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Altenzentrum in Frankfurt : Zwei Religionen unter einem Dach

Manche, so erzählt es Thorsten Krick, gehen in alle drei Gottesdienste hintereinander: in die Synagoge, zum protestantischen Abendmahl und danach in die katholische Andacht in der Kapelle. Krick leitet das Haus seit sechs Jahren, ist aber schon seit 2008 dort tätig. Er sagt: „In all den Jahren habe ich keinen Konflikt zwischen Juden und Andersgläubigen erlebt.“ Was er aber gesehen hat, sind enge Freundschaften zwischen den Bewohnern. Manchmal wurde auch mehr daraus. Seit er bei der Budge-Stiftung ist, hat er zwei Hochzeiten von Bewohnern miterlebt.

„Hörn Se uff, wir sind doch keine annern Menschen“

Für Krick selbst ist die Arbeit im Pflegezentrum „wie Bildungsurlaub“. Der Jurist macht keinen Hehl daraus, dass er anfangs wenig über das Judentum wusste. Doch sein neuer Arbeitsplatz führte dazu, dass auch er in Kontakt mit jüdischen Ritualen und Menschen kam. Die inzwischen verstorbene Bewohnerin Anni Bober sei zum Beispiel immer da gewesen für seine Fragen, sagt er. „Hörn Se uff, wir sind doch keine annern Menschen“, habe sie manchmal zu ihm gesagt, wenn er unsicher gewesen sei, wie er sich verhalten solle. Inzwischen ist er tief drinnen, kennt Feste und Traditionen und auch die kleine Sammlung von Judaica, jüdischen Ritualgegenständen, im Erdgeschoss.

Vor allem die Gespräche mit Zeitzeugen, die in seinem Haus leben, haben ihn tief berührt. Dass die meisten von ihnen bald nicht mehr da sein werden, hält er für eine große Herausforderung für die ganze Gesellschaft. „Es war eines der beeindruckendsten Erlebnisse für mich, als ein Bewohner von seinem Weg durch fünf Konzentrationslager und zwei Todesmärsche gesprochen hat – und eine ganze Schulklasse verstummt ist.“ Wie soll das Wissen um die Schreckenstaten noch so direkt vermittelt werden, wenn die Zeitzeugen tot sind? Wie soll das Gedenken erhalten bleiben? Diese Fragen bewegen den Heimleiter.

„Wir haben den NS und die Schoa erlebt“

Und es gibt weitere Herausforderungen, mit denen Krick und sein Team sich herumschlagen müssen. Die offenkundigste ist derzeit natürlich die Corona-Pandemie. Wer das Altenzentrum betritt, sieht die Auswirkungen: Das Café im Erdgeschoss ist geschlossen, dort ist die mobile Teststation für Personal und Bewohner untergekommen. Bislang gab es keine größeren Ausbrüche, wie Krick erleichtert berichtet.

Trotzdem läuft vieles nur auf Sparflamme: Der „Flohmarkt“, ein kleiner Laden mit allerlei Kram, ist zu. Vor den Wohnungstüren stehen Stühle – falls jemand isoliert werden muss und es einen Platz zum Abstellen des Essens braucht. Der älteren Dame, die im Rollstuhl um die Ecke kommt, hilft Krick im Vorbeigehen dabei, ihre Maske aufzusetzen. Sie ist halbseitig gelähmt, da ist es schwierig, die Gummibänder des Mundschutzes hinter die Ohren zu bekommen. Manche Bewohner sagen auch: „Wir haben den NS und die Schoa erlebt, jetzt hören Sie auf, uns hier einzukasernieren“, erzählt Krick.

Doch als Heimleiter hat er die Verantwortung, vor dem Gesundheitsamt, aber auch vor sich. Die Menschen sind ihm persönlich wichtig. Eigentlich jeden, den er auf den Gängen des Zentrums trifft, spricht er mit Namen an und hat eine Geschichte zu ihm auf Lager.

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