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Asylbewerber aus der Türkei : Ein Anwalt auf der Flucht

„Völlig verlorene Jahre“

Dass immer mehr Menschen aus der Türkei flüchten, bemerkt auch Rechtsanwalt Berthold Fresenius. „Das sind Verhältnisse, wie es sie in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben hat.“ Seit 35 Jahren hat er sich auf Asyl- und Strafrecht spezialisiert. Nach dem Putschversuch 2016 seien viele Intellektuelle und Funktionäre aus der Türkei nach Deutschland geflohen, er selbst vertrete „unzählige Fälle“. Doch auch für Aktivisten habe der Verfolgungsdruck in der Türkei extrem zugenommen.

Die Chancen auf Asyl in Deutschland seien für Kurden allerdings schlecht, sagt Fresenius, der Firat Vural vertritt. „Wenn mein Mandant kein Asyl bekommt, wer dann?“, fragt der Anwalt. Für ihn liegt es auf der Hand, dass Vural politisch verfolgt wird. Fresenius ist verärgert: „Diese Menschen befinden sich in der Warteschleife – das sind völlig verlorene Jahre.“

Firat Vural weiß, was es heißt, Jahre zu verlieren. Schon während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Istanbul war Vural politisch aktiv, arbeitete für eine Menschenrechtsorganisation, unterstützte die überwiegend kurdische Partei HDP und bot inhaftierten Politikern und Aktivisten Rechtsbeistand an. Im Zuge studentischer Massenverhaftungen wurde Firat Vural im Jahr 2011 selbst festgenommen. 28 Monate saß der angehende Rechtsanwalt im Gefängnis, musste sein Studium unterbrechen, stand unter ständiger Überwachung.

Was bedeutet Demokratie?

Mit gefalteten Händen und ruhiger Stimme berichtet Vural von seinen Erlebnissen, wird nur lauter, wenn er von seinen Freunden und Verwandten in der Türkei spricht. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis sei er nicht leise geworden. Stattdessen verstärkte er seine politischen Aktivitäten. „Natürlich stand ich durch meine vorangegangene Haftstrafe unter Druck und wurde weiterhin verfolgt. Aber man muss trotzdem weitermachen. Ich habe stets demokratisch gehandelt.“

Demokratie, sagt Vural, bedeute für ihn, dass verschiedene Völker und Minderheiten sich ohne Unterdrückung frei entfalten und gemeinsam leben können. In seinen Augen ist das in der Türkei herrschende System undemokratisch. Er habe erlebt, wie Freunde und Bekannte durchsucht, angegriffen und inhaftiert, Demonstrationen und Menschenrechtsvereine verboten wurden. „Die Menschen dort wissen nie, wie der nächste Tag aussehen wird.“ Mit seinen Eltern in der Türkei telefoniere er jeden Tag. „Sie sorgen sich um mich, weil ich alleine in Deutschland bin“, sagt Vural. „Aber ich habe hier bessere Bedingungen als sie.“

Wie seine zweiwöchige Flucht nach Deutschland im Detail aussah, will Vural nicht erzählen. Denn er rechnet damit, dass viele weitere Menschen aus der Türkei nach Deutschland flüchten müssen, und will ihre Sicherheit nicht gefährden.

Der junge Rechtsanwalt lebt derzeit in einem Flüchtlingsheim im Rhein-Main-Gebiet, bringt sich die deutsche Sprache selbst bei, besucht die Bibliothek oder geht spazieren. Immer begleite ihn die Angst, sagt er. Als Rechtsanwalt einer Menschenrechtsorganisation habe er früher Akten von Flüchtlingen aus Ländern wie Syrien, Iran und Aserbaidschan bearbeitet. Manche dieser Schicksale beschäftigen ihn noch heute. Einer seiner früheren Mandanten sei abgeschoben worden. Was für Vural damals nur eine berufliche Niederlage war, bekommt für ihn heute eine ganz neue Bedeutung: „Manchmal fürchte ich, dass mir dasselbe Schicksal widerfährt.“

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