https://www.faz.net/-gzg-9wu52

Einer von 635: Der Kurde Firat Vural ist seit Oktober 2019 in Hessen. Bild: Christner

Asylbewerber aus der Türkei : Ein Anwalt auf der Flucht

Immer mehr Menschen fliehen aus Furcht vor Folter aus der Türkei nach Hessen – ihre Chancen auf Asyl sind gering. Firat Vural ist einer von ihnen und hat sich früher selbst für Flüchtlinge eingesetzt.

          4 Min.

          Es war einer dieser vielen Momente, in denen Firat Vural wieder einmal um sein Leben fürchtete. Drei Jahre nach dem Massaker in der Stadt Suruç, bei dem ein IS-Selbstmordattentäter 34 Jugendliche mit in den Tod riss, habe er in Istanbul an einer Gedenkveranstaltung für die Toten teilgenommen, erzählt der junge Rechtsanwalt. Es habe nicht lange gedauert, bis die Teilnehmer von türkischen Polizisten angegriffen worden seien.

          Auch ihn rissen die Polizisten gewaltsam zu Boden und würgten ihn am Hals, wie er berichtet. „Das ist Folter und verboten“, habe er noch gesagt, während er am Boden gelegen habe. Erst als Vural den Polizeibeamten erklärt habe, dass er Rechtsanwalt sei, habe er aufstehen dürfen. Viele andere dagegen seien festgenommen worden. „Diese Behandlung erwartet jeden, der in der Türkei nach Frieden ruft.“

          Vorwurf: Mitglied in Terrororganisation

          Weil Firat Vural sich als Anwalt für die Rechte von Kurden, Homosexuellen und unterdrückten Politikern einsetzte, wurde ihm 2016 die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation zur Last gelegt. Auch soll er während einer Demonstration eine Straftat begangen haben. Vural wird mit 15 Jahren Haft bestraft. Der Dreißigjährige legte Revision ein. Aufgrund der instabilen politischen Lage und verschiedenen Richterwechseln blieb er auf freiem Fuß. Doch er fühlte sich nicht mehr sicher. „Die Richter in der Türkei sind unter der Kontrolle der Regierung – von unabhängigen Urteilen kann man nicht ausgehen.“ Er beschloss, aus seiner Heimat zu fliehen. Zunächst versuchte Vural, auf herkömmlichen Wege auszureisen, aber sein Pass wurde beschlagnahmt. Also trat er mit Hilfe von Schleppern und gefälschten Papieren am 12. Oktober 2019 am Flughafen von Istanbul eine Reise an, die zwei Wochen dauern sollte – und ihn nach Deutschland geführt hat.

          Seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 ist die Zahl der Asylbewerber aus der Türkei stark angestiegen. Ein 34 Seiten umfassender Bericht des Auswärtigen Amtes spricht davon, dass es in der Türkei zu „Säuberungen“, „Missbrauch der Justiz für persönliche Machtinteressen“ und „politischer Einflussnahme auf die Wissenschaft und Universitäten“ komme. Nach Angaben des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration sind momentan 19 Prozent der Asylsuchenden türkische Staatsbürger und stellen mit 635 Personen die größte Gruppe unter den Antragstellern in Hessen dar.

          In Hessen werden die Geflüchteten in der Regel zunächst im Ankunftszentrum in Gießen registriert und medizinisch untersucht, zudem wird hier der Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellt. Bis entschieden wird, ob die Geflüchteten in eine der fünf anderen Aufnahmeeinrichtungen in Hessen verlegt oder in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden, vergehen durchschnittlich drei bis vier Monate. Es liegen keine statistischen Daten darüber vor, ob es sich dabei um Kurden oder andere verfolgte Minderheiten handelt.

          „Völlig verlorene Jahre“

          Dass immer mehr Menschen aus der Türkei flüchten, bemerkt auch Rechtsanwalt Berthold Fresenius. „Das sind Verhältnisse, wie es sie in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben hat.“ Seit 35 Jahren hat er sich auf Asyl- und Strafrecht spezialisiert. Nach dem Putschversuch 2016 seien viele Intellektuelle und Funktionäre aus der Türkei nach Deutschland geflohen, er selbst vertrete „unzählige Fälle“. Doch auch für Aktivisten habe der Verfolgungsdruck in der Türkei extrem zugenommen.

          Die Chancen auf Asyl in Deutschland seien für Kurden allerdings schlecht, sagt Fresenius, der Firat Vural vertritt. „Wenn mein Mandant kein Asyl bekommt, wer dann?“, fragt der Anwalt. Für ihn liegt es auf der Hand, dass Vural politisch verfolgt wird. Fresenius ist verärgert: „Diese Menschen befinden sich in der Warteschleife – das sind völlig verlorene Jahre.“

          Firat Vural weiß, was es heißt, Jahre zu verlieren. Schon während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Istanbul war Vural politisch aktiv, arbeitete für eine Menschenrechtsorganisation, unterstützte die überwiegend kurdische Partei HDP und bot inhaftierten Politikern und Aktivisten Rechtsbeistand an. Im Zuge studentischer Massenverhaftungen wurde Firat Vural im Jahr 2011 selbst festgenommen. 28 Monate saß der angehende Rechtsanwalt im Gefängnis, musste sein Studium unterbrechen, stand unter ständiger Überwachung.

          Was bedeutet Demokratie?

          Mit gefalteten Händen und ruhiger Stimme berichtet Vural von seinen Erlebnissen, wird nur lauter, wenn er von seinen Freunden und Verwandten in der Türkei spricht. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis sei er nicht leise geworden. Stattdessen verstärkte er seine politischen Aktivitäten. „Natürlich stand ich durch meine vorangegangene Haftstrafe unter Druck und wurde weiterhin verfolgt. Aber man muss trotzdem weitermachen. Ich habe stets demokratisch gehandelt.“

          Demokratie, sagt Vural, bedeute für ihn, dass verschiedene Völker und Minderheiten sich ohne Unterdrückung frei entfalten und gemeinsam leben können. In seinen Augen ist das in der Türkei herrschende System undemokratisch. Er habe erlebt, wie Freunde und Bekannte durchsucht, angegriffen und inhaftiert, Demonstrationen und Menschenrechtsvereine verboten wurden. „Die Menschen dort wissen nie, wie der nächste Tag aussehen wird.“ Mit seinen Eltern in der Türkei telefoniere er jeden Tag. „Sie sorgen sich um mich, weil ich alleine in Deutschland bin“, sagt Vural. „Aber ich habe hier bessere Bedingungen als sie.“

          Wie seine zweiwöchige Flucht nach Deutschland im Detail aussah, will Vural nicht erzählen. Denn er rechnet damit, dass viele weitere Menschen aus der Türkei nach Deutschland flüchten müssen, und will ihre Sicherheit nicht gefährden.

          Der junge Rechtsanwalt lebt derzeit in einem Flüchtlingsheim im Rhein-Main-Gebiet, bringt sich die deutsche Sprache selbst bei, besucht die Bibliothek oder geht spazieren. Immer begleite ihn die Angst, sagt er. Als Rechtsanwalt einer Menschenrechtsorganisation habe er früher Akten von Flüchtlingen aus Ländern wie Syrien, Iran und Aserbaidschan bearbeitet. Manche dieser Schicksale beschäftigen ihn noch heute. Einer seiner früheren Mandanten sei abgeschoben worden. Was für Vural damals nur eine berufliche Niederlage war, bekommt für ihn heute eine ganz neue Bedeutung: „Manchmal fürchte ich, dass mir dasselbe Schicksal widerfährt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Firmenzentrale des Zahlungsdienstleisters Wirecard im bayrischen Aschheim.

          Marktmanipulation : Bafin zeigt Wirecard an

          Nach den Vorwürfen wegen Marktmanipulation gegen den Zahlungsdienstleister hat nun die Finanzaufsicht Bafin Anzeige erstattet. Die Geschäftsräume des Unternehmens in Bayern wurden untersucht. Die Vorwürfe richten sich gegen Vorstände.
          Als hätte er sie gewonnen: Trump hält am 1. Juni vor der Kirche St. John in Washington eine Bibel hoch.

          Psychogramm eines Präsidenten : Krieg, bis ihn alle lieben

          Pandemie, Rassismus, Polizeigewalt – Amerika könnte einen Landesvater gebrauchen, der Trost spendet und Zuversicht verbreitet. Doch im Weißen Haus sitzt ein Narziss, der nur mit einer Person mitfühlt: sich selbst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.