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20 Jahre Frankfurter Druckraum : Unter Aufsicht ist noch kein Süchtiger gestorben

Besteckausgabe: Vor 20 Jahren eröffnete der erste Druckraum in Frankfurt. Dort können Drogensüchtige unter Aufsicht Heroin konsumieren und erhalten neue Spritzen. Bild: Kaufhold, Marcus

An diesem Dienstag vor 20 Jahren wurde in Frankfurt der erste Druckraum eröffnet. Unter hygienischen Bedingungen können sich dort Drogensüchtige Heroin spritzen. Der Bedarf ist immer noch größer als das Angebot.

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          An der Optik hat sich in den 20 Jahren wenig geändert. Der Druckraum in einem Altbau an der Niddastraße ist halbhoch gefliest und weiß getüncht, Arbeitsplatten aus Edelstahl sind an drei Wänden angebracht. Dort finden sich zwölf Sitzplätze, über jedem der Stühle hängen vier Spiegelfliesen. Ein steriler Raum, der nur einem Zweck dient: dem Drogenkonsum.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am frühen Nachmittag sind alle Plätze belegt. Die Menschen blicken nicht auf, beachten einander kaum. Zu sehr sind sie mit der Zubereitung von Drogen und der Suche nach einer geeigneten Einstichstelle an ihren hageren Körpern beschäftigt: eine Frau zieht den Pullover hoch und tastet den Bauch ab, ein Mann krempelt das Hosenbein auf, ein anderer sucht im Spiegel den Hals ab.

          Kontaktaufnahme ist auch nicht erwünscht. Das Teilen oder gegenseitige Spritzen von Drogen führt zum Rauswurf, wie Sozialarbeiter Andreas Geremia erklärt. Dass sich alle an die Regeln halten, denen sie bei der Registrierung vor ihrem ersten Besuch zugestimmt haben, überwachen vier Mitarbeiter der Drogenhilfe: am Eingang, an der Anmeldung, wo die Süchtigen nach der Registrierung eine Nierenschale mit Spritzen und anderen Utensilien für den Drogenkonsum erhalten, und im Druckraum selbst.

          Erster Druckraum an der Schielestraße im Osthafen

          Am Tresen ist immer einer der Sozialarbeiter oder der Studenten, die hier jobben, anwesend und schaut nach dem Rechten. Die Aufgabe übernehmen alle im Wechsel, der gestandene Sozialarbeiter Geremia, der seit 17 Jahren dort arbeitet, ebenso wie die zierliche Studentin. Sie nehmen den Besuchern Bierflaschen und große Taschen ab, achten darauf, dass niemand mit einer Spritze herumläuft, verteilen zusätzliche Nadeln und kontrollieren, dass niemand länger als die erlaubten 30 Minuten bleibt. Sie erinnern, wenn nötig, die Süchtigen auch daran, ihren Platz aufzuräumen und zu desinfizieren, bevor sie gehen.

          Ganz ähnlich sieht es in dem Druckraum aus, den die Stadt als ersten offiziellen Konsumraum in Deutschland am 2. Dezember 1994 an der Schielestraße im Osthafen eröffnete. Auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerks gab es schon seit 2002 ein Krisenzentrum der Drogenhilfe mit Tagesangeboten und Schlafplätzen sowie einer Stelle zur Methadonvergabe für Süchtige, die vom Heroin loskommen wollten.

          Vier Druckräume gibt es heute

          Als „wichtigen Baustein des Frankfurter Wegs der Drogenpolitik“ bezeichnete die damalige Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch (Die Grünen) bei der Eröffnung das Angebot. Mit Hilfen für Abhängige und Repression gegen Drogenhändler wollten Stadt, Polizei, Staatsanwaltschaft und Drogenhilfe gemeinsam die Situation im Bahnhofsviertel, dem Umschlagplatz für die illegalen Drogen, verbessern. Süchtige sollten sich nicht mehr in aller Öffentlichkeit Spritzen setzen. Zu jener Zeit trafen sich täglich bis zu 1000 Menschen in der Taunusanlage zum Kaufen und Konsumieren von Drogen.

          Deshalb folgten schon bald weitere Konsumräume, nun im Bahnhofsviertel. Am 1. Februar 1995 eröffnete der Druckraum der Aids-Hilfe an der Mainzer Landstraße, im gleichen Jahr der im Krisenzentrum an der Elbestraße. 1996 folgte der vierte und bis heute letzte an der Moselstraße, der inzwischen an die Niddastraße verlegt wurde. Insgesamt haben sie 37 Plätze.

          147 Drogentote im Jahr 1991

          „Gesundheitsraum“ nannten die Verantwortlichen der damaligen rot-grünen Stadtregierung das neue Angebot. Gedacht war es für die etwa 150 Schwerstabhängigen, die bis dahin keines der Hilfsangebote der Stadt erreichte. Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) und Stadträtin Nimsch wollten hygienischere Bedingungen für den Rauschgiftkonsum schaffen, die Ausbreitung von HIV und Hepatitis bei Süchtigen stoppen. Im Druckraum selbst erhalten die Besucher nicht nur Spritzen und Kanülen, sondern alles, was sie für die Zubereitung der Drogen brauchen, vom Löffel über Filterwatte und Desinfektionstücher bis zur Kochsalzlösung und Ascorbinsäure zum Auflösen und sogar Fahrradschläuche zum Abbinden.

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