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Abitur : Mit dem Latein zum Ende

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Büffeln bis zum Schluss: Charlotte (links) und Eliza gehören zum kleinen Kreis der Frankfurter Lateinabiturienten Bild: F.A.Z. - Daniel Pilar

Von den 2000 Abiturienten in Frankfurt haben elf den Leistungskurs Latein gewählt. Sie mussten bis jetzt für die Klausur lernen, während die anderen schon das Ende der Prüfungen gefeiert haben.

          Wenn Eliza Bullack um 14 Uhr die letzte ihrer drei Abiturklausuren abgegeben hat, wird sie das Gymnasium alleine durch den Hinterausgang verlassen müssen. Und draußen auf dem Schulhof wird es für die 18 Jahre alte Abiturientin der Schillerschule keine Feier geben, bei der sie mit ihren 130 Jahrgangskollegen auf die überstandenen schriftlichen Prüfungen anstoßen könnte. Der Grund für dieses unspektakuläre Ende der Prüfungszeit: Die Schülerin macht Abitur im Fach Latein. Und das unterscheidet sie von fast allen der rund 2000 Frankfurter Abiturienten.

          Elf Gymnasiasten sind es, die am Freitag von neun Uhr an vier Stunden lang über Cicero, Seneca und Vergil brüten werden. Während sich am humanistischen Lessing-Gymnasium immerhin eine Gruppe von zehn Schülern für den Latein-Leistungskurs entschieden hat, ist Eliza an ihrer Schule in Sachsenhausen die Einzige. In den vergangenen zwei Oberstufenjahren hat sie einen jahrgangsübergreifenden Lateinunterricht genossen. Immerhin acht Jugendliche, die sich mit der alten Sprache auseinandersetzen wollten, kamen so zusammen. Heute allerdings wird die Abiturientin ganz alleine mit ihrem Lehrer im Klassenzimmer sitzen und unter Hochdruck Texte vom Lateinischen ins Deutsche übersetzen – bei denkbar schlechten Chancen zum Schummeln.

          Ein „Pflänzchen, das umsorgt werden muss“

          Die Schulleiter der Frankfurter Gymnasien sehen das Fach aber keineswegs bedroht, auch wenn sich nur wenige Abiturienten für die Sprache der Römer entscheiden. Die Nachfrage nach Latein als zweite Fremdsprache sei sehr groß, sagt Karin Hechler, Leiterin der Schillerschule. Ungefähr die Hälfte eines Jahrgangs entscheide sich dafür. Der klassische Abschluss sei allerdings das Latinum, das die Schüler nach der zehnten Klasse automatisch erhielten, wenn ihre Lateinnote zumindest „ausreichend“ sei. In der Oberstufe gebe es an ihrer Schule ein sehr attraktives Konkurrenzangebot, viele Gymnasiasten wollten lieber noch Spanisch als weitere Sprache lernen. Wie Hechler sagt, kann sie das gut nachvollziehen, schließlich entschieden sich viele Schüler gerade deswegen für Latein, um mit diesen Kenntnissen andere romanische Sprachen leichter erlernen zu können.

          Ihre Kollegen von den beiden altsprachlichen Gymnasien der Stadt – beide verzeichnen steigende Anmeldezahlen – sehen das ähnlich. An der Heinrich-von-Gagern-Schule gab es in diesem Jahr nur einen Latein-Grundkurs, dafür haben dort zehn Schüler das Griechisch-Abitur abgelegt. Für Rupert Frankerl vom Lessing-Gymnasium ist Latein zwar gerade in der Oberstufe ein „Pflänzchen, das umsorgt werden muss“, allerdings sei an seiner Schule bisher in jedem Jahr ein eigenständiger Leistungskurs zustande gekommen.

          Dass die Nachfrage nicht groß sei, liege auch daran, dass fast ein Drittel seiner Schüler in der elften Klasse ein Schuljahr im englischsprachigen Ausland verbrächten, wo es oft gar keinen Lateinunterricht gebe. Deshalb entschieden sich in der Oberstufe viele der Gymnasiasten eher für Englisch als Prüfungsfach. Frankerl zeigt dafür Verständnis, zumal er die Ansicht vertritt, dass die Schule heute mit mehr als einer modernen Fremdsprache abgeschlossen werden sollte. Mit dem Zentralabitur könnte Latein als Abiturfach seiner Meinung nach aber wieder beliebter werden, da die Themen und die Quellenlage im Gegensatz zu anderen Fächern viel überschauberer seien.

          Rede von der „toten Sprache“

          Für Eliza und ihre Freundin Charlotte, die am Lessinggymnasium das Lateinabitur ablegt, war das allerdings nicht der Hauptgrund, der lateinischen Sprache bis zum Schluss die Treue zu halten. Sie sind sich einig, dass Latein erst in der Oberstufe „richtig Spaß macht“. Das Vokabel- und Grammatiklernen sei dann vorbei, stattdessen behandle man die wirklich interessanten Texte. Caesars „De bello gallico“, die Standardlektüre bis zum Latinum, sei nämlich nicht besonders aufregend, sagt die 19 Jahre alte Charlotte, die auch Griechisch bis zum Abitur gelernt hat. Eliza schätzt das grundlegende Wissen über die abendländische Kultur, das im Lateinunterricht der Oberstufe vermittelt werde. „Bis zum Latinum lernt man Latein, danach nutzt man es.“

          Viele Freunde und Klassenkameraden verstehen trotzdem nicht, warum sich die beiden Abiturientinnen einen Leistungskurs zugemutet haben, der als so schwierig gilt. Nicht selten ist dabei die Rede von einer „toten Sprache“. Eliza und Charlotte sind sich dagegen sicher, dass Latein viel weniger aufwendig ist als andere Fächer, man müsse nur kontinuierlich etwas dafür tun. Außerdem sind sie von den Lateinlehrern an ihren Schulen begeistert, sie seien gebildeter und gelassener als manch anderer Kollege.

          Ein kleiner Wermutstropfen bleibt für die Schülerinnen allerdings: Während ihre Klassenkameraden schon auf den Abifeten gefeiert haben, bereiteten sie sich zuhause auf die anstehende Prüfung vor. Doch wer wie Eliza Wirtschaftsrecht oder wie Charlotte Medizin studieren möchte, muss sich ohnehin daran gewöhnen, die Abende eher am Schreibtisch als auf der Tanzfläche zu verbringen.

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