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Anton Hofreiter : „Nicht alle, die AfD wählen, sind rechtsradikal“

  • -Aktualisiert am

Was macht denn die Flüchtlingspolitik der großen Koalition aus? Bundeskanzlerin Merkel hat in unseren Augen mit der Aufnahme von Flüchtlingen etwas Richtiges getan. Aber seitdem hat sich Merkels Flüchtlingspolitik stark verändert. Europa hat sich abgeschottet, Syrer bekommen bei uns oft nicht mehr den Flüchtlings-Status, der Familiennachzug wurde ausgesetzt. Das kritisieren wir Grüne. Dennoch ist klar: Wir müssen unserer humanitären Verantwortung gerecht werden – und wenn es dann Gemeinsamkeit in der Flüchtlingspolitik gibt, ist das gut so.

Sie sprachen von Menschen, die sich sozial und kulturell abgehängt fühlen. Was meinen Sie damit?

Mit „kulturell abgehängt“ meine ich Leute, denen es durchaus gutgeht, die aber in Regionen leben, in die kein Bus mehr fährt, in denen es keinen Arzt mehr gibt und der letzte Lebensmittelladen geschlossen hat. Da kann die Politik durchaus etwas tun.

Was ist mit den sozial Abgehängten? Bedarf es für sie einer besseren Sozialpolitik?

Wir brauchen hier zuerst einmal eine Politik, die deutlich macht, dass man diese Menschen sieht und anerkennt. Auch ein Bauarbeiter, wie mein Großvater es gewesen ist, leistet etwas Wertvolles für die Gesellschaft. In Österreich haben 86 Prozent der Wähler aus der Arbeiterschicht den FPÖ-Kandidaten Hofer gewählt. Ich glaube nicht, dass 86 Prozent der Arbeiter dort rechtsradikal und ausländerfeindlich sind.

Glauben Sie wirklich, dass ausgerechnet die Grünen, die oft aus bürgerlichen Verhältnissen stammen, diese Leute erreichen?

Ja. Mehr als 50 Prozent unserer Wähler haben kein Abitur. Die Grünen besitzen eine lange Tradition, sich um sozial Abgehängte zu kümmern, ohne paternalistisch zu sein.

Sie, Herr Hofreiter, wollen Spitzenkandidat der Grünen bei der Bundestagswahl werden. Auf Ihrem Zettel ganz oben steht „Agrarwende“. Was ist das?

Die Agrar-Subventionen für die Höfe müssen anders verteilt werden. Im Moment bekommen die Landwirte Geld vom Staat dafür, dass sie schlichtweg viel Land haben. Die Grünen wollen das vorhandene Geld nach dem Motto verteilen: „Öffentliches Geld für öffentliche Leistung“.

Was sollen die Bauern, die nicht vom Verkauf ihrer Erzeugnisse leben können, leisten?

Tierschutz, Naturschutz und Kulturschutz. In bestimmten Landschaften, zum Beispiel in Mittelgebirgen mit Halbtrocken-Rasen, lohnt sich Landwirtschaft nicht mehr.Wenn wir diese alten Kulturlandschaften erhalten wollen, müssen wir Bauern als Landschaftspfleger bezahlen.

Bedeutet Agrarwende für die Masse der Bevölkerung nicht einfach, dass das Fleisch teurer wird?

Fleisch würde minimal mehr kosten. Bei einer fairen Tierhaltung würde der Preis um drei bis sechs Prozent steigen.

Biofleisch ist doch weit mehr als drei oder sechs Prozent teurer.

Es muss ja nicht nur Biofleisch produziert werden. Es gibt auch bei der konventionellen Haltung Unterschiede. Viele konventionell wirtschaftende Bauernhöfe halten ihre Tiere anständig. Die Grünen plädieren für ein vierstufiges System wie heute bei den Eiern: 3 ist gesetzlicher Mindeststandard; zwei ist über dem Standard; 1 bedeutet, dass die Tiere Zugang ins Freie haben; 0 heißt echtes Bioprodukt. Ein solches System würde Klarheit herstellen, und es wäre Schluss mit dem heutigen Siegel-Dschungel.

Die Fragen stellte Hans Riebsamen.

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