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Scheidende Uni-Präsidentin : Was Birgitta Wolff mit Angela Merkel verbindet

Sachlich und konsensorientiert: Birgitta Wolff hat die Goethe-Universität sechs Jahre lang geleitet. Bild: dpa

An diesem Donnerstag wird Birgitta Wolff als Präsidentin der Uni Frankfurt verabschiedet. Ihr Führungsstil erntet Lob, ihre Bilanz ist durchwachsen.

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          Mit Angela Merkel hat Birgitta Wolff nicht nur das Parteibuch gemeinsam. Auch der Führungsstil der Frankfurter Uni-Präsidentin erinnert an den der Kanzlerin: Statt strikt einer Agenda zu folgen, handelt Wolff situativ – sie trumpft selten mit spektakulären Initiativen auf, reagiert eher auf Entwicklungen, als dass sie diese vorantreibt, lotet aus, was möglich ist und schließt Kompromisse. Dabei hat sich die Wirtschaftsprofessorin und frühere sachsen-anhaltinische Wissenschaftsministerin stets unter Kontrolle, in Streitfällen bleibt sie sachlich, lässt den Gesprächsfaden nicht abreißen.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit einer Amtszeit von Merkelscher Länge – die manchem Hochschulleiter durchaus vergönnt ist – hat die Goethe-Universität Wolffs konsensuales Agieren allerdings nicht belohnt. Schon nach einer sechsjährigen Wahlperiode muss sie zum 31. Dezember ihr Büro räumen; an diesem Donnerstag übergibt sie – coronabedingt in kleinstem Rahmen – die Geschäfte formal an ihren Nachfolger, den Biologen Enrico Schleiff.

          Der Asta lobt ihre Dialogbereitschaft

          Aus der Wahlniederlage zu schließen, dass Wolff auf ganzer Linie gescheitert sei, wäre verfehlt. Für ihre Dialogbereitschaft und das unaufgeregte Auftreten bekommt die Fünfundfünfzigjährige Lob über die Statusgruppen hinweg. Selbst die Asta-Vorsitzende findet bei allen politischen Differenzen freundliche Worte für die scheidende Präsidentin: Sie spreche mit den Studenten „auf Augenhöhe“, habe gegen Sexismus auf dem Campus klar Stellung bezogen und die Corona-Krise bisher ziemlich gut gemeistert.

          Es gibt freilich auch kein großes Unternehmen mit Außenwirkung, das sich mit Wolffs Namen verbinden ließe – wie etwa die Entscheidung zum Umzug der Uni ins Frankfurter Westend und ihre Umwandlung in eine Stiftungshochschule, für die ihre Amtsvorgänger Werner Meißner und Rudolf Steinberg stehen. In schlechter Erinnerung geblieben ist dagegen das schwache Abschneiden in der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern 2017. Auch wenn nicht Wolff die von der Jury abgelehnten Forschungsvorhaben ausgearbeitet hat: Projektskizzen, die in einem solchen Wettbewerb eingereicht werden, sind am Ende immer „Anträge einer Universität“, wie ein Professor aus dem Uni-Senat es ausdrückt.

          Aus dem Exzellenz-Schock von 2017 gelernt?

          Selten hat Wolff denn auch so emotional reagiert wie nach dieser Niederlage. Noch heute spricht sie von einem „Schock“ und einer großen Enttäuschung. „Aber dieser Schock hatte auch etwas sehr Konstruktives.“ Forschungsprozesse würden von der Universität nun anders vorbereitet und begleitet. Dem hauseigenen Forschungsrat gehörten jetzt mehr junge Wissenschaftler an, externe Gutachter würden viel stärker einbezogen, und das Präsidium setze mit Blick auf künftige Wettbewerbe „deutliche Leitplanken“: Es entscheide, zum Teil mit Auflagen, welche Anträge aus der Uni eine Anschubförderung bekämen und welche nicht. Das Ergebnis: „Wir wissen schon jetzt, mit welchen Clusterkandidaten wir in die nächste Runde gehen können. Vielleicht kommen auch noch weitere hinzu.“

          Dass sie aus der Blamage von 2017 gelernt habe, hält sich Wolff rückblickend ebenso zugute wie ihre Anstrengungen, die Universität besser mit anderen Frankfurter Forschungsstätten und Institutionen zu vernetzen. Dabei seien viele Erfolge zu verzeichnen: Engere Bande gebe es nun etwa zum Institut für Sozialforschung, dem Sigmund-Freud-Institut und der Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Seit 2015 arbeite die Allianz der drei Rhein-Main-Universitäten erfolgreich, und innerhalb Frankfurts hätten die Hochschulen entlang der „Campusmeile“ am Alleenring zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit gefunden.

          Spendensammeln ist schwieriger geworden

          Einer noch engeren Verbindung mit der Stadt und ihren (vermögenden) Bürgern unter Wolffs Ägide wirkte entgegen, dass Oberbürgermeister Peter Feldmann von der SPD nicht das gleiche Interesse für Forschung und Hochschulen aufbringt wie seine Vorgängerin Petra Roth – und dass Wolff beim Umwerben zahlungskräftiger Mäzene nicht so erfolgreich war wie ihr Vor-Vorgänger Steinberg. Wobei, was letzteres angeht, die Umstände für Wolff auch schwieriger waren: Das spendenträchtige 100-Jahre-Jubiläum der Uni liegt schon eine Weile zurück, die Stiftungs-Idee hat an Strahlkraft verloren, die Wirtschaft geht durch ein tiefes Tal.

          Auch mit Blick auf die Corona-Lage dürfte Wolff eine gewisse Erleichterung verspüren, dass sie der präsidialen Aufgaben nun bald ledig ist. Zumal sie am 1. Januar nicht arbeitslos wird: Sie hat an der Goethe-Uni eine Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, die keinem Fachbereich zugeordnet ist. In den nächsten beiden Semestern will sie sich der Forschung widmen: „Ich plane Projekte zu den Themen Digitalisierung, neue Organisationsformate und New Work.“ Zudem will sie mehr Zeit für ihre Mandate in Aufsichts- und Verwaltungsräten aufwenden. „Ich habe viele Pläne und Ideen – langweilen werde ich mich nicht.“

          Halbwegs gelassen schaut Wolff nun zurück auf ihre Abwahl und deren unerfreuliches Vorspiel, den Streit zwischen Senat und Hochschulrat über die Kandidatenliste. Mit mehr als der Feststellung, dass sie die Situation am Wahltag „ziemlich angespannt“ fand, will sie zu diesem Thema nicht zitiert werden. Nur soviel noch: „Mein Herz klebt an keinem Amt.“ Ein Satz, der auch von der Kanzlerin stammen könnte, stilistisch wie inhaltlich.

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