 Min.

          Reinhard Divisch nimmt drei polierte Patronen aus seinem Lederetui und öffnet die Ladeklappe der Winchester. Saftig klackend, fallen die 308er ins Magazin. Divisch schiebt die Flügelsicherung nach links und blockiert den Schlagbolzen. Dann lehnt er die Waffe samt Zielfernrohr an die Vorderseite des Hochsitzes. Er tastet nach dem grünen Fernglas und setzt es an die Augen. Da, links am Rand der Lichtung, äst ein Damhirsch. In der Dämmerung ist das Tier vor dem hohen Farnkraut kaum zu erkennen. Nur die Schaufeln sind zu sehen. Der Hirsch schaut auf, dann verschwindet er langsam im Unterholz.

          Divisch wartet noch ein paar Minuten, dann ist er sicher. Auf diese Lichtung im Stadtwald kommt heute kein Wild mehr. Divisch muss es wissen, das Revier kennt er ewig. Seit 23 Jahren leitet der große Mann mit dem grauen Vollbart und der großen Brille den Stadtforst, eine Abteilung des Grünflächenamts. Divisch ist sozusagen der oberste Förster Frankfurts.

          Die Kugel wird den Lauf mit einer Geschwindigkeit von 700 Metern in der Sekunde verlassen, sie wird 25 Meter weit fliegen, in die rechte Flanke des Spießers ein schmales Loch bohren, im Körper des Wildes aufpilzen, auf der linken Flanke ein größeres Loch reißen und wieder austreten. Sie wird die Rinde der alten Buche dahinter ritzen und kurz weiterjagen. Schließlich wird sich das Teilmantelgeschoss, Kaliber 7,62 Millimeter, in den Waldboden fressen und steckenbleiben.

          Er sucht nach Schweiß - einer Blutspur

          Reinhard Divisch legt an. Er wartet kurz, atmet ruhig. Dann drückt er ab. Das Damwild ist schon tödlich getroffen, bevor der Schall des Schusses das Ohr erreicht. Rauchlos riecht es nach Pulver. Der Geruch mischt sich mit dem Duft des Laubs. Das männliche Tier, ein Jährling, springt davon, verschwindet im grauen Herbstlicht. Divisch sichert die Waffe und hängt sie über die rechte Schulter. Er weiß, dass er getroffen hat. Behutsam nähert er sich der Buche. Er sucht nach Schweiß, so nennen Jäger eine Blutspur. Die Tropfen sind hell und rot und gut zu sehen auf der Unterseite der Blätter. Divisch folgt dem Blut, das in Abständen von etwa zwei Metern auf den Boden getropft ist. Er geht vielleicht 30 Meter, dann stoppt er. „Da liegt das Stück“, sagt er. Beim Sterben will er das Wild nicht stören. In einer halben Stunde kommt er wieder.

          Divisch ist für ungefähr 5000 Hektar Stadtwald südlich des Mains verantwortlich. Sechs Reviere gibt es, aber die Jagd ist nur ein kleiner Teil seiner Arbeit. Das Revier, in dem er gerade jagt, heißt Oberrad und hat die Form eines Dreiecks. Es wird im Westen begrenzt von der Darmstädter Landstraße, im Nordosten von der Babenhäuser Landstraße und im Süden von der A 3. Das Gebiet umfasst etwa 450 Hektar. 30 bis 35 Stück Wild können sich hier ernähren, ohne dass der Wald darunter leidet. Weil das Revier umzäunt ist, kann das Damwild das Waldstück nicht verlassen. Weil es sich trotzdem vermehrt, müssen Divisch und die anderen städtischen Jäger jedes Jahr eine bestimmte Zahl von Tieren schießen. Getötet werden die schwächeren Tiere, niemals das Alttier alleine, sonst gingen die Kälber zugrunde.

          Der Förster sitzt wieder in seinem grünen Auto. Die dunkelgrüne Joppe liegt auf dem Rücksitz, darunter das knapp 1000 Euro teure Gewehr. Langsam fährt der gut Fünfzigjährige die Waldwege entlang, späht nach links, späht nach rechts. Bis 1978 war Divisch Vegetarier, dann wurde er Förster und Jäger. Für die Stadt verkauft er Holz aus dem Stadtwald, berät Politiker, plant Bauarbeiten. Demnächst sollen neue S-Bahn-Gleise das Grün zerschneiden. Die Papierarbeit nimmt zu. Divisch kommt immer seltener in den Wald.

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