https://www.faz.net/-gzg-a1glb

Amtsgericht Frankfurt : Neubeginn zwischen abgestützten Mauern

Zurück zur Menschlichkeit: Im Gebäude des Amtsgerichts wurde von Juli 1945 an wieder nach demokratischen Grundsätzen Recht gesprochen. Bild: dpa

Vor 75 Jahren ließ die amerikanische Militärregierung in Frankfurt das Amtsgericht wieder die Arbeit aufnehmen. Mit einem Humanisten an der Spitze.

          3 Min.

          Der Weg der Frankfurter Justiz zurück in die Demokratie ist eng verbunden mit der Lebensgeschichte von Leo Graf Lanckoroński. Acht Jahre nachdem das nationalsozialistische Regime den Amtsgerichtsrat zwangsweise in den Ruhestand versetzt hatte, weil er mit einer Frau aus einer jüdischen Familie verheiratet war, berief die amerikanische Militärverwaltung den inzwischen Einundsechzigjährigen zurück – diesmal an die Spitze des Gerichts.

          Helmut Schwan
          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Der promovierte Jurist Lanckoroński, der aus einer adeligen schlesischen Magnatenfamilie stammte, war vielseitig gebildet, wegen seiner Publikationen hochgeachtet und unbelastet von der NS-Diktatur. Schon als junger Richter hatte er ein Buch über „Schönes Geld der Alten Welt“ geschrieben und damit „Neuland in dem Grenzgebiet von Numismatik und Kunstgeschichte betreten“, wie es 1963 in der Rubrik „Frankfurter Gesichter“ dieser Zeitung hieß.

          Die Zwangspause als Jurist nutzte er, sich weiteren Interessengebieten zu widmen. Es folgten Arbeiten über den „Mythos der Hellenen“ und eine Monographie über das „Römische Bildnis“. Seine Übertragungen italienischer Sonette aus der Renaissance hätten weltweit Bedeutung erlangt, heißt es weiter in dem Porträt.

          Dieser gebildete, humanistisch orientierte Mann war der ideale Kandidat für einen Neubeginn nach der Schreckensherrschaft, an der weite Teile der Justiz mitgewirkt hatten. Nach der Befreiung der Stadt Ende März 1945 hatte General Eisenhower in der „Proklamation Nr. 1“ verfügt, alle Gerichte zu schließen, sämtliche Richter wurden ihrer Aufgabe entbunden. Um sicherzustellen, dass künftig nach den Grundsätzen von Freiheit und Menschenwürde Recht gesprochen werde, bildete die amerikanische Militärregierung einen Ausschuss aus nicht mit dem Nazitum verstrickten Richtern und Anwälten. Ihnen oblag es, Kollegen, die weiter im Justizdienst tätig sein wollten, zu überprüfen. Den Vorsitz des Komitees führte der spätere Landgerichtspräsident Johannes Becker.

          Schöngeist: Leo Graf Lanckoronski, gemalt von Klaus Meyer-Gasters
          Schöngeist: Leo Graf Lanckoronski, gemalt von Klaus Meyer-Gasters : Bild: Amtsgericht Frankfurt

          Vier Monate später waren die Untersuchungen abgeschlossen. Der Stadtkommandant der amerikanischen Armee, Oberstleutnant Robert K. Phelps, sagte während der Feier zur Wiedereröffnung des Amtsgerichts, die Stärke einer Rechtspflege spiegele sich in dem Vertrauen wider, das ihr die menschliche Gesellschaft entgegenbringe. Er hielt seine Rede, wie es in den Annalen des Gerichts festgehalten ist, vor großem Publikum. Darunter acht Richter, drei Staatsanwälte und 156 Bedienstete, die damals die Frankfurter Justiz bildeten.

          Bedingungen in der Anfangszeit waren äußerst schwierig

          Es sei auch den Anstrengungen dieser Anfangszeit zu verdanken, dass sich das Amtsgericht Frankfurt mit heute rund 1000 Bediensteten (davon etwa 140 Richtern) zur mit Abstand größten Justizbehörde in Hessen und zum drittgrößten Amtsgericht Deutschlands habe entwickeln können, schreibt der derzeitige Präsident Erich Fischer aus Anlass des Neubeginns vor 75 Jahren. Dabei waren die Bedingungen in der Anfangszeit äußerst schwierig. Es galt zum einen, die politischen Altlasten des Unrechtsstaates aufzuarbeiten. Wichtige Akten waren in den Kriegswirren verlorengegangen, von Plünderungen war die Rede. Zudem gab es Gerüchte, Richter oder Staatsanwälte hätten aus den zum Teil zerstörten Gebäuden Unterlagen mitgenommen, die sie belasteten.

          Der Frankfurter Gerichtskomplex war in den Jahren 1943 und 1944 bei drei Luftangriffen der Alliierten von Bomben getroffen worden. Teile des Amtsgerichtsgebäudes waren danach einsturzgefährdet, die Zentralheizung fiel im letzten Kriegswinter aus. Viele Richter und Angestellte waren an der Front. Dennoch sollte, wie Reichsjustizminister Thierack noch im Februar 1945 verfügte, „auch bei Feindannäherung“ „in voller Ruhe“ weitergearbeitet werden. Nur „nicht kriegsdringliche“ Rechtsstreitigkeiten durften zurückgestellt werden.

          Verhandlungen noch in den letzten Tagen vor der Besetzung

          Sogar in den letzten Tagen, ehe die Stadt von den Amerikanern eingenommen wurde, fanden daher am Frankfurter Amtsgericht noch Verhandlungen statt – mitunter in Gerichtssälen, in denen die Außenmauern eingestürzt waren. Nur ein Seil habe die Prozessbeteiligten vor dem Sturz in die Tiefe geschützt, heißt es in einer Rückschau des Gerichts.

          Erst 1953 waren die Instandsetzungsarbeiten an den heutigen Gebäuden A und B abgeschlossen. Bis dahin arbeitete das Frankfurter Amtsgericht zwischen teilweise nur provisorisch abgestützten Mauern. Jedoch lief der Justizbetrieb erstaunlich schnell wieder an. In einer Woche im August 1945 zum Beispiel wurden 57 Strafsachen und 81 Zivilrechtsstreite verhandelt und 275 sonstige Angelegenheiten wie Vormundschafts- und Nachlasssachen erledigt.

          Die amerikanische Militärverwaltung sah sich darin bestätigt, eine wichtige Säule für den Aufbau einer Demokratie geschaffen zu haben. Sie bescheinigte der Frankfurter Justiz schon bald eine große Befähigung und „beeindruckende Ernsthaftigkeit“.

          Weitere Themen

          Urlaub in Sicht? Video-Seite öffnen

          Steigende Buchungszahlen : Urlaub in Sicht?

          Mit sinkenden Infektionszahlen rücken Urlaubsreisen wieder in Reichweite. Und so hat nach mehr als einem Jahr Corona-Pause das Terminal 2 des Frankfurter Flughafens wieder geöffnet.

          Topmeldungen

          Das Spitzenduo der Grünen: Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und Robert Habeck.

          Parteitag der Grünen : Nur ein bisschen links

          48 Prozent Spitzensteuersatz und 12 Euro Mindestlohn: In der Welt der Grünen sind das schon gemäßigte Forderungen. Auf dem Parteitag setzten sich diese durch. Die Unterstützung zumindest eines Spitzenmanagers hat die Partei.
          Der Sitz der amerikanischen Zentralbank in Washington

          Hohe Teuerungsraten : Die Rückkehr der Inflation

          In Amerika sind die Preise um 5 Prozent gestiegen. In Deutschland dürfte die Inflationsrate bald 4 Prozent erreichen. Was sagt die Wirtschaftstheorie dazu?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.