https://www.faz.net/-gzg-14n6d

„Arzte für die dritte Welt“ : Für das Krankenhaus eine Kiste Apfelsinen

Die Kinderstation nahe Kalkutta, für deren Erweiterung und Verlagerung diese Zeitung ihre Leser um Spenden bittet. Bild: Wolfgang Eilmes

Die „Ärzte für die Dritte Welt“, die in Kalkutta stationiert sind, werden auch an Heiligabend ihrer ehrenamtlichen Arbeit nachgehen und bis in den Abend Patienten in den Ambulanzen in verschiedenen Armenvierteln behandeln.

          2 Min.

          Für einige Wochen ist es kalt geworden in der indischen Metropole, in der die Menschen sonst schwitzen von früh bis spät. „Wir Europäer kommen damit zurecht, wir haben ja auch die entsprechende Kleidung“, schreibt Tobias Vogt, der für die Frankfurter Organisation „Ärzte für die Dritte Welt“ in Kalkutta arbeitet. „Aber die armen Leute in den Hütten frieren wie die Schneider. Sie haben natürlich keine Wintersachen oder Wolldecken. Wenn sie Material finden, zünden sie sich schon mal tagsüber ein Feuer an und wärmen sich dann daran wie verfrorene Vögel.“

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Die „Ärzte für die Dritte Welt“, die in Kalkutta stationiert sind, werden auch an Heiligabend ihrer ehrenamtlichen Arbeit nachgehen und bis in den Abend Patienten in den Ambulanzen in verschiedenen Armenvierteln behandeln. Zu tun ist wie immer genug. Am Montag brachte eine Mutter einen neun Monate alten Säugling, der nur noch Haut und Knochen war. „Sein Gesicht war eingefallen wie das eines Neunzigjährigen“, schreibt Vogt. „Die Familie lebt unter übelsten Bedingungen in einer Plastikhütte an einem Abwasserkanal, der Familienvater ist wohl Tagelöhner, die Mutter arbeitet als Putzfrau, das jüngste Kind bekommt vor allem Zuckerwasser als Ernährung.“ Die Hornhaut des rechten Auges ist bei dem Säugling fast völlig eingeschmolzen, wie Vogt weiter berichtet – Folge eines schweren Vitamin-A-Mangels. „Wenn die Mutter eine Woche später gekommen wäre, wäre das Kind wahrscheinlich schon erblindet.“

          Am Ball bleiben

          Eine kleine Feier ist an Heiligabend aber auch vorgesehen, nach der Arbeit in einem Krankenhaus für an Tuberkulose erkrankte Kinder. Und auch ein Geschenk: Die Ärzte haben für die 30 Mädchen und Jungen dort eine große Kiste Apfelsinen gekauft. Am zweiten Weihnachtstag, so schreibt Vogt weiter, werde er mit seinen Kollegen Kinder in den „Brick Fields“ impfen, Produktionsstätten von Ziegelsteinen, die unter primitiven Bedingungen aus dem Uferschlamm des Ganges entstehen. „Diese Knochenarbeit wollen sogar die Einheimischen Kalkuttas nicht machen. Die Brick-Field-Verwaltung heuert ganze Familien tief im völlig perspektivlosen Hinterland der großen Städte an, in unwegsamen Wäldern und ihren Dörfern. Die Familien arbeiten für Hungerlöhne. Sie kommen im November, nach der Regenzeit, auf das Brick Field, und bleiben bis Juni, bis zum Beginn der nächsten Regenzeit. Die Leute sind alle Analphabeten, sie sind alle mager, die Kinder sind oft arg hungrig und krank. Es hilft ihnen nicht, sie müssen alle mit anpacken, die Kinder etwa ab fünf Jahren. Der Gedanke an Schule ist da außerirdisch weit entfernt. Auch ein krankes Kind findet keine Hilfe – die Brick-Field-Verwaltung gibt einer Mutter normalerweise nicht die Erlaubnis, das Feld zu verlassen und in ein Krankenhaus zu fahren.“ Diese Kinder würden von den „Ärzten für die Dritte Welt“ an Ort und Stelle geimpft. „Bis zum Beginn der nächsten Regensaison, etwa im Juni 2010, werden wir es nicht schaffen, auch nur die Hälfte der Kinder, die dort arbeiten, zu impfen und mit Vitaminen und Wurmmitteln zu versorgen. Es sind einfach zu viele. Aber wir bleiben dort gerne und leidenschaftlich am Ball.“

          Die kleine Weihnachtsfeier, von der die Rede war, wird im Puspa Home stattfinden, jenem Krankenhaus, für dessen Aufstockung diese Zeitung um Spenden bittet. Auf dem Dach soll eine Kinderstation entstehen, in der unterernährte Mädchen und Jungen behandelt werden können. „Ich hoffe, alle diese ewig Letzten und Geringsten werden auf der neuen Kinderstation ein professionelles und sie willkommen heißendes Umfeld finden“, schreibt Vogt. Das sollte sich mit dem Geld der Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ wohl organisieren lassen.

          Weitere Themen

          Waldstadion in Regenbogenfarben

          Nach Verbot der UEFA : Waldstadion in Regenbogenfarben

          Nach dem Verbot des europäischen Fußballverbands UEFA, die Münchner Arena beim EM-Spiel zwischen Deutschland und Ungarn in Regenbogenfarben auszuleuchten, strahlt das Waldstadion am Mittwochabend bunt angeleuchtet.

          Topmeldungen

          2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

          Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.
          Präsident Joe Biden will mehr Geld in die Polizei investieren.

          Biden gegen Waffengewalt : 350 Milliarden Dollar für lokale Polizeibezirke

          Manche Linke in seiner Partei wollen die Polizei verkleinern oder abschaffen – Joe Biden will stattdessen mehr Geld für die ohnehin schon hochgerüsteten Ordnungshüter. In der Pandemie ist vor allem die Schusswaffenkriminalität gestiegen.
          Proben für einen PCR-Test werden von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum verpackt. Der Anteil der Delta-Variante unter den Neuinfektionen in Deutschland beläuft sich mittlerweile auf 15 Prozent.

          F.A.Z. Frühdenker : Delta breitet sich schnell in Deutschland aus

          Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten über die schwierige Beziehung zu Russland. Wirtschaftsminister Altmaier reist nach Washington. Und Deutschland zittert sich gegen Ungarn ins EM-Achtelfinale gegen England. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.