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Antisemitismus : Noch nie mit einem Juden gesprochen

  • -Aktualisiert am

Willkommen: Auch die Ultraorthodoxen finden eine Heimat in der Westend-Synagoge. Bild: Helmut Fricke

Gewiss, es gibt Antisemitismus in Frankfurt. Doch man kann gegen Judenfeindlichkeit durchaus etwas ausrichten.

          3 Min.

          Auf Schulhöfen geht es zuweilen rauh zu. Manchmal fliegen die Schimpfworte nur so hin und her: „Archschloch“, „Penner, „Spasti“. Die Lehrer sind das gewohnt. Wenn jedoch Ausdrücke wie „Scheißjude“ oder „Dich hat man zu vergasen vergessen“ fallen, läuten die Alarmglocken. Denn Antisemitismus ist das Letzte, was eine Schule in Deutschland tolerieren darf. Hilfe können Lehrer bei Manfred Levy finden. Er hat lange als Lehrer und Schulleiter gearbeitet und betreut jetzt am Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums das Schulprojekt „Anti Anti“. „Gegen Antisemitismus“, lautet die Parole. Doch häufig stellt sich heraus, dass die Berufsschüler, mit denen es Levy in diesem Projekt zu tun hat, nicht nur schlecht über Juden reden, sondern auch über Obdachlose, Schwule oder Behinderte. Häufig sind diese zumeist aus schwierigen Verhältnissen stammenden Jugendlichen selbst Opfer von Vorurteilen.

          „Sie werden diskriminiert und diskriminieren“, sagte Levy gestern den Teilnehmern einer journalistischen Erkundungstour durch die Stadt mit dem Titel „Jüdisches Leben in Frankfurt“, die der Mediendienst Integration organisiert hatte. Das Seltsame am Antisemitismus besteht häufig darin, dass Judenhasser oder Judenverachter meistens noch nie mit einem Juden gesprochen haben. Schließlich bilden Juden nur eine winzige Minderheit in der Gesellschaft. Von den 81 Millionen Einwohnern Deutschlands gehören gerade einmal 100.000 einer der Jüdischen Gemeinden hierzulande an. Rechnet man noch jene hinzu, die nicht religiös organisiert sind, sich aber dennoch als Juden fühlen, kommt man vielleicht auf 200.000 Personen. In Frankfurt mit seinen 736.000 Einwohnern sind lediglich 6600 Personen bei der Jüdischen Gemeinde eingeschrieben. Die Chance, einem Juden beim Einkaufen zu begegnen, ist also für einen Nichtjuden denkbar gering.

          Mit Sport gegen den Antisemitismus

          Umso mehr dominieren die stereotypen Bilder, die man sich traditionell von Juden macht. Das beste Mittel gegen den Antisemitismus ist nach den Erfahrungen Levys die persönliche Begegnung mit einem Juden. Wenn er den Berufsschülern in den „Anti Anti“-Workshops sagt: „Ich bin Jude“, sind sie normalerweise überrascht. So haben sie sich einen Juden nicht vorgestellt. Bei Makkabi begegnen sich Juden und Nichtjuden Tag für Tag. Der jüdische Sportverein zählt in Frankfurt 1300 aktive Mitglieder, etwas mehr als 500 sind nach Angaben des Makkabi-Präsidenten Alon Meyer Juden. Mit dem Davidstern auf der Brust kämpfen bei Makkabi Sportler verschiedenster Religion und Herkunft um Sieg und Punkte, auch Muslime. Vor etwa 13 Jahren haben die Frankfurter Makkabäer beschlossen, die selbstgewählte Abgeschiedenheit im jüdischen Ghetto zu verlassen und den Verein für alle Sportinteressierten zu öffnen.

          „Wir stehen seither für ein offenes Deutschland, in dem alle Religionen sich entfalten können“, sagt Meyer. Das neue Konzept sei aufgegangen, zumindest zu einem guten Teil. Gewiss, Makkabi hat immer wieder mit antisemitischen Attacken zu kämpfen. „Scheißjuden“, bekommen Makkabäer vor allem in den unteren Ligen des Fußballs oder des Basketballs zu hören. Doch Makkabi nimmt das nicht einfach hin, sondern geht immer wieder schon im Vorfeld auf problematische Vereine zu und knüpft freundschaftliche Kontakte. Das Konzept greife, berichtet Meyer. Vor Jahren habe es noch zehn Vorfälle im Monat gegeben, jetzt registriere der Verein nur noch zwei oder drei. „Über den Sport kann man die jungen Leute erreichen und gegen Antisemitismus immunisieren“, sagt der Makkabi-Präsident.

          Auch Christen sind gegen Intoleranz nicht immun

          Er hoffe darauf, dass die früheren Makkabi-Sportler als Botschafter für Toleranz aufträten und im Alltag Judenfeinde zur Rede stellten. Freilich bedeutet eine Mitgliedschaft bei Makkabi keine Garantie gegen Extremismus. Ein früherer Frankfurter Makkabäer albanischer Herkunft namens Berisha Krehnik wandte sich nach seinem Ausscheiden aus dem Verein dem IS zu, kämpfte in Syrien und wurde in Frankfurt zu knapp vier Jahren Haft verurteilt. „Verrückte gibt es überall“, stellt Meyer fest und zeigt sich entschlossen, den Kurs der Offenheit bei Makkabi fortzusetzen. Offen für andere Kulturen und Religionen ist auch der jüdische Musiker Daniel Kempin. Er ist Kantor der liberalen Synagogengemeinschaft „Egalitärer Minjan“ und leitet zusammen mit der evangelischen Kirchenmusikerin Bettina Strüpel den 2013 gegründeten Interreligiösen Chor, der sich vor allem auf Psalmen spezialisiert hat.

          Als der Chor jüngst auf dem Evangelischen Kirchentag in Berlin auftrat, verließen einige Zuhörer aus Protest den Raum, weil in dem Chor auch Muslime singen. Auch Christen, das zeigt dieser Fall, sind gegen religiöse Intoleranz nicht immun. Selbst innerhalb des Judentums sind sich verschiedene religiöse Richtungen mancherorts spinnefeind. Vor allem die Ultraorthodoxen und die Liberalen mögen sich nicht besonders. In Frankfurt sind allerdings Orthodoxe, Traditionalisten und Liberale in der Westend-Synagoge unter einem Dach versammelt. Das ist einzigartig in Deutschland.

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