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Flughafen Frankfurt : Verhasste Startbahn West

  • -Aktualisiert am

Tausende Demonstranten und Polizisten treffen 1981 im Wald beim Frankfurter Flughafen aufeinander Bild: Barbara Klemm

Am 12. April 1984 wurde nach fast zwei Jahrzehnten heftiger Auseinandersetzungen die Startbahn 18 West am Flughafen Frankfurt in Betrieb genommen. Ohne Feier, ohne Politiker. Ein Rückblick mit Bildern aus dem F.A.Z.-Archiv

          Beinahe so beiläufig, als handele es sich um die Eröffnung eines kurzen Autobahnabschnitts irgendwo hinter Saarbrücken, wird am 12. April 1984 die Startbahn West am Frankfurter Flughafen für den Luftverkehr freigegeben – den deutschen, den internationalen, den globalen.

          Und für Frankfurter Verhältnisse durchaus bescheiden ist am frühen Vormittag dieses Donnerstags auch das Ziel des ersten Fliegers, einer Lufthansa-Maschine: Paris. Nicht Singapur, Rio oder San Francisco, wie es dem mit Abstand wichtigsten Passage- und Fracht-Flughafen der Bundesrepublik angemessen wäre. Das Ereignis ist weit davon entfernt, solchem Rang zu entsprechen. Zwar rühmen Luftfahrtsprecher und Kommunalpolitiker die neue, vier Kilometer lange und sechzig Meter breite Startbahn „18 West“ als einen Fortschritt für die Drehscheibe. Doch von der Landesregierung lässt sich überhaupt niemand blicken. Was ist geschehen?

          Am 12.04.1984 hebt das erste Flugzeug von der neuen Startbahn ab Bilderstrecke

          Die neue Startbahn ist zunächst ein in der näheren Umgebung aus verständlichen Motiven umstrittenes, aber nicht ungewöhnliches Infrastrukturvorhaben. Sie ist darüber hinaus zum Symbol einer Skepsis gegenüber dem „immer mehr, immer schneller“ geworden, gegenüber zunehmend zu beklagender Umweltzerstörung. Das Neue ist, dass hier erstmals in ihrer Geschichte die Bundesrepublik, wie sie geworden ist, mit starken Emotionen bis hin zum Hass als natur- und menschenfeindlich gebrandmarkt wird. Die Abscheu über Kapitalismus, Militarismus oder auch „Unterdrückung“ hält dazu her, vier Kilometer Beton und was sie der Luftfahrt bringen sollen, zu verteufeln.

          Insbesondere die gerade erst auf der Szene erschienenen Grünen geben den aggressiven neuen Ton vor. Der Umstand, dass im Süden des Zivilflughafens eine wichtige Militärbasis der Vereinigten Staaten angesiedelt ist, fügt dem Geschehen die besondere, international beachtete Note hinzu, nicht zuletzt deswegen, weil man den ortsansässigen Gegnern der Startbahn West, die um ihre Lebensumstände fürchten, zusätzliche Proteststichworte liefert.

          Als am Eröffnungstag, dem 12. April, das zweite Premierenflugzeug, eine Transportmaschine der Air Base, startet – eine Geste der Freundschaft an die Adresse der Amerikaner –, wird das seit Monaten der Region eingehämmerte Stichwort von der „Nato-Startbahn“ für die Propagandisten und deren Anhänger beglaubigt.

          Ein Zeitungskommentator rüffelt die Frankfurter Grünen der ersten Stunde, weil sie Politikern anderer Couleur unterstellen, sie schürten Pogromstimmung gegen Anti-Startbahn-Demonstranten. Es geht heiß her in diesen Tagen. Die Polizei erwartet für den 12. April sogenannte autonome und sonstige gewaltbereite Gruppen. Viele kommen von außerhalb. Am Tag nach den ersten Starts auf der neuen Flughafenpiste bringen die Ordnungshüter die Wasserwerfer in Stellung.

          Nun sind Stadtteile und Innenstadt Schauplätze des Geschehens. In der Nähe der Justizvollzugsanstalt Preungesheim kommt es zu Auseinandersetzungen. Auf der Eckenheimer Landstraße fliegen Steine. Die Polizei stellt die Personalien von Demonstranten fest, die aus Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Köln kommen. Am Nachmittag zieht dann ein von Polizeiketten gesäumter Demonstrationszug vom Paulsplatz auf Umwegen durch die Innenstadt. Über den Häusern kreist ein Helikopter, Straßen sind blockiert, die Lenker wartender Autos steigen aus und entledigen sich ihrer Jacken, denn dies ist der erste Frühlingstag in der Stadt der überhitzten Stimmungen und Gefühle.

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