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100 Jahre Völkerkunde-Museum : Das Haus lebt von den Schätzen, welche die Altvorderen einst aus fernen Ländern mitgebracht haben

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Große Frankfurter Preisfrage: Welche Institution beherbergte vor seiner Zerstörung im Bombenjahr 1944 das Palais Thurn und Taxis an der Großen Eschersheimer Straße? Die richtige Antwort wissen wohl nur wenige Eingeweihte.

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          Große Frankfurter Preisfrage: Welche Institution beherbergte vor seiner Zerstörung im Bombenjahr 1944 das Palais Thurn und Taxis an der Großen Eschersheimer Straße? Die richtige Antwort wissen wohl nur wenige Eingeweihte. Anders ist es nicht zu erklären, daß der Name "Völkerkunde-Museum" im Zusammenhang mit dem geplanten Wiederaufbau dieses repräsentativen Gebäudes im Herzen der Stadt nicht ein einziges Mal gefallen ist. An alles wurde gedacht, als es darum ging, eine Verwendung für das neue Thurn-und-Taxis-Palais zu finden: an elegante Geschäfte, eine Spielbank, teure Büros. Die Idee, dem "Städtischen Völkermuseum" - das später in "Städtisches Museum für Völkerkunde" umbenannt wurde und das mittlerweile "Museum der Weltkulturen" heißt - dort Räume für eine Dauerausstellung zu geben, hat niemand in dieser Stadt gesponnen; nicht einmal als verwegene Utopie. So wird sich das Museum auch nach seinem 100. Geburtstag, der am Freitag zu feiern ist, noch lange mit seinen drei Villen am Museumsufer zufriedengeben müssen.

          Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Zunächst einmal befand sich das Völkerkunde-Museum in einem Gebäude an der Münzgasse. Auf den Tag genau vier Jahre nach der Museumseröffnung, die am 22. Oktober 1904 stattgefunden hatte, zogen die Völkerkundler mit ihren Schätzen ins Thurn-und-Taxis-Palais um. Warum? Zwei Zahlen geben Antwort: 1904 umfaßte die Sammlung 4000 Objekte, 1908 schon an die 16000, die Mitarbeiter des Museums haben gesammelt "auf Schrumpfkopf komm raus".

          Allen voran der Vater und Gründungsdirektor des Museums, Hofrat Bernhard Hagen, ein Kolonialarzt, der 20 Jahre lang auf Sumatra Kranke behandelt hatte. Zwischen 1883 und 1885 erkundete er bei Wanderungen das Inselbergland, das Herz der Finsternis. Er kaufte oder tauschte auf eigene Rechnung beim Volk der Batak jene Objekte, die später zusammen mit kleinen Sammlungen des Senckenberg- und des Historischen Museums sowie der Anthropologischen Gesellschaft den Grundstock des Frankfurter Museumsbestandes bilden sollten. Kaum war Hagen Museumsdirektor geworden, machte er sich zu einer ersten offiziellen Expedition auf - finanziert von der Stadt Frankfurt. Vom Wildbeuter-Volk der Kuba in Zentralsumatra brachte der Museumsmann reiche Beute mit: etwa 600 Objekte, von der Eßschale bis zum Kopfschmuck des Häuptlings. Die bis heute bedeutendste Kuba-Sammlung außerhalb Indonesiens. Hagens Erwerbsmethoden waren aus heutiger Sicht etwas robust: Dem Häuptling soll er den Federputz in einem Überraschungsangriff regelrecht abgenötigt haben - für 15 holländische Gulden immerhin. Andere Gegenstände tauschte er günstig für Glasperlen und anderen Tand ein.

          Wie viele Tausende von Objekten nun, ein Jahrhundert später, in dem als Hauptdepot genutzten auffälligen Mäckler-Bau an der Borsigallee auf vier Etagen lagern, wissen wohl nicht einmal die Hüter dieser Schätze, die Kuratoren, genau. In der Ozeanien-Abteilung wird es einem beim Durchgehen ganz mulmig, so viele exotische Gesichter blicken einen von Krügen, Masken und Ahnentafeln an. Fremde Welten von rätselhafter Schönheit und dunkler Bedeutung sind hier auf die Dimension von Rollregalen und Schubfächern zusammengepreßt. Sie zu erforschen, ihre Gesetze zu entdecken und zu dokumentieren ist Aufgabe der Museumswissenschaftler. Eine Sisyphus-Aufgabe, weil sich immer neue Fragen stellen und weil der Objekte dank des Fleißes der Vorgängergenerationen so viele sind.

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