https://www.faz.net/-gzg-p8iu

Albert Speer 70 : Der Zukunft experimentierfreudig zugewandt

  • Aktualisiert am

Deutschland in seiner derzeitigen Verfassung ist zu klein, zu verzagt für einen wie Albert Speer. Wie andere Großplaner des Landes zieht es auch ihn nach China. Der Bauboom in Städten wie Schanghai muß ...

          4 Min.

          Deutschland in seiner derzeitigen Verfassung ist zu klein, zu verzagt für einen wie Albert Speer. Wie andere Großplaner des Landes zieht es auch ihn nach China. Der Bauboom in Städten wie Schanghai muß die Altmeister an ihre beruflichen Anfänge erinnern, an die bauwütigen, aufbruchseligen sechziger Jahre. Was hinzukommt und der Eitelkeit sicherlich ein wenig schmeichelt: In China gelten die Erfahrung und die Weisheit der Alten traditionell sehr viel, der Respekt seitens der Jüngeren muß nicht verordnet oder herbeigeschrieben werden.

          Die große Ausstrahlung Speers, der am Donnerstag seinen siebzigsten Geburtstag feiert, rührt von einer Mischung her, die nicht nur auf Chinesen wirkt: Eine fast jungenhafte, immer wache, manchmal sprunghafte Begeisterung für die Sache paart sich mit altmodischer, mitunter versonnener Distanziertheit im persönlichen Umgang. Innere Anspannung und äußerliche Lässigkeit halten sich bei ihm die Waage. Er ist freundlich und selbstbewußt - überhaupt mutet vieles an Albert Speer amerikanisch an. Und tatsächlich hat ihn eine Reise nach Amerika zu Beginn seiner Karriere nachhaltig geprägt.

          Damit das gleich gesagt ist: Albert Speer ist der älteste Sohn von Albert Speer, dem Architekten und Rüstungsminister Hitlers. Er wurde geboren in Berlin, aufgewachsen ist er in Berchtesgaden. Der Sohn weicht den immer noch unvermeidlichen Fragen nach seiner Herkunft nicht aus. Er beantwortet sie unaufgeregt, aber auch knapp. Die Bande seien in seiner Familie nicht besonders eng geknüpft, hat er einmal gesagt. Küchenpsychologen, die Honig aus der seltenen Tatsache saugen wollen, daß der Sohn einer Nazigröße den Beruf des Vaters ergriffen hat, kommen bei ihm nicht auf ihre Kosten. Von Verdrängung, von Kompensation oder von Trauma gar kann keine Rede sein: Speer ist dem Naturell nach kein vergangenheitsorientierter Mann, vom Vater - und vom Großvater und vom Urgroßvater, beide ebenfalls Architekten - hat er vermutlich einfach eine große Begabung geerbt. Und dieses Erbe nicht auszuschlagen, war er klug und mutig genug - nicht mehr, und nicht weniger.

          Der Vater hat ihm nur einmal geholfen. Nach dem Studium wollte Albert junior München verlassen, weil sich der sportliche und lebensfrohe Mann in der Metropole des Müßiggangs karrieregefährdenden Versuchungen ausgesetzt sah. Speer ging nach Frankfurt, in die rauhe Stadt der Arbeit, zum renommierten Büro Apel, Beckert und Becker. Apel war einst Büroleiter des Vaters gewesen und gab dem jungen Mann mit den schlechten Examensnoten eine Stelle.

          Doch den sportbegeisterten Speer mit den wachen, auffallend blauen Augen hielt es nicht lange im Angestelltenverhältnis. Als er 1964 einen Wettbewerb für den neuen Ludwigshafener Bahnhof gewonnen hatte, machte er sich mit dem Büro Speerplan selbständig. Speer, der die seltene Fähigkeit zur Selbsteinschätzung hat, verlegte sich in den folgenden Jahren immer stärker auf das Feld der Stadtplanung. Die Architektur, nicht seine große Stärke, überließ er meist Mitarbeitern - mit zuletzt immer ansehnlicherem Erfolg, wie ein Hochhaus in Mannheim und die Baseler Arkaden im Frankfurter Bahnhofsviertel belegen. Speers Sache ist das Denken in Zusammenhängen, die Reduktion komplexer Aufgaben zu einfachen Lösungen. Er hat zudem ein gutes Gespür für Zeitströmungen und auch für politische Machtkonstellationen. Gute Organisation und hohes Arbeitstempo kommen hinzu.

          Speers Beiträge zur Frankfurter Stadtgestalt haben Epoche gemacht: Anfang der achtziger Jahre präsentierte er seinen Leitplan Innenstadt, nach dem die Mainzer Landstraße zwischen Alter Oper und Platz der Republik zur Hochhausmeile wurde. Der Plan war die Rettung des Westends oder dessen, was nach den Jahrzehnten des Immobilienkampfes davon übriggeblieben war. Als Architekt ist Speer dort ebenfalls präsent: An der Planung des Trianon-Hochhauses war sein Büro beteiligt, demnächst könnte die Neugestaltung des alten DZ-Bank-Turms gegenüber der Alten Oper folgen. Auch die Grundzüge des Museumsufers, dessen Ausstrahlung das Bild Frankfurts in Deutschland und in der Welt verändert hat, bestimmte Speer mit. Und mit dem Holbeinsteg durfte er selbst eine Fußgängerbrücke über den Main errichten, die zur wichtigen Abkürzung zwischen Bankenwelt und Kultursphäre geworden ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das israelische Parlament

          Regierungsbildung in Israel : Parlament stimmt für seine Auflösung

          Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres sind die israelischen Bürger zur Wahl eines neuen Parlaments aufgerufen. Der Wahlkampf wird sich vermutlich vor allem um eines drehen: die Korruptionsvorwürfe gegen Ministerpräsident Netanjahu.
           „Mit diesen Leuten haben wir nichts zu tun“: Michael Kretschmer über die AfD

          Tabubruch in Sachsen : CDU für Koalition mit Grünen und SPD

          Auf einem Sonderparteitag stimmt Sachsens CDU mit großer Mehrheit für ein Regierungsbündnis mit Grünen und SPD. Nicht immer erntet Michael Kretschmer dabei so viel Beifall wie für seine Attacke gegen die AfD.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.