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24-Stunden-Kita : Kinderfeen und Kobolde

Schlafenszeit: Wenn Kinder über Nacht in der Kita bleiben könnten, wäre das nach Meinung der Römerkoalition eine Hilfe für Alleinerziehende. Bild: Getty

Frankfurt will prüfen, ob sich eine 24-Stunden-Kita für Kinder von Eltern im Schichtdienst lohnt. Doch der Bedarf dafür ist fraglich – und das ist nicht das einzige Argument gegen die Idee.

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          Alleinerziehenden berufstätigen Eltern mag die Kinderfee tatsächlich wie ein guter Geist vorkommen. Seit gut drei Jahren gibt es in Essen dieses von der Stadt geförderte Angebot der, wie es etwas prosaischer heißt, „ergänzenden Kinderbetreuung“. Die Kinderfee, die sich in der männlichen Form Kobold nennt, kommt frühmorgens oder spätabends zu den Familien nach Hause und kümmert sich um die Kinder. Also dann, wenn die Kitas noch nicht geöffnet oder schon geschlossen haben, bei Bedarf auch über Nacht oder am Wochenende. So soll die Betreuungslücke geschlossen werden, die Alleinerziehende daran hindert, einen Beruf im Schichtdienst, etwa in der Pflege oder der Gastronomie, auszuüben.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wofür in Essen Bedarf ist, dafür dürfte in Frankfurt erst recht eine Nachfrage bestehen, meint die hiesige CDU. Sie steht federführend hinter einer Initiative der Regierungskoalition, die auch von weiten Teilen der Opposition befürwortet wird und in dieser Woche beschlossen werden soll. Für „Ein-Elternhaushalte“ sei es besonders schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren, heißt es in dem Antrag. Das könne dazu führen, dass die Kinder von Alleinerziehenden schlechtere Bildungs- und Teilhabechancen hätten und sich somit „prekäre wirtschaftliche Verhältnisse verfestigen“.

          Wer ohne Partner Kinder erzieht, läuft große Gefahr, den Beruf und in der Folge womöglich auch den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren. Während das Armutsrisiko für Paare mit Kind laut Daten des Statistischen Bundesamts rund acht Prozent beträgt, liegt es für Alleinerziehende bei 33 Prozent. Besonders häufig trifft es die Mütter: Mehr als 20 Prozent der alleinerziehenden Frauen sind erwerbslos, knapp ein Drittel von ihnen wünscht sich zu arbeiten. Deshalb gehört zu dem Essener Modell auch eine Beratung und ein Coaching, das bei der Jobsuche, dem Berufseinstieg und der Koordination von Arbeits- und Familienleben helfen soll.

          Nicht längere sondern flexiblere Betreuungszeiten

          Die schwarz-rot-grüne Koalition im Römer will jedoch nicht nur den Bedarf für Kinderfeen prüfen, sondern erwägt auch die Einführung einer Kindertagesstätte, die täglich 16 Stunden oder sogar rund um die Uhr in Betrieb sein soll. Die meisten Kitas haben von 7.30Uhr bis 17 Uhr geöffnet, also bis zu neuneinhalb Stunden. Außerdem gibt es in Frankfurt rund 140 Einrichtungen mit erweiterten Betriebszeiten, etwa ein Drittel davon öffnen schon vor 7.30Uhr, die anderen betreuen auch am Abend nach 17 Uhr. Außerdem gibt es in der Stadt rund 500 Tageseltern, von denen sich viele nach Absprache auch am frühen Morgen oder späten Abend um die Kinder kümmern.

          Die Römer-Koalition fürchtet jedoch, dass das nicht ausreichen könnte. Es gebe in Frankfurt sehr viele Beschäftigte im Schichtdienst, etwa in Fertigung, Gastronomie, Einzelhandel, in Pflege- und Gesundheitsberufen sowie bei Polizei und Feuerwehr, heißt es in einem weiteren Antrag, der mit dem städtischen Haushalt in dieser Woche beschlossen werden soll. Zwar gebe es private Betreuungsdienste wie das Sindlinger „Fluggi Land“ der Medical Airport Service, das an 365 Tagen im Jahr von 6 bis 22 Uhr geöffnet habe, doch hiervon profitierten nur die Mitarbeiter von Partnerunternehmen wie Lufthansa, Fraport und Siemens. Deshalb müsse die Stadt prüfen, ob es sinnvoll sei, in Eigenregie oder in Kooperation mit einem freien Träger eine Schichtdienst-Kita einzurichten.

          Es gehe nicht darum, dass Eltern ihre Kinder 24 Stunden am Tag „abgeben sollen“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael zu Löwenstein. Ziel sei es nicht, die Betreuungszeit je Kind zu verlängern, sondern sie flexibler zu gestalten und den Eltern somit die Ausübung des Berufs zu ermöglichen. Doch in der Praxis sind mit dem Vorhaben viele Probleme verbunden. Einige davon nennt die Koalition in ihrem Antrag selbst. Zum Beispiel muss geklärt werden, welche baulichen Voraussetzungen – etwa Schlaf-, Essens- und Sanitärräume – eine 24-Stunden-Kita haben müsste. Noch größer dürften die personellen Herausforderungen sein: Für den Rund-um-die-Uhr-Betrieb müsste das Personal seinerseits bereit sein, im Schichtdienst zu arbeiten und auch die Nacht in der Kita zu verbringen.

          Fehlende Nachfrage?

          Angesichts der Lage auf dem Stellenmarkt für Erzieher dürfte es schwer sein, Mitarbeiter für eine solche Kita zu finden. Selbst vielen Einrichtungen mit regulären Öffnungszeiten gelingt es derzeit nur schwer, offene Stellen zu besetzen. Vor gut einem Jahr scheiterte in Offenbach ein Pilotprojekt im Neubaugebiet am Hafen. Die Stadtverordneten hatten beschlossen, dass die dort zu eröffnende Kindertagesstätte von 6 bis 22 Uhr in Betrieb sein sollte. Doch daraus wurde nichts, weil es dem städtischen Eigenbetrieb nicht einmal gelang, genügend Erzieher für den Tagesbetrieb zu finden. Außerdem blieb auch die Nachfrage der Eltern unter den Erwartungen: Von 70 Mütter und Vätern, die ihr Kind zur Betreuung anmeldeten, bekundeten nur zwei grundsätzliches Interesse an den langen Öffnungszeiten.

          Auch in Frankfurt scheint es nicht so, als ob es einen überwältigenden Bedarf gäbe. Eine Sprecherin von Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) teilt jedenfalls mit, dass aktuell und aus den vergangenen Jahren keine diesbezüglichen Nachfragen bekannt seien. Deshalb habe das Dezernat vor zwei Monaten auf die Frage der Linken-Fraktion, ob es einen Bedarf für Schicht-Kitas gebe, auch mit Nein geantwortet.

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