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200 Jahre Frankfurter Wallservitut : Ein grüner Ring rund um die Stadt

Teil der alten Wallanlagen: Blick auf das Nebbiensche Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage
          3 Min.

          Für Manuela Rottmann ist das Ereignis, das Frankfurt in diesem Wochenende mit einem zweitägigen Fest würdigt, „ein bisschen wie der Mauerfall“. Die Umweltdezernentin meint damit die vor 200 Jahren gefällte Entscheidung der Stadt, ihren Festungswall mit seinen sternförmigen Bastionen, Wassergräben, Schanzen und einer stattlichen Höhe von fast acht Metern schleifen zu lassen, um die bis dahin herrschende Enge in der Stadt aufzuheben und den Blick ins Umland, vor allem in Richtung Taunus, frei zu machen.

          Mechthild Harting
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Pläne dazu hat es nicht nur in Frankfurt gegeben. Auch in Bremen und Hamburg sollten die militärisch überflüssig gewordenen Festungsanlagen beseitigt werden - und wie in Frankfurt gab es auch dort die Vorstellung, das neu gewonnene Areal als Grünfläche zu gestalten. Doch nur in Frankfurt wurde der Beschluss zum Schleifen 1804 tatsächlich gefasst und in den folgenden Jahren bis 1812 ins Werk gesetzt. Das Besondere an der hiesigen Entwicklung: Die Wallanlagen haben bis heute als grüner Ring überdauert, sie ziehen sich, als breiter grüner Streifen im Zickzack dem Grundriss der alten Festungsmauern folgend, auf einer Länge von vier Kilometern vom „Nizza“ im großen Bogen bis zum neuen Literaturhaus.

          „Mutter aller Landschaftsschutzgebiete“

          Aber auch in Frankfurt ist die heute rund 23 Hektar große Grünanlage immer wieder beschnitten worden, vor allem durch die Stadt selbst. Zunächst ist 1839 der Neubau des Heilig-Geist-Hospitals errichtet worden, 1880 die Alte Oper und 1902 das Schauspielhaus. Die Liste lässt sich bis heute fortführen: 1960 kam das Stadtbad Mitte hinzu, 1999 die Tiefgarage der Städtischen Bühnen. Dabei werden die Wallanlagen eigentlich - und langfristig betrachtet durchaus mit Erfolg - von der „Mutter aller Landschaftsschutzgebiete“ vor Bebauung geschützt: von der 1810 beschlossenen Wallservitut.

          Unweit des Nebbienschen Gartenhauses findet sich dieser Weiher
          Unweit des Nebbienschen Gartenhauses findet sich dieser Weiher : Bild: Verena Müller

          Das Bestehen dieser Satzung feiert die Stadt am Samstag und Sonntag mit einem Kinder- und Familienprogramm, Führungen und einer nachmittäglichen „Literarischen Performance“ der Fliegenden Volksbühne, in der Michael Quast und sein Ensemble wirken. Veranstaltungsort ist das Nebbiensche Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage, zwischen Alter Oper und Eschenheimer Landstraße. Eröffnet wird das Fest am Samstag um 14 Uhr von Umweltdezernentin Rottmann.

          Das Nebbiensche Gartenhaus ist nicht nur ein geeigneter Ort für diese Feier, weil es sei den fünfziger Jahren vom Frankfurter Künstlerclub als Ort für Ausstellungen und Konzerte bespielt wird, sondern vor allem weil es eines der wenigen baulichen Relikte ist, das aus der Zeit stammt, als die Wallanlagen grün wurden. Das Häuschen macht anschaulich, was der spätere Bürgermeister Jakob Guiollett für Frankfurt angestoßen hat.

          Wo einst flaniert wurde, tost der Verkehr

          Rottmann bezeichnet es als „geniale Idee“ Guiolletts, die Flächen der Festungsanlage als Grundstücke zu verkaufen - mit der Auflage, Mauer und Bastionen einzureißen. Erst an diese Grundstücke anschließend entstand dann der erste grüne Ring Frankfurts als öffentliche Grünanlage. Wo einst flaniert wurde, tost heute der Verkehr. Wie der Historiker Björn Wissenbach in seinem zum Jubiläum erschienen Buch „Mauern zu Gärten“ ausführt, hatte der erste öffentliche Park der Stadt im Durchschnitt eine Breite von nur 20 Metern, nur in Höhe des Rechneigrabenweihers und an der Taunusanlage gab es breitere Streifen. Den schmalen Ring und diese breiteren Passagen legte Stadtgärtner Sebastian Rinz als englischen Landschaftsgarten an, durch den sich ein mäandrierender Weg zog, der immer wieder neue Ausblicke eröffnete.

          Zur Stadt hin folgten, wie in der Wallservitut festgelegt, die Gartengrundstücke vermögender Bürger, die darauf nur Gartenhäuser errichten durften, wie ebenjenes, das der Architekt Salins de Montfort 1810 für den Verleger Marcus Johannes Nebbien baute. Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an begann die Stadt diese Grundstücke zurückzukaufen, um die Promenade zu verbreitern. 1952 wurden die Wallanlagen in der heutigen Form der Bevölkerung übergeben. Das Besondere der Wallanlagen ist die Akzeptanz, die sie bei den Frankfurtern hat. Wissenbach meint, die Bürger der Stadt seien schon gleich zu Beginn „ganz vernarrt gewesen“ in den grünen Ring, waren auf der Promenade unterwegs zum Sehen und Gesehen werden und auch, weil von dort der Blick über die Stadt hinaus schweifen konnte. Heute sind die Wallanlagen ein wichtiger innerstädtischer Erholungsraum, der nach Auffassung Rottmanns der Großstadt Gestalt gibt.

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