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Nachtleben und Drogen : „Alice“ im Technoland

Im Rausch der Nacht: Gäste der Technoparty „Omen-Classics” Bild: F.A.Z. - Kaufhold

Tausende Techno-Anhänger tanzen an jedem Wochenende in den Klubs und Diskotheken von Frankfurt. Dort werden auch Drogen konsumiert. Die Mitarbeiter des Antidrogenprojekts „Alice“ klären die Diskobesucher über den Konsum von Rauschgift auf.

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          Jedes Wochenende kommen Tausende Techno-Anhänger in die Klubs und Diskotheken von Frankfurt. Sie lassen die Zeiten des Omen wieder aufleben. Sie spüren die Bässe und tanzen sich in Ekstase. Elf, zwölf Stunden lang. Vom späten Abend bis in die Mittagsstunden. Häufig sind sie im Rausch. Sie haben synthetische Drogen und Alkohol konsumiert, um den nächtlichen Tanzmarathon der Spaßgesellschaft durchzuhalten.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Klubbetreiber reden nicht über Speed und Co. oder darüber, dass viele der Gäste in ihren Räumlichkeiten „sniefen“ oder Pillen einwerfen. Das Problem solle vor den Türen bleiben, man tue doch alles, sagen sie. Und sprechen davon, dass sie doch „Alice“ in ihren Klub ließen. Alice als Alibi. In dieser Nacht ist Alice ausdrücklich eingeladen worden. Zu „Omen-Classics“ ins Tanzhaus West und in die „Cantina“ an der Gutleutstraße.

          Speed hat Ecstasy in der Szene abgelöst

          „Alice – The Drug and Culture Project“ prangt auf einem Plakat an einer Wand nahe der Toilette. Alice – wie Alice im Wunderland – im Technoland. Eine Welt voller Drogenphantasien. So wie der Kobold mit Stern, der über dem Schriftzug hockt. Alice, das ist ein Antidrogenprojekt, das von der Stadt Frankfurt finanziert wird und ins Leben gerufen wurde, als Techno noch eine Jugendkultur war. Die Mitarbeiter touren seitdem durch ganz Europa. Frech, subversiv und locker. Auf den Tanzflächen zuckt die Masse zu den elektronischen Klängen. Das ehemalige Fabrikgebäude erstrahlt in farbigem Neonlicht und weniger farbigem Schwarzlicht.

          Ruth von „Alice” verteilt Info-Zettel
          Ruth von „Alice” verteilt Info-Zettel : Bild: F.A.Z. - Kaufhold

          Zwischen zwei „Floors“ haben Wolfgang Sterneck, Aleks und Ruth ihre roten Karteikästen aufgestellt. Kleine Zettel informieren über Drogen, laden mit Sprüchen wie „Lebst du schon oder kaufst du noch?“ zu Gesprächen ein. Pippi Langstrumpf grinst das Partyvolk von kleinen Kärtchen entgegen. Kondome und Ohrenstöpsel zum Mitnehmen liegen bereit, Flyer rufen zu Massenblockaden gegen den G-8-Gipfel auf, und ein Heft namens „Die temporäre autonome Zone“ von Hakim Bey zeigt, wofür Wolfgang Sterneck und Alice eintreten. Daneben liegen schmale Schläuche zum sauberen „Sniefen“. Denn Speed hat Ecstasy in der Szene schon seit langem abgelöst. Die Glücksgefühlsdroge ist der Leistungsdroge gewichen.

          „Tanzende Sozialarbeiter“ und „engagierte Partyleute“ werden die ehrenamtlich tätigen Alice-Mitarbeiter genannt. Zwischen 20 und 40 Jahre sind sie alt. Sie sind wie die, denen sie nun helfen. Sterneck, eher vierzig als zwanzig, bezeichnet sich selbst als „Kulturaktivisten“. Der Sozialarbeiter mit den langen schwarzen Haaren, dem Schweißband und den silbernen Ringen kennt die nächtliche Szene seit langem, war Mitte der neunziger Jahre im Omen und seitdem auf unzähligen Techno-Partys in Frankfurt. Er habe sich auf Partykultur spezialisiert, sagt er. Und das Wort „Kultur“ ist ihm wichtig. Klar gebe es bei Techno-Partys Drogenkonsum, so wie auch Alkohol konsumiert werde. Alkohol sei Anfang der neunziger Jahren in der Szene noch verpönt gewesen, jetzt aber selbstverständlich. Es seien schließlich auch Ideale vorhanden. Man könne Techno nicht auf Drogen reduzieren. Es gehe um Kreativität. Darum, „vom Kopf in den Bauch zu kommen“, die Musik in Gemeinschaft zu genießen.

          Ein bißchen Party, ein bißchen Drogenaufklärung

          Auch Ruth und Aleks kennen die Szene und gehören zu ihr. Die Augenbrauen gepierct, ebenso das Kinn, stehen sie hinter dem Infotisch und wippen zur Musik. Aleks ist fast immer unterwegs: tanzen. Er fällt auf, selbst inmitten des bunten Techno-Völkchens. Glatze, schwarzer Hosenrock, ein netzartiger Rucksack auf dem Rücken. Alice will dazugehören, nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Drogenkonsumenten zeigen. Oft wird ihnen deshalb Verharmlosung vorgeworfen. Sie aber sagen, sie wollten weder verharmlosen noch verteufeln. Und mit den gängigen Drogenhilfekonzepten könne man die Szene gar nicht erreichen. Dann fehle das Vertrauen. Die meisten der Alice-Mitarbeiter haben selbst Drogenerfahrungen gemacht. Doch darüber reden sie nicht. Und wenn, dann nur vage.

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