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Altenzentrum in Frankfurt : Zwei Religionen unter einem Dach

Schule des Lebens: Thorsten Krick, Geschäftsführer der Senioren-Wohnanlage, lernt täglich viel von den Bewohnern des Hauses. Bild: Frank Röth

Im Altenpflegezentrum der Budge-Stiftung in Frankfurt treffen jüdische und nichtjüdische Menschen aufeinander. Und mancher besucht sowohl Kapelle als auch Synagoge.

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          Was wichtig ist, hat man oft zweimal: Ohren, Augen, und Hände, zum Beispiel. Im Altenpflegezentrum der Henry und Emma Budge-Stiftung gibt es auch manches doppelt: etwa einen Gebetsraum für Juden, einen für Christen. „Auf den Quadratzentimeter gleich groß“, versichert Thorsten Krick. Er leitet die Einrichtung und ist Geschäftsführer der Stiftung, die in diesem November ihr Bestehen seit 100 Jahren feiert. Einiges gibt es in seinem Haus sogar dreimal – etwa die Hauptküche, die milchig-koschere und die fleischig-koschere Küche.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In dem hellen Bau am Lohrberg in Seckbach leben ältere Menschen jüdischen Glaubens gemeinsam mit Bewohnern, die einer anderen Konfession angehören. Als Stiftungszweck wurde 1920 die paritätische Gemeinschaft von älteren Juden und Christen festgesetzt. Um ihren Austausch und ihre Freundschaft zu fördern, wurde ein Altenheim am Edingerweg im Dornbusch erbaut. Das „Henry und Emma Budge-Heim für alleinstehende alte Menschen“ war ein zweigeschossiges Gebäude für 106 Bewohner. Im Mai 1930 zogen dort die ersten Menschen ein. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten „ging die Stiftung unter“, wie Krick es formuliert. Das Heim wurde umbenannt. Es ist juristisch nicht ganz klar zu rekonstruieren, was geschah. Fakt ist: Die jüdischen Bewohner wurden abgeholt und ermordet. Eine Gedenkstätte erinnert heute vor dem Zentrum an die Opfer.

          Nach dem Krieg wurde die Stiftung entschädigt und lebte wieder auf. Und mit ihr der Gedanke, Menschen unterschiedlicher Konfession zusammenzubringen. Seit 1968 betreibt die Budge-Stiftung wieder ein interreligiöses und interkulturelles Pflegeheim und ein Haus für Betreutes Wohnen in der Wilhelmshöher Straße.

          Manche gehen in alle drei Gottesdienste

          Mittlerweile leben aber nicht mehr nur Juden und Christen in der Einrichtung, sondern auch Angehörige anderer Konfessionen. 300 Bewohner gibt es in dem weitläufigen Gebäude, verteilt auf zwei Trakte, in denen betreute Wohnungen gemietet werden können, und ein Pflegezentrum, in dem bettlägerige und schwächere Bewohner gepflegt werden. Ganz paritätisch ist die Verteilung unter den Bewohnern nicht mehr. Zum einen, weil es in der Stadt noch das Jüdische Altenzentrum im Ostend gibt. Zum anderen, weil die Frankfurter Gemeinde zwar zu den größten in Deutschland gehört, aber durch den Krieg, die Vertreibung und die Schoa nicht mehr so viele jüdische Bürger in der Stadt alt werden wie einst.

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          Was die Stifter, das Hamburger Ehepaar Henry und Emma Budge, die vielseitig mäzenatisch tätig waren und zum Beispiel auch eine halbe Million Reichsmark zur Gründung der Frankfurter Universität vor dem Ersten Weltkrieg zur Verfügung stellten, mit ihrer Frankfurter Stiftung wollten, passiert aber noch immer: Jüdische und nichtjüdische Menschen kommen unter einem Dach zusammen. Sie tauschen sich aus, kommen in Berührung mit den Traditionen der anderen Religion und Kultur. Sie erfahren, was Rosch Haschana ist – das jüdische Neujahrsfest und Auftakt zu Umkehr und Buße. Sie reden mit der evangelischen Pfarrerin.

          Manche, so erzählt es Thorsten Krick, gehen in alle drei Gottesdienste hintereinander: in die Synagoge, zum protestantischen Abendmahl und danach in die katholische Andacht in der Kapelle. Krick leitet das Haus seit sechs Jahren, ist aber schon seit 2008 dort tätig. Er sagt: „In all den Jahren habe ich keinen Konflikt zwischen Juden und Andersgläubigen erlebt.“ Was er aber gesehen hat, sind enge Freundschaften zwischen den Bewohnern. Manchmal wurde auch mehr daraus. Seit er bei der Budge-Stiftung ist, hat er zwei Hochzeiten von Bewohnern miterlebt.

          „Hörn Se uff, wir sind doch keine annern Menschen“

          Für Krick selbst ist die Arbeit im Pflegezentrum „wie Bildungsurlaub“. Der Jurist macht keinen Hehl daraus, dass er anfangs wenig über das Judentum wusste. Doch sein neuer Arbeitsplatz führte dazu, dass auch er in Kontakt mit jüdischen Ritualen und Menschen kam. Die inzwischen verstorbene Bewohnerin Anni Bober sei zum Beispiel immer da gewesen für seine Fragen, sagt er. „Hörn Se uff, wir sind doch keine annern Menschen“, habe sie manchmal zu ihm gesagt, wenn er unsicher gewesen sei, wie er sich verhalten solle. Inzwischen ist er tief drinnen, kennt Feste und Traditionen und auch die kleine Sammlung von Judaica, jüdischen Ritualgegenständen, im Erdgeschoss.

          Vor allem die Gespräche mit Zeitzeugen, die in seinem Haus leben, haben ihn tief berührt. Dass die meisten von ihnen bald nicht mehr da sein werden, hält er für eine große Herausforderung für die ganze Gesellschaft. „Es war eines der beeindruckendsten Erlebnisse für mich, als ein Bewohner von seinem Weg durch fünf Konzentrationslager und zwei Todesmärsche gesprochen hat – und eine ganze Schulklasse verstummt ist.“ Wie soll das Wissen um die Schreckenstaten noch so direkt vermittelt werden, wenn die Zeitzeugen tot sind? Wie soll das Gedenken erhalten bleiben? Diese Fragen bewegen den Heimleiter.

          „Wir haben den NS und die Schoa erlebt“

          Und es gibt weitere Herausforderungen, mit denen Krick und sein Team sich herumschlagen müssen. Die offenkundigste ist derzeit natürlich die Corona-Pandemie. Wer das Altenzentrum betritt, sieht die Auswirkungen: Das Café im Erdgeschoss ist geschlossen, dort ist die mobile Teststation für Personal und Bewohner untergekommen. Bislang gab es keine größeren Ausbrüche, wie Krick erleichtert berichtet.

          Trotzdem läuft vieles nur auf Sparflamme: Der „Flohmarkt“, ein kleiner Laden mit allerlei Kram, ist zu. Vor den Wohnungstüren stehen Stühle – falls jemand isoliert werden muss und es einen Platz zum Abstellen des Essens braucht. Der älteren Dame, die im Rollstuhl um die Ecke kommt, hilft Krick im Vorbeigehen dabei, ihre Maske aufzusetzen. Sie ist halbseitig gelähmt, da ist es schwierig, die Gummibänder des Mundschutzes hinter die Ohren zu bekommen. Manche Bewohner sagen auch: „Wir haben den NS und die Schoa erlebt, jetzt hören Sie auf, uns hier einzukasernieren“, erzählt Krick.

          Doch als Heimleiter hat er die Verantwortung, vor dem Gesundheitsamt, aber auch vor sich. Die Menschen sind ihm persönlich wichtig. Eigentlich jeden, den er auf den Gängen des Zentrums trifft, spricht er mit Namen an und hat eine Geschichte zu ihm auf Lager.

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