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Kirchenaustritte : Die Kirche verliert ihre Mitglieder

  • -Aktualisiert am

Eines von etwa 180 christlichen Gotteshäusern in Frankfurt: die Dreikönigskirche Bild: Franziska Gilli

Die Zahl der Kirchenaustritte ist in Frankfurt weiter auf hohem Niveau. Wie auch beim Rekordanstieg der Austritte im Jahr 2014 sollen oft finanzielle Gründe dahinter stecken.

          Die beiden großen Kirchen verlieren weiterhin viele Mitglieder. Zwar ist die Zahl der beim Amtsgericht Frankfurt registrierten Austritte nach einem Höchstwert 2014 im vergangenen Jahr wieder gesunken. Dennoch lag sie mit rund 5300 immer noch über den Werten der Jahre 2010 bis 2013. In den ersten zehn Wochen dieses Jahres haben schon 1002 Katholiken und Protestanten ihre Kirchen verlassen.

          Ein Kirchenaustritt wird vor dem Amtsgericht erklärt. Zum Bezirk des Frankfurter Gerichts, einschließlich seiner Außenstelle in Höchst, gehören außer dem Stadtgebiet der Mainmetropole auch Bad Vilbel und Karben sowie sechs Kommunen im Main-Taunus-Kreis. In Frankfurt leben derzeit 128.000 evangelische und 159.000 katholische Christen. Damit machen sie gemeinsam rund 40 Prozent der Stadtbevölkerung aus.

          Missbrauchsskandal 2010 führte wohl zu Austritten

          Im vergangenen Jahr kehrten 2618 Katholiken und 2675 Protestanten im Bezirk des Frankfurter Amtsgerichts ihrer Kirche den Rücken - weniger als 2014, als es 3045 beziehungsweise 3392 waren. Zu vermuten ist, dass sich die Vorgänge um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst auch 2014 noch in den Austrittszahlen widerspiegelten. Signifikant hatte sich die Zahl der austretenden Katholiken während der Krise im Bistum Limburg im Jahr 2013 erhöht, nämlich auf 2501. Dem standen 2148 ausgetretene evangelische Christen gegenüber.

          Auch im Jahr 2010 verließen mehr Katholiken als Protestanten ihre Kirche, was mit dem damals öffentlich gewordenen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zusammenhängen dürfte. Sonst ist die Austrittszahl in der evangelischen Kirche höher als in der katholischen.

          Das gilt zumindest auch für die ersten zehn Wochen dieses Jahres. Nach Auskunft des Amtsgerichts erklärten bis zum 11. März 520 evangelische und 482 katholische Christen ihre Kirchenmitgliedschaft für beendet. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, läge die Austrittszahl am Jahresende bei etwa 5200.

          Geldsparen soll Grund für Rekordwert sein

          Vertreter der Kirchen machen unter anderem finanzielle Gründe für einen Austritt verantwortlich. „Zum Beispiel bei jungen Familien, bei denen das Geld knapp ist“, sagt Pfarrer Ralf Bräuer, Sprecher des evangelischen Stadtdekanats. Seine Kollegin von der katholischen Stadtkirche, Doris Wiese-Gutheil, nennt als anderes Beispiel gut verdienende Mitarbeiter von Banken, die aus Ländern kommen, in denen es keine Kirchensteuer gibt. Wer aus finanziellen Gründen die Kirche verlasse, habe sich allerdings meist schon innerlich von ihr entfernt, fügt sie hinzu.

          Der Wunsch, Geld zu sparen, führte im Jahr 2014 vermutlich zu den hohen Zahlen. Seit damals wird bei steuerpflichtigen Kapitalerträgen die Kirchensteuer automatisch einbehalten. Darin sieht zumindest die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) einen Grund für den „sprunghaft angestiegenen“ Kirchenaustritt in jenem Jahr, als 19.703 Mitglieder gingen, gut 6000 mehr als 2013. Im Bistum Limburg verließen 2014 rund 7900 Katholiken ihre Kirche. Im Jahr zuvor waren es sogar fast 8000, was gewiss mit dem „Tebartz-Effekt“ zu tun hatte.

          Kirchen wollen Wiedereintritt erleichtern

          Bräuer zufolge suchen unter anderem junge Familien wieder die Nähe zur Kirche, etwa wegen einer Taufe. Die evangelische Kirche hat in Frankfurt eine Wiedereintrittsstelle im Dominikanerkloster. Wie Bräuer sagt, gibt es dort 170 Eintritte im Jahr und noch einmal so viele in den Gemeinden. Wer in Frankfurt in die katholische Kirche eintreten will, kann sich außer an die Pfarreien an den Kirchenladen „punctum“ an der Liebfrauenkirche wenden. Dort wird man nach einem Vorgespräch und dem Erstellen der nötigen Unterlagen an einen Priester vermittelt, der den Akt der Aufnahme vollzieht.

          In der Württembergischen Kirche kann man sogar per Telefon wieder in die evangelische Kirche eintreten, wie Bräuer schildert. Er selbst hält das aber für wenig sinnvoll. „Darüber sollte man schon persönlich und vis-à-vis sprechen.“

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