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Nach Angriff auf Zeil : Innenstädte können für queere Menschen gefährlich sein

Gewalt auf der Zeil: Nur einer der Umstehenden habe die Polizei gerufen. Bild: Lucas Bäuml

Können sich Menschen, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen, in Innenstädten sicher fühlen? Nach einem Vorfall auf der Frankfurter Zeil mehren sich Zweifel.

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          Als „unerträglich“ bezeichnet Dimitrios Bakakis das, was sich vor einer Woche auf der Zeil ereignet hat. Weltweit würden Menschen Gewalt erfahren, weil ihre geschlechtliche Identität nicht mit dem Geschlecht übereinstimme, das ihnen bei der Geburt zugewiesen worden sei, sagt der queerpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Römer. Besonders erschütternd sei es aber, dass ein queer- oder transfeindlicher Übergriff auch in Frankfurt mitten auf der Zeil geschehe könne und die Umstehenden tatenlos dabeiständen und zuschauten. „Hier wäre Zivilcourage gefragt gewesen.“

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Samstag vor einer Woche war eine 20 Jahre alte Person, die lange Locken trägt, sich stark schminkt und in den sozialen Netzwerken als „Kween Drama“ auftritt, aus einer Gruppe von Dutzenden Personen heraus erst beleidigt, dann getreten und geschlagen worden. Der Angriff, der gefilmt und im Internet verbreitet wurde, ereignete sich etwa um 20.15 Uhr, als noch viele Passanten auf der Einkaufsstraße unterwegs waren. Bei den Angreifern soll es sich vor allem um junge Männer gehandelt haben; zur Herkunft macht die Polizei keine Angaben. Zehn Tatverdächtige wurden noch am Tatort festgenommen. Mehrere von ihnen waren der Polizei schon zuvor wegen Gewalt- und Eigentumsdelikten bekannt.

          In der queeren Community und bei deren Verbänden und Interessenvertretern hat die Tat einen Schock ausgelöst und zu heftigen Debatten geführt. „Wir sind entsetzt von der unterlassenen Hilfeleistung der umstehenden Personen, von denen nur eine Person zum Telefon griff und die Polizei alarmierte“, teilt das „Bündnis Akzeptanz und Vielfalt Frankfurt“ mit. Das Bündnis kritisiert es auch als symptomatisch, dass im ersten offiziellen Polizeibericht zu der Tat das Motiv des Angriffs – mutmaßlich der Hass auf Homosexuelle und Personen, die äußerlich nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind – ungenannt blieb.

          Fälle gesondert in die Statistik aufnehmen

          Aktuell würden queerfeindliche Angriffe nach der Richtlinie für den Kriminalpolizeilichen Meldedienst als Fälle politisch motivierter Kriminalität erfasst, sagt Sue Ehmisch vom Bündnis Akzeptanz und Vielfalt. „Für mich ist jeder Angriff auf eine queere Person, dazu gehört auch jede Form von Diskriminierung, eine Straftat, und diese sollte daher nicht nur gesetzlich verfolgt und bestraft werden, sondern auch in einer Statistik getrennt nach Straftaten wie zum Beispiel Straftat gegen Homosexuelle, Lesben, Transsexuelle und so weiter erfasst werden.“

          In der polizeilichen Statistik würden Straftaten nicht nach der sexuellen und geschlechtlichen Identität der Opfer aufgeschlüsselt. Als Grund hierfür gebe die Polizei an, dass eine statistische Erhebung der Personalien auch zum Nachteil der Opfer sein könne. Das Bündnis hingegen ist der Ansicht, dass eine Differenzierung zu einer statistischen Sichtbarkeit von transfeindlichen Übergriffen und damit zu einer Sensibilisierung in Polizei und Gesellschaft führen würde.

          Queer- und Transfeindlichkeit nimmt zu

          Nach Einschätzung von Petra Weitzel, der Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, hat die Queer- und Transfeindlichkeit zugenommen. Schuld daran seien auch Politiker wie Erdogan, Trump und Putin, die mit ihren Aussagen und durch Mittelsleute in sozialen Netzwerken eine aggressive Stimmung schürten. Vor einigen Wochen, als es an der Hauptwache eine Kundgebung gegen „LGBT-ideologiefreie Zonen“ in Polen gab, habe sie das selbst erfahren, sagt Weitzel. Junge Männer seien mit E-Scootern und in offenbar provokativer Absicht zwischen den Kundgebungsteilnehmern durchgefahren. An Orten wie der Zeil fühlten sich viele Menschen, die nicht den gängigen Geschlechterstereotypen entsprächen, unsicher. Die Polizei müsse mehr Präsenz zeigen und nötigenfalls eingreifen, auch in den Abendstunden.

          Nach dem Übergriff vor einer Woche hatte die Polizei der Ansicht widersprochen, die Zeil sei für manche Bürger eine „No-go-Area“. Nach Meinung des Grünen-Politikers Bakakis könne darüber aber nicht die Polizei urteilen. Entscheidend seien diejenigen, die bestimmte Orte in der Innenstadt mieden. Aus der queeren Community sei zu höre, dass dies längst der Fall sei.

          Zum Gedenken an die Opfer von transfeindlicher Gewalt ist für Freitag, 16 Uhr, eine Kundgebung an der Frankfurter Hauptwache geplant.

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