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Von Industrie zu Kultur : Saiten statt Seile

  • -Aktualisiert am

Viele Interessierte auf dem Gelände der alten Seilerei. Bild: Kolb, Marie-Luise

Die alte Seilerei zwischen den Frankfurter Stadtteilen Oberrad und Sachsenhausen soll ein Ort für Kunst und Kultur werden. Um das Gelände hatte es zuvor immer wieder Zank in der Familie der Eigentümer gegeben.

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          Seile werden hier schon seit 30 Jahren nicht mehr gedreht. Dennoch ist der Geist der Fabrik auf dem Gelände der ehemaligen Frankfurter Seilerei Reutlinger noch zu spüren in den riesigen Produktionshallen oder entlang der Schienen, auf denen früher der Wagen gefahren ist, der die Seile gespannt hat. Doch obwohl das rund 15.000 Quadratmeter große Grundstück, das zwischen Offenbacher Landstraße und Goldbergweg liegt, mit seinem Industrie-Charme teilweise wie aus der Zeit gefallen wirkt, verwandelt sich der Ort in einen Raum, der gerade für Aufbruch und Neugestaltung stehen soll.

          Die ehemaligen Produktionshalle dient nun als Veranstaltungsort und Proberaum für Chöre.
          Die ehemaligen Produktionshalle dient nun als Veranstaltungsort und Proberaum für Chöre. : Bild: Kolb, Marie-Luise

          Seit diesem Jahr nämlich stehen die historischen Gebäude der Seilerei unter Denkmalschutz, was neue Möglichkeiten für die Gestaltung des Areals bietet. „Ich möchte diesen Raum der Stadt zurückgeben“, erklärt Verena Heubner, Tochter des Firmengründers und Gründerin des Kunst- und Kulturvereins. Zu diesem Zweck soll das Grundstück in Zukunft gemeinnützig bewirtschaftet werden – ob in Form einer Stiftung oder einer Genossenschaft, ist bislang noch offen. Am Sonntag hat der Verein in die alte Seilerei eingeladen, um Gelegenheit zu geben, das Gelände kennenzulernen und erste Ideen für weitere Projekte zu sammeln.

          Zankapfel der Familie

          Auf dem Industriegelände gibt es bereits jetzt die unterschiedlichsten Räume: Werkstätten, Ateliers und Hallen, die vor allem als Proberäume und für Konzerte genutzt werden können, ein Gewächshaus, eine Zimmerei, eine Bar, ein Gemeinschaftsgarten mit Hühnern. Auch eine Zusammenarbeit mit Bildungsträgern sei denkbar, wie Heubners Sohn Cajus berichtet. Mit einer Schule und einem Kindergarten sei man bereits im Gespräch. Heubner selbst ist Zimmerer und Landwirt – und einer der kreativen Köpfe im Verein. „Es geht darum, gemeinsam etwas zu schaffen, das die Stadt, das Land, die Welt ein Stückchen besser macht“, sagt Heubner. Nachhaltiges Wirtschaften und die „Transformation in eine lebendige und lebenswerte Stadt“ gehörten zum Programm des Vereins. Einen Plan für kommende Projekte und die Organisation gibt es noch nicht. Ein Konzept zu haben widerspräche der Idee des Projekts, so Verena Heubner, die sich selbst als „Mutterschiff“ der Initiative bezeichnet. Sie hat viele Ideen, wie das Gelände künftig genutzt werden könnte: Die alte Seilerbahn, die über eine 150 Meter lange Strecke über das Gelände fuhr, könnte beispielsweise wieder reaktiviert werden, die Obstbäume wieder gepflegt werden, und in generationenübergreifenden Projekten könnte gemeinsam genäht und repariert werden. „Ein Ort des lebenslangen Lernens“ und ein „Ort der Demokratie“ soll das Areal werden, wo man sich gemeinsam ausprobieren kann und sich vor allem auch der Frage stellen soll, in welcher Stadt man leben wolle.

          Dass diese Frage auch zu Streit führen kann, hat Verena Heubner selbst erfahren. Von 1870 bis 1985 wurden auf dem Gelände, das sich von der Offenbacher Landstraße bis zum Goldbergweg erstreckt, bis zu 300 Meter lange Seile hergestellt. Vor 30 Jahren musste die Familie Reutlinger den Standort aufgeben. Verena Heubner und ihre zwei Brüder haben sich daraufhin der Herstellung von Abhängesystemen, vorwiegend mit Drahtseilen, gewidmet und mit ihrer neuen Firma großen Erfolg gehabt. Finanziell möglich wurde die Gründung aber erst dadurch, dass die Familie die Räumlichkeiten in der Fabrikhalle an die Städtischen Bühnen vermieten konnte.

          Doch trotz des Erfolgs war das Gelände schon immer ein Zankapfel in der Familie, wie Verena Heubner berichtet. Sie und ihre Brüder seien sich uneinig darüber gewesen, wie die Gebäude und das Grundstück weiter genutzt werden sollen. Während ihre Brüder für den Verkauf plädierten, wollten sie und ihre Kinder die alte Seilerei „in den gemeinschaftlichen Nutzen überführen“. Nun, da die Firma nicht mehr Privatbesitz der Familie sei, könne sie guten Gewissens den Staffelstab übergeben, der Familienfrieden sollte damit auch nicht mehr an dem Gelände hängen.

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