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100 Jahre Westend-Synagoge : Früher von Nazis bedroht, heute von Terroristen

  • -Aktualisiert am

Die Westend-Synagoge ist... Bild: dapd

1910 gründeten liberale Juden in Frankfurt die Westend-Synagoge. In der Nazizeit auf wundersamerweise der Vernichtung entgangen, muss das Gotteshaus dieser Tage vor Terroristen geschützt werden. Gefeiert wird das Jubiläum dennoch.

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          Heute vor 100 Jahren wurde die Westend-Synagoge geweiht. Gefeiert wird, weil der jüdische Kalender etwas kompliziert ist, allerdings erst in einem Monat, am 24. Oktober. Damals, 1910, als der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes, der Nobelpreisträger Paul Ehrlich und der Religionsphilosoph Hermann Cohen ihre Zylinder vor der großen Leistung der hiesigen jüdischen Gemeinde zogen, hat sich niemand vorstellen können, dass dieses Gotteshaus ein Jahrhundert später gegen Terroristen verbarrikadiert werden muss.

          Weil man mit Anschlägen islamistischer Fanatiker zu rechnen hat, werden die Westend-Synagoge wie auch das Jüdische Gemeindezentrum an der Westendstraße und viele andere jüdische Einrichtungen in Deutschland mit Barrikaden aus Zement gegen Attentate mit Autobomben gesichert. Abgesehen davon, dass dies ein trauriger Zustand ist, wird durch die Absperrung auch die schöne Architektur des Gotteshauses im Westend beeinträchtigt.

          Ein Sockel wie eine einladende Umgrenzung

          Vor geraumer Zeit hat die Stadt Frankfurt den Architekten Henryk Isenberg beauftragt, eine ästhetisch befriedigendere Lösung zu entwickeln. Dies ist Isenberg offensichtlich gelungen. Sein Plan sieht einen dreistufigen Sockel vor, der die Synagoge umgeben soll. Für das Auge wirkt dieser Sockel anders als die bisherigen Zementwände nicht wie eine abweisende Barriere, sondern wie eine einladende Umgrenzung. Er erfüllt freilich dieselbe Schutzwirkung wie die alte Barrikade.

          ...die größte ihrer Art und geistliche Zentrum des jüdischen Lebens in Frankfurt am Main
          ...die größte ihrer Art und geistliche Zentrum des jüdischen Lebens in Frankfurt am Main : Bild: dapd

          Zusätzlich zu den Stufen plant Isenberg kleine Pfeiler, die sich parallel zu den Pfeilern in der Synagogen-Fassade auf der obersten Stufe erheben. Auf ihnen sollen Lampen plaziert werden. Die am Haupteingang vorbeiführende Freiherr vom Stein-Straße wird nach seinem Plan auf eine Breite von 3,50 Meter verschmälert und bleibt Einbahnstraße. Ebenso wie die Friedrichstraße und die Altkönigstraße an den Seiten der Synagoge. Bei Letzteren soll die Fahrtrichtung gedreht werden und dann von Osten nach Westen verlaufen. Bauherr ist die Stadt Frankfurt, Oberbürgermeisterin Petra Roth will demnächst Details des Vorhabens vorstellen.

          Wundersamerweise der Vernichtung entgangen

          Geht heute die Gefahr von den Islamisten aus, so drohte sie vor sieben Jahrzehnten von der SA und anderen Nazis. Die Börneplatz-Synagoge und die Synagoge an der Friedberger Anlage sind in der Pogromnacht vom 9. November 1938 zerstört worden, die Westend-Synagoge ist wundersamerweise der Vernichtung entgangen. Ihre Lage inmitten einer dichten Wohnbebauung ließ ein Niederbrennen nicht ratsam erscheinen, wollte man eine Gefährdung der umliegenden Häuser vermeiden. Dazu kam ein mutiger nichtjüdischer Hausmeister, der sich den Marodeuren entgegenstellte. Gewisse Zerstörungen im Innern konnte zwar auch er nicht verhindern, doch das Gebäude selbst wurde in der „Reichskristallnacht“ nur unwesentlich beschädigt. Ausgebrannt ist sie erst später bei den alliierten Bombenangriffen.

          Von hasserfüllten Nazis oder fanatisierten Muslimen als künftigen Feinden konnten die Festgäste am 28. September 1910 keine Ahnung haben. Damals waren vor allem die liberalen Juden glücklich, nun endlich über eine repräsentative Heimstätte zu verfügen. Ihr Rabbiner Caesar Seligmann hatte nicht nur maßgeblich den Bau der Westend-Synagoge betrieben, sondern auch die Einführung einer neuen Gottesdienstordnung. In dem neuen Gotteshaus wurde das Hebräische zugunsten des Deutschen zurückgedrängt. Die Gründung der World Union for Progressive Judaism, heutzutage die größte religiöse Weltorganisation der Juden, geht mit auf den Frankfurter Rabbiner Seligmann zurück. Das liberale Judentum, das in Amerika so stark ist, hat seine Wurzeln also in gewisser Weise in der Westend-Synagoge.

          Synagogen-Architekt diente sich den Nazis an

          Doch schon am Tag der Weihe lauerte das Böse unter den Feiernden - ausgerechnet in Person des Synagogen-Erbauers, des Architekten Franz Roeckle. Er, der lange so viele Aufträge von Juden bekommen hatte, hat später Juden in den Tod getrieben. Nach Hitlers Machtübernahme diente Roeckle, der zeitweise mit Ernst May auch das „Neue Frankfurt“ gebaut hatte, sich den neuen Herren an. Aus dem Opportunisten wurde bald ein Fanatiker, zuletzt ein Mordbube.

          Ein erster Hinweis auf den Gesinnungswandel des Liechtensteiners gibt sein letztes großes architektonisches Werk, das 1932 bis 1933 von ihm im Heimatschutz-Stil errichtete Rathaus in seiner Vaterstadt Vaduz. Roeckle und andere liechtensteinische Nazis haben am 5. April 1933 die jüdischen Flüchtlinge Alfred und Fritz Rotter aus Berlin sowie Alfreds Ehefrau und eine weitere Frau aus ihrem Hotel bei Vaduz gelockt und verschleppt. Alfred Rotter und seine Gattin wurden dabei getötet; was mit den beiden anderen Flüchtlingen geschah, weiß man nicht.

          Buch über Architekt Roeckle geplant

          Roeckle und drei weitere Söhne ehrbarer Liechtensteiner Familien mussten sich zwar vor der Justiz verantworten, doch das Gericht zeigte sich ihnen gegenüber äußerst mild gestimmt. Sie wurden zu einer nur geringfügigen Strafe verurteilt und bald darauf aus der Haft entlassen. Mehr als 700 Liechtensteiner hatten damals eine Petition zur vorzeitigen Freilassung der Täter unterschrieben.

          Derzeit bereitet eine Verwandte Roeckles in der Schweiz ein Buch über den Architekten vor. Der Arbeitstitel lautet: „Franz Roeckle. Architekt 1902-1932“. Das für ein Urteil über Roeckle entscheidende Jahr 1933 ist darin offenbar nicht eingeschlossen. In einem Roeckle-Lebenslauf, den die als Herausgeberin vorgesehene Verwandte dem Frankfurter Architekten Isenberg vor einiger Zeit geschickt hat, ist der Mord am Ehepaar Rotter nicht erwähnt. Isenberg, der die Wandlung Roeckles zum Judenmörder vor einem knappen Jahr in Deutschland bekanntgemacht hat, schrieb jetzt an Roeckles Verwandte und pochte darauf, dass auch die dunkle Seite des Architekten in dem Buch erwähnt werde. Ob darin Geschichtsklitterung betrieben oder die Wahrheit erzählt wird, steht noch nicht fest.

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