https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/al-wazir-legt-plan-vor-vorstoss-fuer-laengere-laermpausen-am-flughafen-13150676.html

Al-Wazir legt Plan vor : Vorstoß für längere Lärmpausen am Flughafen

Die Nacht etwas länger Nacht sein lassen: Das sollen die vorgestellten Fluglärmpausen ermöglichen. Bild: dpa

Die von Verkehrsminister Al-Wazir am Freitag vorgestellten fünf Modelle zur Reduzierung des Fluglärms sind laut Opposition Augenwischerei. Wir stellen die Pläne vor.

          3 Min.

          Knapp acht Monate nach seinem Amtsantritt hat der hessische Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) am Freitag mehrere Vorschläge für die Schaffung siebenstündiger Lärmpausen am Frankfurter Flughafen vorgelegt. Durch die wechselnde Nutzung der vier Start- und Landebahnen sollen einzelne Regionen über das zwischen 23 und fünf Uhr geltende Nachtflugverbot hinaus eine weitere Stunde entlastet werden.

          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Helmut Schwan
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          In Abstimmung mit der Deutschen Flugsicherung, Flughafenbetreiber Fraport und der Lufthansa hat Al-Wazirs Ministerium fünf Betriebsmodelle erarbeitet, über die nun in der Fluglärmkommission und im Forum Flughafen und Region mit Vertretern der Kommunen und der Interessenverbände diskutiert werden soll. Für Ende des Jahres strebt der Minister die Entscheidung für eines der Modelle an, das dann mit Inkrafttreten des Sommerflugplans Ende März 2015 zunächst ein Jahr praktisch getestet werden soll.

          Zahl der Flugbewegungen verringert sich nicht

          In jedem Fall würden in den sogenannten Nachtrandstunden von 22 bis 23 Uhr und von fünf bis sechs Uhr einzelne Landebahnen nicht angeflogen. Als Konsequenz, erläuterte Al-Wazir, hätte ein Teil der Flughafenanwohner dann von 22 bis fünf Uhr, der andere von 23 bis sechs Uhr jeweils sieben Stunden Nachtruhe. Die Auswirkungen auf die unter den Einflugschneisen liegenden Städte und Gemeinden wären, je nachdem welches Modell zum Zuge käme, unterschiedlich (Siehe Kasten unten sowie Grafiken und Videos auf der Internetseite www.laermpausen.de).

          Klar ist, dass eine Entlastung an einer Stelle andernorts für mehr Lärm sorgen würde, weil sich die Zahl der Flugbewegungen insgesamt nicht verringert. Er hoffe, dass in den Diskussionsforen eine Einigung auf einen der fünf Vorschläge erreicht werden könne. Ob andernfalls er selbst eine Entscheidung treffen werde, ließ Al-Wazir am Freitag offen.

          „Extrem anspruchsvolles Projekt“

          Sein Ziel sei es, die Lärmpausen möglichst verlässlich umzusetzen. Das werde aber nicht jeden Tag gelingen, beispielsweise wenn die Flugpläne wegen eines Gewitters oder starker Schneefälle durcheinander gerieten. Offen sei auch, welche Folgen ein Anstieg der Zahl der Flugbewegungen von derzeit noch deutlich unter 500.000 im Jahr in Richtung der für das Jahr 2020 prognostizierten Zahl von 700.000 Starts und Landungen hätte. „Natürlich führen Lärmpausen nicht dazu, dass weniger Flugzeuge landen“, sagte Al-Wazir. „Wir bündeln den Verkehr auf den jeweils genutzten Bahnen.“ Der Effekt, dass viele Menschen in den Einflugschneisen dadurch eine Stunde mehr von Landungen direkt über ihrem Kopf verschont blieben, sei aus seiner Sicht aber eine „spürbare Verbesserung“.

          Die Anfluglinien bei Westbetrieb, Abends und Morgens. Zur Ansicht bitte Klicken.
          Die Anfluglinien bei Westbetrieb, Abends und Morgens. Zur Ansicht bitte Klicken. : Bild: F.A.Z.

          Al-Wazir sprach von einem „extrem anspruchsvollen Projekt“, weil zahlreiche Faktoren zu berücksichtigen seien. Die neuen Verfahren müssten sicher und für Lotsen und Piloten handhabbar sein. Gleichzeitig hätten Änderungen bei der Nutzung einer Start- oder Landebahn unmittelbare Folgen für den Betrieb der anderen Pisten. „Wenn auf der Südbahn bei Westbetrieb ein landendes Flugzeug aufsetzt, kann auf der Startbahn West nicht gleichzeitig gestartet werden.“ Eine Entlastung der Nordwestlandebahn am frühen Morgen hat sich nach den Worten des Ministers als nicht realisierbar erwiesen. Wegen des strikten Nachtflugverbots von 23 bis fünf Uhr seien morgens deutlich mehr Maschinen im Anflug als früher. Die Kapazität der beiden alten parallel verlaufenden und nicht unabhängig voneinander zu betreibenden Bahnen – der Center- und der Südbahn – sei daher für die Landungen zwischen fünf und sechs Uhr nicht mehr ausreichend.

          Opposition kritisiert die Modelle

          Die Opposition im Landtag zeigte sich enttäuscht bis verärgert. Al-Wazir habe die von ihm selbst geschürten hohen Erwartungen in keiner Weise erfüllt, sagte der SPD-Abgeordnete Marius Weiß. Die Linken-Fraktionsvorsitzende Janine Wissler sprach von Augenwischerei. „Es wird keine Maschine weniger in Frankfurt starten oder landen.“

          Der FDP-Parlamentarier René Rock sieht in den Vorschlägen eine „Mogelpackung“ und fürchtet, dass das Vorgehen Al-Wazirs heftige Konflikte in regionalen Parlamenten provozieren werde. Die Grünen sehen in den Vorschlägen ihres Ministers hingegen die „Chance für eine spürbare Entlastung“ der Flughafenanwohner. Beim Koalitionspartner CDU war von einem „Impuls für eine Verringerung der Lärmbelastung“ die Rede.

          Der rheinland-pfälzische Infrastrukturminister Roger Lewentz (SPD) äußerte sich vorsichtig zustimmend zu Al-Wazirs Plänen: Alle Anstrengungen, die zur Lärmentlastung führten, seien gutzuheißen; man wolle nun sehen, wie sich die Veränderungen auf Gebiete in Rheinland-Pfalz auswirkten. Die Fluglärm-Kommission, von deren Empfehlung viel abhängen wird, will prüfen, welches Modell den Vorzug erhält.

          Unterdessen haben sich die Oberbürgermeister von Frankfurt, Mainz, Offenbach und Hanau an Al-Wazir gewandt und ihn aufgefordert, über den Konsortialvertrag zwischen dem Land und der Stadt Frankfurt Lärmentlastungen für die Anwohner des Flughafens zu erreichen. Die SPD-Politiker wollen darin die Überprüfung der Pläne für das Terminal 3 und Lärmobergrenzen thematisiert wissen.

          Ost, West, morgens, abends: die fünf Modelle zu den Lärmpausen

          Die Arbeitsgruppe hat für Lärmpausen frühmorgens (5 bis 6Uhr) und spätabends (22 bis 23Uhr) fünf Modelle entworfen, über die nun die Fluglärmkommission und das Forum Flughafen und Region diskutieren sollen. Die Karten auf dieser Seite stellen exemplarisch das Modell4 vor. Es hat gute Chancen, realisiert zu werden.

          Modell 1: In der Betriebsrichtung Ost, das heißt, wenn die Maschinen wegen des Windes gen Osten landen und starten, soll danach in der Zeit zwischen 5 und 6Uhr auf der Centerbahn und damit in den Gebieten unter deren Einflugschneise Ruhe herrschen. Gelandet wird auf der Nordwest- und Südbahn, gestartet von der Startbahn West und der Centerbahn. In der sogenannten Nachtrandstunde abends zwischen 22 und 23Uhr wird dafür nur auf der Südbahn gelandet, die Starts werden auf der Startbahn West und der Centerbahn abgewickelt. In Betriebsrichtung West, die etwa während zwei Dritteln des Jahres herrscht, kommen die Maschinen frühmorgens auf der Süd- und Nordwestbahn herunter, gestartet wird ausschließlich von der Centerbahn. Abends herrscht auf Nordwest und Süd Landebetrieb, von West und Center wird gestartet.

          Modell 2: Ostbetrieb: Morgens wird auf Nordwest und Center gelandet und nur von der West gestartet. Abends steht nur die Süd für Landungen zur Verfügung, Starts von Center und West. Westbetrieb: Morgens wird auf Center und Nordwest gelandet, Starts nur von West. Abends Landungen auf Nordwest und Süd, Starts von Center und West.

          Modell 3: Ostbetrieb: Morgens Landungen auf Nordwest und Süd, Starts nur von Center. Abends Landungen nur auf Süd, Starts von Center und West. Westbetrieb: Morgens Landungen auf Nordwest und Center, Starts nur von Süd. Abends Landungen auf Nordwest und Süd, Starts von Center und West.

          Modell 4: Ostbetrieb: Landungen morgens auf Center und Nordwest, Starts von Süd. Abends Landungen auf Süd, Starts von Center und West. Westbetrieb: Morgens Landungen auf Nordwest und Center, Starts von Süd. Abends Landungen auf Süd, Starts von Center und West.

          Modell 5: Ostbetrieb: Landungen morgens auf den Bahnen Center und Nordwest, Starts von West. Abends Landungen auf der Südbahn, Starts von Center und West. Westbetrieb: Morgens Landungen auf Nordwest und Center, Starts von West. Abends Landungen auf Süd, Starts von den Bahnen Center und West.

          Weitere Themen

          Voller Überraschungen

          Heute in Rhein-Main : Voller Überraschungen

          Eine ungeplante Städtepartnerschaft und eine Tafel, die sich nicht benutzen lassen will: Peter Feldmann ist in Höchstform. Außerdem wird der neue Impfstoff ausgegeben. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Reinheit ist Illusion

          Kulturelle Aneignung : Reinheit ist Illusion

          Wenn über „kulturelle Aneignung“ diskutiert wird, muss auf die Empörung nicht lange gewartet werden. Im Frankfurter Klub Zoom wollte man es anders machen: Musiker Shantel lud zur Debatte.

          Topmeldungen

          Senioren in einem Pflegeheim essen zu Mittag.

          F.A.Z.-Exklusiv : Die Altenpflege steht vor dem Finanzkollaps

          Regierungsberater sehen die Pflegeversicherung vor einem Kollaps. Sie fordern eine Pflicht zu privater Zusatzvorsorge, um die Babyboomer stärker in die Pflicht zu nehmen.
          Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) stehen vor Beginn des TV-Duell zur Landtagswahl in Niedersachsen im NDR Studio.

          TV-Duell: Weil vs. Althusmann : Ein staatstragendes Duell in ernster Zeit

          Zwölf Tage vor der Landtagswahl trafen die niedersächsischen Spitzenkandidaten Stephan Weil (SPD) und Bernd Althusmann (CDU) treffen im TV-Duell aufeinander. Einig waren sie sich selten – außer in ihrem Auftreten.
          Dampf steigt aus den Kühltürmen des Kernkraftwerks hinter den Häusern in Dampierre-en-Burly auf.

          Atomkraft in Frankreich : Wo Habeck recht hat – und wo nicht

          Ein plötzlicher Mangel französischen Atomstroms? Habeck liegt daneben mit der Aussage, dass sich die Lage am französischen Strommarkt „in den letzten Wochen immer weiter nach unten entwickelt“ habe. Ein Fakten-Check.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.