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Zweites 9-Euro-Wochenende : Dicht an dicht in vollen Zügen

Kaum Beinfreiheit: Fahrgäste in einer Regionalbahn am Frankfurter Hauptbahnhof. Bild: dpa

Auch am zweiten 9-Euro-Wochenende sind manche Bahnen, beispielsweise in Richtung Rheingau, überfüllt. RMV-Geschäftsführer Knut Ringat vermisst eine über die dreimonatige Billigofferte hinausweisende Strategie.

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          Die Nachricht aus dem Zug besteht aus einem Wort: „Drin“ – dahinter ein Ausrufezeichen der Erleichterung. Eine halbe Stunde später kommt eine zweite: „Die Luft steht hier.“ Die zehnköpfige Reisegruppe hatte sich am Samstag zu einer Weinwanderung im Rheingau verabredet. Schon am frühen Morgen war sie deshalb am Frankfurter Hauptbahnhof zusammengekommen; eine halbe Stunde vor Abfahrt des Zuges. Zumindest die theoretische Chance auf einen Sitzplatz war damit gegeben.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
          Ralf Euler
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das 9-Euro-Ticket sorgt besonders am Wochenende für ausgelastete Züge. Wer mitfahren will, muss – besonders auf den gefragten Strecken – eine gewisse Flexibilität bei den Ankunfts- und Abfahrtszeiten, aber auch eine gewisse Bereitschaft zur Distanzlosigkeit mitbringen. Gerade nach zwei Jahren Corona-Abstandslehre fühlt es sich im ersten Moment absurd an, Haut an Haut mit Fremden zu stehen.

          Raus nimmer, Rein immer

          Am Abend in Rüdesheim schließt die Reisegruppe einen Pakt. Zu diesem Zeitpunkt drängen sich die Menschen dicht an dicht am Bahnsteig. Viele einfahrende Züge sind hoffnungslos überfüllt. Aussteigen will hier kaum einer, einsteigen wollen alle. Es gelingt nur wenigen. Das Paar mit dem Kinderwagen, so die Abmachung der Gruppe, solle zusammenbleiben und möglichst in einen der ersten einfahrenden Züge einsteigen. Für den Rest der Gruppe gilt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Die beiden Radfahrerinnen, die ebenfalls zur Gruppe gehören, haben sich da schon entschieden, darauf zu vertrauen, dass ihre eigene Muskelkraft, nicht aber das 9-Euro-Ticket sie nach Hause bringen werde.

          Nach Einschätzung der Deutschen Bahn ist am zweiten Wochenende mit dem billigen Monatsticket zwar wieder viel los gewesen, insgesamt sei der Zugverkehr aber stabil gelaufen. „Wir hatten ein hohes Fahrgastaufkommen erwartet, vor allem entlang der touristischen Strecken“, sagte ein Unternehmenssprecher der Deutschen Presse-Agentur. Das habe sich bestätigt.

          300.000 9-Euro-Tickets vom RMV verkauft

          Schwierigkeiten haben besonders jene Reisende, die ihr Fahrrad mitnehmen möchten. Die Verkehrsverbünde rufen deshalb zu Toleranz und Rücksichtnahme auf und bitten, auf das Mitführen von Fahrrädern zu verzichten. Aber auch für Eltern mit Kinderwagen und für Rollstuhlfahrer kann es eng werden. Die Verkehrsanbieter haben so weit wie möglich auf die Ausnahmesituation reagiert. Die Frankfurter Nahverkehrsgesellschaft Traffiq beispielsweise hat wegen des 9-Euro-Tickets das Angebot auf zahlreichen städtischen Bahn- und Buslinien erweitert; sprich: es kommen längere Züge und Busse zum Einsatz. Nach Angaben der Deutschen Bahn werden auf touristischen Strecken 50 zusätzliche Züge eingesetzt. Die zusätzlichen Züge entsprächen etwa 250 Fahrten am Tag.

          Beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) gibt es bisher weder genaue Zahlen noch Schätzungen über die Konsequenzen des Billigtickets. Bis Ende Mai waren im RMV-Tarifgebiet mehr als 300.000 der 9-Euro-Tickets verkauft worden. Natürlich gebe es „eine spürbar höhere Fahrgastnachfrage“, sagt RMV-Geschäftsführer Knut Ringat. Die „ex­trem großzügige Regelung“ in Sachen Preis, Gültigkeitsgebiet und Fahrradmitnahme führe im RMV zwangsläufig zu einer punktuell sehr hohen Auslastung der Fahrten, besonders beim Freizeitverkehr in touristischen Regionen.

          Langfristige Strategie fehlt

          Berücksichtige man, wie kurzfristig das 9-Euro-Ticket eingeführt worden und dass das Schienennetz oft schon regulär überlastet sei, bestehe der öffentliche Nahverkehr den aktuellen „Stresstest“ allerdings hervorragend. Der Politik zeige das Niedrigpreisangebot die Potentiale von Bus und Bahn auf. Allerdings, gibt Ringat zu bedenken, werde auch deutlich, „dass ÖPNV nicht wie Wasser aus dem Hahn auf- und zugedreht werden kann“. Eine Strategie über die dreimonatige 9-Euro-Offerte hinaus fehle. „Mehr ÖPNV braucht jahrelange Vorbereitung mit Bau neuer Strecken, Einstellung und Schulung von Fachpersonal sowie Bestellung zusätzlicher Züge – und natürlich die Finanzierung dieses Ausbaus.“

          Inwieweit das verbilligte Monatsticket, wie von Verkehrspolitikern erhofft, Berufspendler animiert, vom Auto auf Bus oder Bahn umzusteigen, bleibt bisher offen. Zahlen dazu gibt es nicht. Im Regionalverkehr im Rhein-Main-Gebiet und im innerstädtischen U- und S-Bahnverkehr sowie in den Straßenbahnen in Frankfurt sind die Züge im Berufsverkehr augenscheinlich aber nur marginal stärker ausgelastet als in Zeiten ohne Billigfahrkarte.

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