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Einer von 635: Der Kurde Firat Vural ist seit Oktober 2019 in Hessen. Bild: Christner

Asylbewerber aus der Türkei : Ein Anwalt auf der Flucht

Immer mehr Menschen fliehen aus Furcht vor Folter aus der Türkei nach Hessen – ihre Chancen auf Asyl sind gering. Firat Vural ist einer von ihnen und hat sich früher selbst für Flüchtlinge eingesetzt.

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          Es war einer dieser vielen Momente, in denen Firat Vural wieder einmal um sein Leben fürchtete. Drei Jahre nach dem Massaker in der Stadt Suruç, bei dem ein IS-Selbstmordattentäter 34 Jugendliche mit in den Tod riss, habe er in Istanbul an einer Gedenkveranstaltung für die Toten teilgenommen, erzählt der junge Rechtsanwalt. Es habe nicht lange gedauert, bis die Teilnehmer von türkischen Polizisten angegriffen worden seien.

          Auch ihn rissen die Polizisten gewaltsam zu Boden und würgten ihn am Hals, wie er berichtet. „Das ist Folter und verboten“, habe er noch gesagt, während er am Boden gelegen habe. Erst als Vural den Polizeibeamten erklärt habe, dass er Rechtsanwalt sei, habe er aufstehen dürfen. Viele andere dagegen seien festgenommen worden. „Diese Behandlung erwartet jeden, der in der Türkei nach Frieden ruft.“

          Vorwurf: Mitglied in Terrororganisation

          Weil Firat Vural sich als Anwalt für die Rechte von Kurden, Homosexuellen und unterdrückten Politikern einsetzte, wurde ihm 2016 die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation zur Last gelegt. Auch soll er während einer Demonstration eine Straftat begangen haben. Vural wird mit 15 Jahren Haft bestraft. Der Dreißigjährige legte Revision ein. Aufgrund der instabilen politischen Lage und verschiedenen Richterwechseln blieb er auf freiem Fuß. Doch er fühlte sich nicht mehr sicher. „Die Richter in der Türkei sind unter der Kontrolle der Regierung – von unabhängigen Urteilen kann man nicht ausgehen.“ Er beschloss, aus seiner Heimat zu fliehen. Zunächst versuchte Vural, auf herkömmlichen Wege auszureisen, aber sein Pass wurde beschlagnahmt. Also trat er mit Hilfe von Schleppern und gefälschten Papieren am 12. Oktober 2019 am Flughafen von Istanbul eine Reise an, die zwei Wochen dauern sollte – und ihn nach Deutschland geführt hat.

          Seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 ist die Zahl der Asylbewerber aus der Türkei stark angestiegen. Ein 34 Seiten umfassender Bericht des Auswärtigen Amtes spricht davon, dass es in der Türkei zu „Säuberungen“, „Missbrauch der Justiz für persönliche Machtinteressen“ und „politischer Einflussnahme auf die Wissenschaft und Universitäten“ komme. Nach Angaben des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration sind momentan 19 Prozent der Asylsuchenden türkische Staatsbürger und stellen mit 635 Personen die größte Gruppe unter den Antragstellern in Hessen dar.

          In Hessen werden die Geflüchteten in der Regel zunächst im Ankunftszentrum in Gießen registriert und medizinisch untersucht, zudem wird hier der Antrag auf Asyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gestellt. Bis entschieden wird, ob die Geflüchteten in eine der fünf anderen Aufnahmeeinrichtungen in Hessen verlegt oder in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden, vergehen durchschnittlich drei bis vier Monate. Es liegen keine statistischen Daten darüber vor, ob es sich dabei um Kurden oder andere verfolgte Minderheiten handelt.

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