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Antisemitismus in Deutschland : Und wieder die Juden

Die Synagoge in Halle am Tag nach dem Angriff. Bild: dpa

Der Holocaust liegt achtzig Jahre zurück – doch der Antisemitismus ist scheinbar unausrottbar. Sicherheitsmaßnahmen rund um jüdische Einrichtungen sind immer noch dringend nötig.

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          Noch sind die Hintergründe der Todesschüsse in Halle nicht genau bekannt. Doch offensichtlich war die Synagoge ein Angriffsziel von Rechtsterroristen. Ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr habe versucht, die Tür des Tempels aufzuschießen, berichtete der dortige Gemeindevorsitzende. Es ist deprimierend. Acht Jahrzehnte nach dem Holocaust werden in Deutschland wieder Juden offen von Mördern angegriffen. Das ist kein Problem nur von Halle oder den neuen Ländern. Man muss leider davon ausgehen, dass eine solche Attacke auch in Frankfurt, Wiesbaden, Gießen, überhaupt in jeder Stadt mit einer Synagoge und einer jüdischen Gemeinde geschehen kann.

          Der Antisemitismus ist scheinbar unausrottbar. Die Front der Judenhasser reicht von den rechten alten Kameraden und den jungen Neonazis über die Antizionisten und Israelboykotteure auf der Linken bis zu Einwanderern aus muslimischen Ländern, denen schon in der Schule die Judenfeindschaft eingetrichtert wurden. Selbst bürgerliche Zeitgenossen aus der Mitte der Gesellschaft sind zuweilen vom Virus des Antisemitismus infiziert.

          Die Gefahr ist real

          Wie Vorurteile und feindliche Einstellungen zur bösen Tat führen können, zeigt sich jetzt offenbar in Halle. Der Fall beweist auch, wie richtig die Schutzmaßnahmen sind, die die Polizei schon vor vielen Jahren im Einvernehmen mit den Jüdischen Gemeinden ergriffen hat. So werden etwa in Frankfurt die Westend-Synagoge und das Gemeindezentrum rund um die Uhr von Beamten bewacht. Und jedes Mal, wenn irgendwo ein Anschlag geschieht oder die Lage im Nahen Osten sich zuspitzt, erhöht die Polizei ihre Wachsamkeit vor jüdischen Einrichtungen.

          Manch einer hat das für übertrieben gehalten. Doch jetzt sieht man, dass die Gefahr real ist. Das zeigt Halle, das zeigt der Messer-Angriff auf eine Berliner Synagoge vor wenigen Tagen, wobei der Täter unverständlicherweise sofort wieder frei gelassen wurde. Und das belegt nicht zuletzt die Attacke mit einer Stichwaffe auf einen Rabbiner vor zwölf Jahren in der Frankfurter Innenstadt. Trotzdem sollten sich die hiesigen Juden nicht einbunkern.

          In Frankfurt hat sich die Jüdische Gemeinde nach langen Jahren der Selbstisolation geöffnet, hat sich ins öffentliche Leben eingemischt und eine aktive Rolle im Leben der Stadt eingenommen. Das hat beiden Seiten gut getan: der jüdischen Gemeinschaft und der Stadtgesellschaft insgesamt. Die gerade einmal 7000 Juden in Frankfurt sind herzlich eingeladen, weiter am Gedeihen der Stadt mitzuwirken. Gerade jetzt.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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