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„Querdenker" an Hochschulen : Anti-Impf-Graffiti und Judenstern-Vergleich

Ärgert Corona-Leugner: Zugangsbändchen Bild: Frankfurt University

An den Unis gibt es nur wenige Coronaleugner und Impfgegner. Einige von ihnen werden allerdings gerade auffällig. Die TU Darmstadt hat Strafantrag wegen Impfgegner-Parolen gestellt.

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          Meron Mendel will den Vorfall nicht dramatisieren, aber bestürzt hat ihn der Vergleich schon, den einer seiner Studenten kürzlich glaubte anstellen zu müssen. Der junge Mann – nach eigenen Worten geimpft – habe behauptet, mit einem Zugangsbändchen für Immunisierte würden Ungeimpfte diskriminiert wie Juden im Zweiten Weltkrieg. „Er zog auch Parallelen zum Judenstern und zur Pogromnacht 1938.“

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht etwa in Sachsen habe er dieses Erlebnis gehabt, sondern an einer Frankfurter Hochschule, twitterte Mendel mit traurigem Sarkasmus. Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank ist auch Professor für Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences. Um die 3-G-Kontrollen zu vereinfachen, hatte die Hochschule jene Zutrittsbändchen ausgegeben, die manche Menschen offensichtlich zu abstrusen Gedankenverbindungen anregen.

          Dass an den Hochschulen nur eine kleine Minderheit für „Querdenker“-Argumente empfänglich ist, darf auch ohne repräsentative Umfrage vorausgesetzt werden. Immer wieder rühmen sich die Unis der überdurchschnittlich hohen Impfquoten von 80 bis mehr als 90 Prozent unter ihren Studenten und Mitarbeitern, und auch wenn die Zahlen hierzu auf Schätzungen oder informellen Befragungen beruhen, dürften sie der Wahrheit recht nahekommen. Praktizierte Wissenschaftsfeindlichkeit verträgt sich in der Regel auch schlecht mit dem Selbstbild eines angehenden Akademikers. Überdies dürfte sich eine große Zahl der Studenten und Dozenten politisch eher links verorten, und die demokratische Linke hat den Kampf gegen das Virus bisher stets unterstützt – teils sogar verbunden mit dem Ruf nach noch schärferen Eingriffen.

          Von obskuren Corona-Thesen distanzieren sich die Hochschulen meist schnell und energisch. So legt die Uni Mainz großen Wert auf die Feststellung, dass der mit höchst fragwürdigen Einlassungen zur Pandemie aufgefallene Mikrobiologe Sucharit Bhakdi kein Emeritus, sondern Professor im Ruhestand sei und daher nicht mehr die Rechte eines Fakultätsmitglieds genieße.

          Anhänger inszenieren sich auch in der realen Welt als Widerstandskämpfer

          So beruhigend die augenscheinlich vorhandene Grundimmunität der Unis gegen Impfangst und Verschwörungsgeschwurbel auch ist – in jüngster Zeit wird sie verschärft auf die Probe gestellt. Nicht nur durch abseitige Äußerungen Einzelner, wie Mendel sie in seinem Seminar erleben musste. Auf der Internetplattform Instagram und dem Messengerdienst Telegram agitiert eine Gruppe namens „Studenten stehen auf“ gegen die Corona-Regeln und eine mögliche Impfpflicht. Unter dem Logo eines roten Vogels, der entfernt an das „Mockingjay“-Emblem aus den „Tributen von Panem“ erinnert, inszenieren sich deren Anhänger auch in der realen Welt als Widerstandskämpfer. Auf der Instagram-Seite der Gruppierung sind Bilder von Aktionen unter anderem an der Uni Frankfurt zu sehen: ein Transparent mit der Aufschrift „Uni für alle“, das vom Dach des Hörsaalzentrums auf dem Westend-Campus hängt, und posierende Aktivisten vor dem Eingang des IG-Farben-Hauses.

          Großes Aufsehen haben diese Auftritte nicht erregt. Die Goethe-Universität bestätigt aber auf Nachfrage, dass es sie gegeben habe. „Da diese Aktionen jedoch jeweils nur sehr kurze Zeit andauerten, haben unsere alarmierten Objektbetreuer nach ihrem Eintreffen vor Ort dort weder die dafür verantwortlichen Personen antreffen können noch die auf den Fotos gezeigten Banner“, teilt der Uni-Sprecher mit. Man habe daher in der Sache auch nichts weiter unternehmen können.

          Hochschule Darmstadt verurteilt die Aktion

          Strafantrag hat dagegen die TU Darmstadt gestellt: Auf die Hochschulstraße am Innenstadtcampus hatten Unbekannte Parolen wie „Impfen nervt“ gemalt. Ähnliche Graffiti fanden sich auf einem Weg am Hochhaus der Hochschule Darmstadt; auf dem Campus wurden laut einem Sprecher zudem Aufkleber der Gruppe „Studenten stehen auf“ angebracht. Auch hier wurde Anzeige erstattet. Goethe-Uni, TU und Hochschule Darmstadt verurteilten die Aktionen und beteuerten, allen erkennbaren „Querdenker“-Aktivitäten sofort entgegenzutreten.

          Meron Mendel nimmt solche Vorfälle und sein eigenes Erlebnis als Beleg dafür, dass auch an Hochschulen Wachsamkeit geboten sei. Der Student, der ihn mit dem Juden-Vergleich erschreckte, war nach Ansicht des Professors kein „Querdenker“, „aber er hat unreflektiert argumentiert“. Mendel entschied sich dafür, auf die kruden Behauptungen einzugehen: „In einer solchen Situation bringt Empörung nichts. Wichtig ist das Gespräch.“

          Er fragte den Studenten, worin er die Ähnlichkeiten zwischen dem Zugangsbändchen und dem Judenstern sehe. „Bei der Antwort verwickelte er sich in Widersprüche. Es zeigte sich auch, dass sein Wissen über die NS-Zeit lückenhaft war.“ Mendel stellte daraufhin den Tagesplan für sein Seminar „komplett auf den Kopf“, wie er sagt. Er sprach mit den Studenten über Thomas Hobbbes, die Funktion des Staats und die Grenzen der Freiheit. „Es war sozusagen klassischer Powi-Unterricht“ – der anscheinend Wirkung gezeigt habe: „Am Ende sagte der Student, er sehe ein, dass der Vergleich falsch sei, und er nehme ihn zurück.“

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