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Architektur von „My Zeil“ : Ein Fluss aus Glas

Sogwirkung: Der Trichter in der Fassade zur Zeil hin ist ein Blickfang Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Massimiliano Fuksas verdankt die Idee für das Zeil-Einkaufszentrum einer Luftaufnahme eines ausgetrockneten Flusslaufs. Der italienische Stararchitekt wollte ein Gebäude entwerfen, das keine Ecken und Kanten hat. Sein Bauwerk steht Frankfurt gut zu Gesicht.

          Am Anfang war das Foto. Es zeigte, von hoch oben gesehen, ein ausgewaschenes Wadi in einer kargen Umgebung. Die Sedimentschichten, in die sich das Wasser in geschwungenen Linien eingefressen hatte, waren deutlich zu erkennen, die Farben trieben ein buntes Spiel. Massimiliano Fuksas hatte die Aufnahme in dem Buch „Die Erde von oben“ gefunden, ein Sammelband mit Luftbildern von fast atemberaubend schönen Naturlandschaften. Dieses Bild hat Fuksas inspiriert, dieses wilde Flusstal wollte er bauen.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dem italienischen Stararchitekten kam die Idee, ein Gebäude zu entwerfen, das keine Ecken und Kanten hat. So wie Wasser sich weigert, in eckigen und kantigen Bewegungen zu fließen. Fast jede Form in diesem Bauwerk ist rund, gebogen oder geschwungen. Das fängt außen an und setzt sich innen fort. Nur die Tiefgarage mit ihren vier Parkdecks von A wie Amsterdam bis D wie Dubai hat einige rechte Winkel.

          Der Blick verliert sich im Getümmel

          Wie ein reißender Fluss legt sich das Glasdach in Wellen. Die Struktur aus dreieckigen Fenstern bildet wie unter Einwirkung eines Soges Strudel und Trichter, die am Dach beginnen und im Untergeschoss enden. Als hätte dort jemand den Badewannenstöpsel herausgezogen, wird das ganze Dach eingesaugt. Es war Fuksas’ Wunsch, dass sich diese Form auch im Namen des Einkaufszentrums niederschlagen sollte. „Fluxus“ schlug er vor, „Zeil Canyon“ war auch im Gespräch. Doch man hat ihm diesen Wunsch leider nicht erfüllt.

          Auch das Innere des Einkaufszentrums bietet spektakuläre Ansichten

          Nicht zuletzt wegen der effektvollen Form des Glasdaches werden viele Besucher einfach aus Neugierde bis nach oben laufen, um zu schauen, wo dieses Dach aufhört und ansetzt. Ursprünglich sollte es ganz aus Glas bestehen. Aus klimatischen Gründen sind die äußeren Ränder jedoch verkleidet. Das Gebäude würde sich sonst so stark aufheizen, dass es unmöglich wäre, es abzukühlen.

          Eine 48 Meter lange, frei Rolltreppe führt direkt in die vierte Ebene, die so zum zweiten Erdgeschoss wird. Die größte Sorge der Betreiber von Einkaufszentren – dass niemand sich nach oben verirrt, weil der Weg zu lang ist – dürfte sich erledigen. Im vierten Obergeschoss öffnet sich auch ein Raum, den Fuksas als „Piazza“ bezeichnet, ein Marktplatz mit Eiscafé und Restaurants, auf dem man sich wohl fühlt. Von dort oben geht der Blick durch zahlreiche Öffnungen bis hinunter ins Kellergeschoss, ähnlich wie bei Meinhard von Gerkans Berliner Hauptbahnhof, wo tief unten die ICE einfahren, während oben die S-Bahnen kreuzen. Am Rand dieser Trichter, Öffnungen und Schlünde schaut der Gast durch die Etagen, und sein Blick verliert sich im Getümmel.

          Lichtdurchflutete Atmosphäre im Inneren

          Staunend fragt man sich, wo die tragenden Bauteile sind. Die dünnen weißen Säulen sind leicht zu übersehen, doch sie stützen das Gebäude mit seinen fast hundert Geschäften, um die sich der Glasfluss windet. Das Dach ruht auf seiner verstrebten Struktur. Sie wirkt wie die Oberflächenspannung, die das Blatt auf dem Fluss vor dem Sinken bewahrt.

          Die Qualität eines Bauwerks von dieser Dimension zeigt sich auch in den Feinheiten, darin, ob alles zueinander passt. Es ist nur ein Detail. Aber die weißen Geländerstreben, die sich um die großen Öffnungen winden, greifen mit ihrer feinen, fragilen Struktur ein Ideal der fünfziger Jahre auf. Vielleicht ist dies als eine versteckte Reminiszenz an die Bauten zu verstehen, die für die Massen des Palais Quartier weichen mussten. Das Fernmeldehochhaus und die angrenzende Hauptpost stammten aus den fünfziger Jahren, sie waren wichtige Zeugen der Aufbauepoche. Auch die Lampen, die wie kleine Krater unter der Decke sitzen, wirken auf angenehme Art anachronistisch und doch stimmig.

          Von außen erscheint die Architektur, wie es bei dem Material Glas fast immer so ist, keineswegs derartig transparent und luzide wie es die Computersimulationen verheißen, sondern durch die Spiegelungen des Himmels grau und nahezu hermetisch. Die rüsselartige Konstruktion, der sich zur Zeil hin öffnende Trichter, zieht die Blicke auf sich. Doch innen entsteht eine taghelle, großzügige und lichtdurchflutete Atmosphäre. Die ausladende Passage erweitert die Fußgängerzone und damit den Lebensraum. Dies ist keine herkömmliche Mall, kein funktionaler Pappkarton, sondern ein Bauwerk, das Frankfurt, der Stadt, die sich architektonisch permanent neu erfindet, gut zu Gesicht steht.

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