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Frankfurt will Weltkulturerbe : Zwei Vorschläge für die Unesco-Liste

Denkmal der deutschen Geschichte: die nach der Zerstörung im Bombenhagel wiederaufgebaute Paulskirche. Bild: Lisowski, Philip

Frankfurt sehnt sich nach einem Weltkulturerbe. Die FDP will die Paulskirche adeln. Doch die Frist für eine Anmeldung läuft bald ab. Die Siedlungen des „Neuen Frankfurt“ haben größere Chancen.

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          Einen „extrem hohen Symbolwert“ hat die Paulskirche für Dieter Offenhäußer zweifellos. Aber genügt das, um ihr einen Platz auf der begehrten Welterbeliste zu verschaffen? Der Sprecher der Deutschen Unesco-Kommission erläutert die Kriterien, die ein Gebäude erfüllen muss, um den Status als Weltkulturerbe zu erlangen: Im Kern geht es um einen „außergewöhnlichen universellen Wert“. Außerdem gelten übergreifende Merkmale wie Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität. Außerdem sollte es einem oder mehreren weiteren Unesco-Kriterien entsprechen. Ein Weltkulturerbe sollte einen modellhaften Charakter haben, aber auch der assoziative Wert des Baudenkmals spielt eine Rolle.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der FDP-Kreisverband hat das Thema ausgegraben. Er schlägt vor, die Paulskirche als „Wiege der deutschen Demokratie“ zum Weltkulturerbe zu erheben. Den entsprechenden Antrag sollen die liberalen Parteifreunde im Römer und im Landtag unterstützen. Gestern Abend stieß der Vorschlag auf der Mitgliederversammlung auf breite Zustimmung.

          Bis 2014 wird eine neue nationale Vorschlagsliste erarbeitet

          Der Paulskirchen-Vorstoß wäre nicht der erste Versuch, Frankfurt einen Platz auf der Unesco-Liste zu verschaffen. Vor fünf Jahren scheiterte das Ansinnen, den Kaiserdom St. Bartholomäus auf die Liste zu bringen, kläglich. Der Magistrat hatte die Erfolgsaussichten eines Antrags geprüft und abgewunken. Das Bauwerk sei zwar eindeutig mit bestimmten Ereignissen verknüpft, die von internationaler Bedeutung gewesen seien, hieß es damals. Allerdings müsse noch mindestens ein weiteres Kriterium erfüllt sein.

          Bis 2014 wird eine neue nationale Vorschlagsliste erarbeitet. Verabredet wurde, dass jedes Bundesland nur zwei Stätten anmelden kann. „Wenn man auf diese Liste will, sollte man schnell sein“, meint Offenhäußer. Die Frist für eine Anmeldung läuft schon am 1. August ab. Dann berät die Kultusministerkonferenz über die sogenannte Tentativliste, die alle Vorschläge Deutschlands an die Unesco enthält. Wer die Frist versäumt, muss sich lange gedulden: Für jedes Land entscheidet die Unesco jedes Jahr nur über je einen Antrag auf Natur- und Kulturerbe. Derzeit wird noch die alte Vorschlagsliste abgearbeitet, auf der als einziges hessisches Denkmal der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel vertreten ist.

          „Lücke“ schließen

          Die Kriterien für die Anerkennung als Welterbe sind streng. Erschwerend kommt hinzu, dass es in Deutschland schon vergleichsweise viele Welterbe-Stätten gibt. Die Unesco will deshalb andere Kontinente stärker gewichten. Besonders Denkmale aus dem 20. Jahrhundert sind noch unterrepräsentiert. Vor diesem Hintergrund könnten die von Ernst May angelegten Siedlungen des „Neuen Frankfurt“ bessere Chancen haben. Eine Arbeitsgruppe, zu der das Deutsche Architekturmuseum und Denkmalschützer gehören, bereitet einen Antrag vor. „Wir würden es alle begrüßen, wenn Frankfurt eine professionelle Bewerbung starten würde“, sagt Museumsdirektor Peter Cachola Schmal. Für ihn ist „der Weg das Ziel“, weil die Stadt von dem Verfahren profitieren würde.

          Die Frankfurter May-Siedlungen könnten eine „Lücke“ schließen. Zwar wurden 2008 schon die Siedlungen der Berliner Moderne in die Welterbeliste aufgenommen. Allerdings hatte Icomos, eine Unterorganisation der Unesco, bei der Evaluierung des Antrags der Berliner Siedlungen erwogen, die Frankfurter Siedlungen als „Ergänzung“ aufzunehmen.

          Mit Darmstadt und Wiesbaden konkurrieren

          Der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, Gerd Weiß, der das Bewerbungsverfahren in Hessen koordiniert, ist daher zuversichtlich. Das Problem der Siedlungen des „Neuen Frankfurt“ sei allerdings ihr Überlieferungszustand, denn in der Vergangenheit sind viele Bewohner mit den May-Gebäuden nicht gerade pfleglich umgegangen. Weiß ist gespannt, inwiefern sie aus Sicht der Unesco noch die Maßstäbe an ein „authentisches Denkmal“ erfüllen. Die Chancen der Paulskirche hält er für gering. „Sie ist ein bedeutendes historisches Erbe der deutschen Geschichte. Aber es geht um das Welterbe.“ Der internationale Einfluss der May-Siedlungen sei größer, denn der Siedlungsbau habe einst bis nach Russland und Afrika ausgestrahlt.

          Frankfurt würde mit Darmstadt und Wiesbaden um die Aufnahme in die nationale Tentativliste konkurrieren. Die beiden Nachbarstädte haben sich mit der Mathildenhöhe als Zentrum des Jugendstils beziehungsweise als Stadtdenkmal des Historismus beworben.

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