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Bildungsstätte Anne Frank : Kampagne gegen Judenhass auf TikTok

Judenhass im Netz: Die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank macht darauf im sozialen Netzwerk TikTok aufmerksam. Bild: Picture Alliance

Mit einer Kampagne macht die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank auf Antisemitismus in dem sozialen Netzwerk aufmerksam. Sie will junge Leute ermutigen, Stellung zu beziehen.

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          Das Video, das auf der Plattform TikTok hochgeladen wurde, bedient antisemitische Klischees. Ein junger Mann bewegt seine Lippen zu dem Lied „If I were a rich man“, das der Milchmann Tewje in dem Musical „Anatewka“ singt. Für das Video nutzt er einen Filter, der sein Gesicht zu einer grotesken Fratze verzerrt. So lebt die historische Karikatur des Juden heutzutage in TikTok wieder auf.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Antisemitische Äußerungen wie diese sind in dem sozialen Netzwerk kein Einzelfall: Nutzer schmücken ihre Profile mit zwei Blitzen, die an das SS-Zeichen erinnern. Sie nehmen als Profilbild eine Katze, die mit ihrer Fellfärbung wie ein tierischer Wiedergänger von Adolf Hitler wirkt. Und in den Kommentarspalten geht es richtig übel zu: „Sowas hätte es 45 nicht gegeben“, postet ein Nutzer. „Riecht gasig hier“, schreibt ein anderer, der sich Marco Schmidt nennt.

          Beleidigungen und Bedrohungen

          Vor einer Woche hat die Bildungsstätte Anne Frank einige Videos auf TikTok veröffentlicht, mit denen sie auf antisemitische Äußerungen aufmerksam macht und Nutzer ermutigt, dagegen Stellung zu beziehen. Am Wochenende mussten die Mitarbeiter schon Überstunden schieben, um die vielen Kommentare unter den Videos zu verwalten und die Beleidigungen und Bedrohungen zu löschen beziehungsweise zu melden. „Es kommt der Tag da werdet ihr nicht mehr so laut reden“, notiert ein Nutzer unter einem Video der Bildungsstätte. „Juden sind böse“, schreibt ein anderer, ein Dritter merkt an: „Balt wieder 1945“.

          Solche Kommentare kennt man auch von anderen sozialen Plattformen im Internet. Aber auf TikTok hätten Beleidigungen und Hasskommentare eine besondere Qualität, meint Danielle Jerry, die das Projekt der Bildungsstätte leitet: „So massiv erleben wir das auf anderen Plattformen nicht.“ Das habe auch damit zu tun, dass TikTok besonders schnell und kurzlebig sei. Die Beiträge aktualisieren sich in Sekundenschnelle. TikTok sei eigentlich eine schöne Plattform, findet Jerry. „Aber es gibt so viel Hass dort, dass es zu einem unschönen Ort wird.“

          Deborah Schnabel, die die Bildungsstätte Anne Frank leitet, meint, dass sich Antisemitismus strukturell durch die Gesellschaft ziehe. TikTok sei wie jeder soziale Ort ein Schauplatz von Antisemitismus. Dass die Plattform unter Jugendlichen das Leitmedium schlechthin ist, haben auch Parteien wie die AfD entdeckt, die auf TikTok besonders präsent sind. Die Bildungsstätte will ihnen nicht das Feld überlassen und die Nutzer mit einer eigenen Kampagne erreichen: „Es geht nicht um die Verteufelung von TikTok. Wir wollen die Nutzer sensibilisieren, antisemitische Inhalte zu erkennen“, sagt Schnabel. Sie will die jungen Leute auch darin bestärken, mutig Position zu beziehen: „Wir machen Jugendliche auf die Bedeutung von aktiver Gegenrede aufmerksam.“

          Videos gegen den Judenhass

          Um möglichst viele Menschen zu erreichen, hat die Bildungsstätte prominente TikTok-Nutzer, die eine besonders hohe Reichweite haben, für die Kampagne gewonnen. Sie veröffentlichen Videos gegen den Judenhass. Rafid ist einer von ihnen. Er meint, dass die Hassbotschaften auf Twitter eher explizit seien. „Auf TikTok verstecken sie sich hinter Filtern, Bildern, Zitaten und Witzen.“

          Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft fördert das Projekt mit 300.000 Euro. Es soll auch Eltern und vor allem Lehrer erreichen, denn die wüssten über TikTok zu wenig Bescheid. „Auch die Politik sollte das nicht nur als Jugendspielplatz und reines Unterhaltungsmedium betrachten“, meint Schnabel. Antisemitische Narrative und versteckte Codes seien in diesem Netzwerk nämlich besonders erfolgreich – von Verschwörungserzählungen bis zur Shoa-Leugnung. Opfer von Hassbotschaften berichteten zudem, dass ihre Adresse veröffentlicht worden sei.

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