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175 Jahre Hauptfriedhof : Ein Rundgang durch den schönsten Park der Stadt

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Dem fünften Sohn von Benjamin Travers Esquire, Chirurg aus London, Frederic, wurde der Main zum Verhängnis. Bei Offenbach, so teilt es sein Grabstein mit, ertrank der Junge am 7. Mai 1839. "The purity ...

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          Dem fünften Sohn von Benjamin Travers Esquire, Chirurg aus London, Frederic, wurde der Main zum Verhängnis. Bei Offenbach, so teilt es sein Grabstein mit, ertrank der Junge am 7. Mai 1839. "The purity and loveliness of his character fitted him for an early translation to a better state." Siebzehn Jahre alt war Frederic Travers, auf dessen Grabplatte man im ältesten Teil des Hauptfriedhofs, nahe dem Gruftenweg, stößt. Wer den Text lesen will, muß sich bücken und den in den Boden eingelassenen Stein von Moos, Tannennadeln und kleinen Zweigen säubern. Noch zwei andere Briten sind unweit davon begraben - als hätten die Fremden in der Stadt am Ort ihres Begräbnisses heimatliche Nähe gesucht. Eine Entdeckung von vielen in Frankfurts schönstem Park. Kein zweiter Ort der Stadt eignet sich so gut dazu, Geschichte zu erfahren wie der Hauptfriedhof. Es läßt sich über die Leben großer und kleiner Leute spintisieren, während man auf sonnigen Wegen und unter dem Schatten der Bäume lustwandelt, ab und an aufgeschreckt vom Fauchen kampflustiger Eichhörnchen. Ein Garten des Erinnerns, ein melancholisches Paradies im Herzen der Stadt.

          Im neueren Teil überrascht es nicht, zwischen alteingesessenen Frankfurter auch türkische und griechische Namen oder Gedenksprüche in fremden Sprachen zu betrachten. Der Friedhof spiegelt schließlich die Geschichte seiner Stadt. Kosmopolitisch jedoch ist der Garten der Toten schon immer gewesen: Als am 1.Juli 1828, heute vor 175 Jahren, der neue Friedhof eröffnet wurde, war es eine Witwe aus Amsterdam, Maria Catharina Alewyn, die dort als erste ihre letzte Ruhestätte fand.

          Längst war damals der alte Peterskirchhof in der Stadtmitte zu klein geworden. Ein Friedhof im Stil englischer Gärten, weit vor den Toren der Stadt, sollte ihn ersetzen. Heute hat die Stadt ihn längst umzingelt. Der damals gut fünf Hektar große Gottesacker ist heute auf mehr als 70 Hektar angewachsen. Auch sein Schöpfer, der Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz (1782 bis 1861), ist dort begraben.

          Kaum hat man den Hauptfriedhof durch das klassizistische Alte Portal des Architekten Friedrich Rumpf betreten, verstummt der Straßenlärm unter lautem Vogelgezwitscher. Auf dem Hauptfriedhof herrscht nicht der Trubel des Pariser Pere Lachaise oder des Wiener Zentralfriedhofs, wo Fans nach Jim Morrison oder Beethoven suchen. Wohl gibt es jene berühmten Toten, deren Grabmäler von Verehrern aufgesucht werden. Das "Paulinchen" aus dem "Struwwelpeter", die 1856 im Alter von 15Jahren verstorbene Pauline Schmidt, zählt ebenso dazu wie Arthur Schopenhauer, Franz Winterhalter oder Ricarda Huch. Auf dem Grab des Kabarettisten Matthias Beltz liegt eine einsame Rose. Der Dichter und Journalist Karl Gutzkow (1811 bis 1878) aber scheint völlig vergessen, nur durch Zufall stößt man auf sein Grab.

          Mehr als jene Prominentengräber, die ein Faltblatt von Günter Moos ausweist, das bei der Friedhofsverwaltung erhältlich ist, faszinieren die zahllosen Monumente und Inschriften zwischen Kitsch, Poesie und Kunst unter den grünen Bäumen. Rosenumrankte Säulen, imposante Obelisken künden vom Geschmack der Zeit ebenso wie von jenem der Stifter. Trauernde Frauengestalten lehnen an Gedenksteinen - manche von ihnen haben Unbekannte mit Kunstblumen ausstaffiert. Im 19.Jahrhundert waren jene lebensgroßen Gestalten beliebte Symbole der Trauer. Einige von ihnen sind im Begriff, durch eine halbgeöffnete Tür zu treten, Übergang von einer Welt in die nächste. Auf allen großen Friedhöfen Europas ist das Türmotiv zu finden - der Frankfurter Bildhauer August Bischoff, der ein solches für die Familie Carl Oppermann entwarf, wußte, was in Mode war. Das Oppermannsche Grab, in der Gruftenreihe bekannter Frankfurter Bürger- und Adelsfamilien, ist eines der wenigen dort, das noch völlig intakt ist.

          Viele der Monumente auf dem Friedhof, einige darunter von hohem künstlerischen Wert, sind zerstört worden oder dem Zahn der Zeit preisgegeben. Sie werden zum doppelten Memento mori. Wer an ihnen vorübergeht, die Gedanken in jener Zeit, als junge Mädchen noch Petronella, Apollonie oder Auguste hießen, mag unvermutet auf ein Familiengrab von der Jahrhundertwende stoßen: Leuchtendrot reifen dort, umsäumt von einem fast zerstörten opulenten Gitter, Hunderte von Walderdbeeren. Die Natur erobert sich ihren Platz zurück und schafft neue Erinnerungen. Eva-Maria Magel

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