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Straßenstrich : Leben am Bordstein

An der Theodor-Heuss-Allee, dem Straßenstrich in Frankfurt, gibt es zwei Lager: die linke und die rechte Seite. Und über „die von drüben“ wird jeweils ordentlich hergezogen. Bild: dpa

Erbitterte Konkurrenz, gewalttätige Freier und das Wetter setzen den Frauen zu, die sich in Frankfurt auf dem Strich prostituieren. Die meisten wollen dennoch nicht weg.

          6 Min.

          Fabienne hat ein rot-leuchtendes Hundehalsband um die Leitplanke gewickelt, an der sie steht. Es ist ihr Leuchtturm, der sagt: Hier bin ich, finde mich, nimm mich mit. Fabienne steht daneben und wartet auf Kundschaft, mit glänzendem dunklem Haar und rotem Lippenstift auf dem schmalen Mund. Um die Augen hat sie schon ein paar Fältchen - Fabienne ist fast 60 Jahre alt. Ihre Beine sind endlos, und ihr Rock ist so kurz, dass man ihn kaum beschreiben kann. In dieser Nacht hat aber noch niemand angehalten. Die Autos brausen auf der Theodor-Heuss-Allee mit 60 Stundenkilometern oder mehr vorbei. Es ist die Zufahrt zur A 648, die westlich aus Frankfurt führt. Und es ist ein legaler Straßenstrich in der Stadt.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort stehen Fabienne, die eigentlich anders heißt, und ein gutes Dutzend weitere Frauen, um ihre Körper anzubieten. Sie trotzen Wind und Wetter und haben mit ihren Kunden Sex auf der Auto-Rückbank oder im Gebüsch. Fabienne macht den Job seit sechs Jahren. Angefangen hat sie, weil sie schnell Geld brauchte. Für jeden Mann, mit dem sie Geschlechtsverkehr hat, bekommt sie 50 Euro, Oralsex gibt es für 30 Euro. „Am Anfang ist es komisch, aber man gewöhnt sich daran“, sagt sie mit ihrer tiefen, rauhen Stimme. Sex ohne Kondom würde sie nie anbieten, und auch bei ihren Preisen macht sie keine Kompromisse, wie sie sagt. Auf der anderen Straßenseite sehe es da schon ganz anders aus, beschwert sie sich. Dass andere auf dem Strich sich nicht an die Preise und Regeln halten, ärgert sie. Wenn sie sagt: „Die Arbeit ist beschissen“, meint sie, die Konkurrenz sei hart. Einen anderen Job wünscht sie sich nämlich nicht.

          „Ich wusste, was ich hier machen würde“

          An der Theodor-Heuss-Allee gibt es zwei Lager: die linke und die rechte Straßenseite. Und über „die von drüben“ wird ordentlich hergezogen: Fabienne erzählt, dass viele der Frauen nicht mit der Pille verhüteten, aber für mehr Geld Geschlechtsverkehr ohne Kondom anböten. „Und dann fahren sie alle paar Monate nach Bulgarien, um das Kind wegzumachen.“ Sie zieht fest an ihrer Zigarette, ihre Mundwinkel kräuseln sich. Andersherum wird genauso gelästert. Im Kampf um die meisten Freier kann es schon einmal ungemütlich werden. Aber ein paar Verbündete hat jede auf der Straße.

          Wie zum Beispiel Marila für Fabienne. Vor drei Jahren kam sie nach Frankfurt, nachdem sie ein paar Jahre in Berlin auf dem Strich gearbeitet hatte. Sie steht ein paar Meter neben Fabienne und lacht laut, wenn sie von dem einen Freier erzählt, der sie mit nach Hause genommen hat, obwohl die Ehefrau dort war. Ihr kurzes Haar streicht sie immer wieder hinters Ohr, ihre Augen suchen die Straße nach Kunden ab. In den vergangenen Nächten hatte sie kein Glück, heute muss es klappen. Denn wenn die Frauen ein paar Tage nichts verdienen, wird es eng: Die meisten können sich dann nicht einmal mehr ein Ticket für den Nahverkehr leisten, werden erwischt, müssen Strafe zahlen, häufen Schulden an. Auch Marila heißt im wirklichen Leben anders. Sie ist, wie fast alle auf dem Frankfurter Strich, aus Bulgarien gekommen, um ein besseres Leben in Deutschland zu haben. „Ich wusste, was ich hier machen würde“, sagt sie. In Deutschland auf den Strich zu gehen sei aber immer noch besser, als arbeitslos in Bulgarien zu sein.

          Der schwierige Weg zurück

          Trotzdem: Marila will aussteigen, anders als viele ihrer Kolleginnen. Putzen oder im Supermarkt an der Kasse sitzen, das könnte sie sich vorstellen. Den Beruf zu wechseln ist allerdings nicht einfach: Viele Frauen, die auf dem Strich arbeiten, haben keine Krankenversicherung, keinen Mietvertrag, manche nicht einmal einen Ausweis. Die sozialen Absicherungen, die das nur drei Paragraphen umfassende „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ ermöglichen wollte, kennen die meisten überhaupt nicht, oder sie, die meisten sind Bulgarinnen, fürchten den Kontakt zu den Behörden.

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