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83 Jahre alter Aids-Patient : Leben nach dem Schock

  • -Aktualisiert am

Ein Leben lang auf Aids-Mittel angewiesen: 83 Jahre alter Patient aus Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

83 Jahre alt ist der älteste Patient in der Aids-Station der Frankfurter Uniklinik. Die Behandlung hilft ihm. Aber die Therapie alter HIV-Infizierter birgt noch manche Rätsel. - Ein Beitrag zur F.A.Z.-Spendenaktion.

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          Plötzlich war sie da, die böse Ahnung: Ich könnte den HI-Virus haben. Die Ahnung wurde wenig später zur Gewissheit, und Heinz Deyster dachte: Jetzt ist Schluss mit mir. „Es war ein gewaltiger Schock“, sagt der 83 Jahre alte Mann, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. 15 Jahre ist das jetzt her, und er hat gelernt, die Infektion zu akzeptieren: „HIV ist ein Teil meines Lebens geworden.“

          Die Ahnung beschlich ihn, weil eine Darmverstimmung auch nach mehreren Wochen nicht mehr weggehen wollte. Sie plagte ihn seit der Rückkehr von einer Fernreise, die er unternommen hatte, nachdem er von einer Bypass-Operation im Jahr 1989 genesen war. Vier Jahre war er da schon im Ruhestand, auf den er sich gemeinsam mit seiner Frau gefreut hatte. Und erst einmal fühlte er sich nach der Operation gut, doch dann, nach fünf Jahren, kam die nicht enden wollende Darmerkrankung und schließlich die Diagnose seines Arztes: „Sie sind HIV-positiv.“

          Heinz Deyster ist nicht der richtige Name des Mannes, um den es hier geht. Der älteste Patient im Haus 68, dem HIV-Center der Universitätsklinik, möchte sich schützen. Nur seine Familie und enge Freunde wissen von der Infektion, von der viele glauben, nur homosexuelle Männer oder Drogenabhängige seien von ihr betroffen. Bei Heinz Deyster war es ein mit dem Virus verunreinigtes Blutgerinnungsmittel, das er bei seiner Bypass-Operation bekommen hatte. Bis 1994 blieb das Virus unauffällig, dann machte es sich bemerkbar – als der Körper mit der Darmerkrankung zunächst nicht fertig wurde. 250.000 Mark hat er damals von der Herstellerfirma als Entschädigung bekommen. „Sofern es dafür überhaupt eine Entschädigung geben kann“, sagt er nachdenklich.

          Mittel mit schlimmen Nebenwirkungen

          Seit 1994 ist der gebürtige Frankfurter nun regelmäßig im HIV-Center der Universitätsklinik zu Untersuchungen. Anfangs, berichtet er, habe es nur ein Mittel gegen das Virus gegeben, „mit schlimmen Nebenwirkungen“. Nach und nach aber wurde die Medikation besser verträglich. Dennoch: Seit zehn Jahren ist er verstärkt anfällig für Infektionen. „Schnupfen, Husten und Bronchitis sind bei mir sofort behandlungsbedürftige Krankheiten, bis zur Lungenentzündung. Meistens hilft nur ein Antibiotikum.“ Menschenansammlungen meidet er, wenn es geht. Zum Arzt muss er auch wegen relativ häufig auftretender Haut- und Augenentzündungen.

          Auch starke Rückschläge hat Heinz Deyster schon hinnehmen müssen – so erkrankte er vor acht Jahren an einer Lungentuberkulose, wurde stationär im HIV-Center aufgenommen. Anders als heute mussten damals die Medikamente gegen den HI-Virus wegen der Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln noch abgesetzt werden, um erst einmal die Tuberkulose behandeln zu können. Ein dreiviertel Jahr dauerte das. „Ich war an der Grenze dessen, was ich noch verkraften konnte“, sagt der Dreiundachtzigjährige rückblickend. „Ich war physisch und psychisch nah am Ende und bin dem Tod noch gerade von der Schippe gesprungen.“

          Langsam ging es wieder aufwärts, so dass er heute sogar von einem „positiven Lebensgefühl in hohem Alter“ sprechen kann, für das er dankbar sei. Als „außergewöhnlich“ stuft Gabriele Nisius, Ärztin im HIV-Center, die Entwicklung von Heinz Deyster ein, weil er mit dem Virus lebt, gut lebt. Viele seiner Altersgenossen, die wie er zu den ersten HIV-Infizierten gehörten, sind schon verstorben, weil es damals noch keine effektive Therapie gab.

          Mangelndes Wissen über Verlauf

          Das ist heute zum Glück anders, doch noch immer wissen die Mediziner nicht genug über den Verlauf der HIV-Infektion und von Aids bei alten Menschen. „Deswegen gibt es bei uns auch ein Forschungsprojekt dazu“, erläutert Nisius. Dabei soll beispielsweise auch die Wechselwirkung von HIV-Medikamenten mit anderer Medizin untersucht werden, die ältere Menschen brauchen – etwa weil sie Bluthochdruck haben oder an Diabetes leiden. Heinz Deyster muss 18 Medikamente täglich nehmen – gegen den HI-Virus genauso wie etwa für die Kräftigung seines Herzens oder zur Regulierung der Blutfettwerte. „Außerdem wird das Immunsystem bei älteren Menschen sowieso schwächer“, sagt Nisius.

          Ins HIV-Center kommen etwa 50 Patienten, die in den späten Zwanzigern oder den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren wurden, vor allem Männer. Homosexuelle sind genauso unter ihnen wie Bluter oder Menschen, die wie Deyster durch eine Bluttransfusion infiziert wurden. Viele von ihnen werden schon sehr lange behandelt. Manche erst seit kurzer Zeit – „zum Beispiel Bewohner aus Altenheimen, bei denen ein HIV-Test gemacht wurde, weil man sich Krankheitssym-ptome nicht anders erklären konnte“, schildert die Ärztin. Auch manche ihrer niedergelassenen Kollegen dächten bei HIV und Aids zunächst an Risikogruppen wie junge Homosexuelle oder Drogenabhängige und erst spät an alte Menschen, die das Virus aber auch in sich tragen könnten.

          „Intaktes Familienleben sehr wichtig“

          Für Heinz Deyster, den zweifachen Vater und dreifachen Großvater, sind in den Jahren der Infektion außer der medizinischen Behandlung seine Frau und seine beiden Söhne eine wichtige Stütze gewesen und sind es bis heute. Beispielsweise war einer seiner Söhne bei wichtigen Entscheidungen immer mit dabei im HIV-Center. „In all diesen Jahren“, sagt er, „ist mir sehr deutlich geworden, wie wichtig ein intaktes Familienleben ist.“

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“

          Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Aidspatienten in der Frankfurter Uniklinik und der Erweiterung einer Kinderstation des Vereins „Ärzte für die Dritte Welt“ in Kalkutta zugutekommen.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)

          Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)

          Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten. Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.

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